Ein Delmenhorster in Berlin: Lutz Steinbrück schreibt Songs und Lyrik / Lesung im Bremer Lagerhaus

Mit dem Extra auf der Performance-Ebene

Lutz Steinbrück ist ein Mann des Wortes. Der 42-Jährige, der in Delmenhorst aufgewachsen ist und hier sein Abitur gemacht sowie seinen Zivildienst abgeleistet hat, arbeitet als Journalist, textet für seine Band – und schreibt Lyrik. Zwei Bände mit seinen Gedichten sind bereits erschienen. In der kommenden Woche ist der Wahl-Berliner in der Nähe der alten Heimat zu Gast: Er liest im Lagerhaus in Bremen.
02.05.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Marco Julius
Mit dem Extra auf der Performance-Ebene

Zu Besuch in der alten Heimat: Als Einflüsse für seine Lyrik nennt Lutz Steinbrück den Underground-Dichter Rolf-Dieter Brinkmann und den frühen Durs Grünbein.

Ingo Moellers

Lutz Steinbrück ist ein Mann des Wortes. Der 42-Jährige, der in Delmenhorst aufgewachsen ist und hier sein Abitur gemacht sowie seinen Zivildienst abgeleistet hat, arbeitet als Journalist, textet für seine Band – und schreibt Lyrik. Zwei Bände mit seinen Gedichten sind bereits erschienen. In der kommenden Woche ist der Wahl-Berliner in der Nähe der alten Heimat zu Gast: Er liest im Lagerhaus in Bremen.

Berlin, das ist ein guter Ort, um Gedichte zu schreiben. Sagt einer, der es wissen muss. Lutz Steinbrück, geboren in Bremen, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Delmenhorst, ist seit 2004 Berliner – und dort zum Lyriker geworden. Lyrik, ist das eigentlich noch zeitgemäß? Das ist keine Frage, mit der sich der 42-Jährige lang beschäftigt. Die Worte kommen eben – und sie müssen raus. „Dabei bin ich als Lyriker ein Spätstarter“, sagt Steinbrück. Aber ein Mann des Wortes ist er schon immer gewesen. Als Teenager – Steinbrücks Eltern sind Lehrer – hat er seine erste Band, die Blues Buben, bald versucht er sich an Songtexten, das hat er bis heute beibehalten – und über den Versuch ist er dabei längst hinaus. Seine Brötchen verdient er ebenfalls mit Worten, als freier Journalist und Lektor.

Mit Lyrik lässt sich heute schließlich kaum Geld verdienen, das weiß Steinbrück, da kann man sich glücklich schätzen, dass es Verlage gibt, die einen drucken wollen. 2008 ist Steinbrücks Debüt „Fluchtpunkt Perspektiven“ (Verlag Lunardi) erschienen, 2011 hat das Verlagshaus J. Frank aus Berlin „Blickdicht“ herausgebracht. Aktuell arbeitet er am nächsten Manuskript. Etwa 40 Gedichte sind bereits fertig. Wobei fertig nicht der richtige Ausdruck ist, wie Steinbrück erläutert: „Ein Gedicht ist nicht für sich fertig, der Leser gibt ihm erst einen – seinen – Sinn.“ Auch deswegen schätzt der Mann, der am Maxe sein Abitur gemacht hat, Lesungen. „Vor Publikum erhalten die Gedichte durch die Art des Vortrags ein Extra auf der Performance-Ebene“, hat Steinbrück selbst immer wieder erlebt.

Als Einflüsse nennt er Rolf-Dieter Brinkmann (1940 bis 1975) und die präzise Intensität seines sprachlichen Ausdrucks – und den jungen Durs Grünbein, früher fast so etwas wie ein Säulenheiliger in Steinbrücks lyrischer Welt: „Grünbeins frühe Gedichte haben einen eigenen Zauber. Es ist eine rhythmische, assoziative, pointierte Sprache voller eindringlicher Bilder. Darin drücken sich verdichtetes Unbehagen und empfundene Ohnmacht in einer durchtechnisierten Welt aus. Das hat mich fasziniert.“ An Lyrik reizt ihn – im Gegensatz zum Großteil der Prosa – dass Wörter in ihrem Verständnis oft nicht eindeutig sind.

Weg vom 1:1, das ist etwas, das Steinbrück, der in Berlin-Kreuzberg lebt, auch für seine Gedichte in Anspruch nimmt. Die Verdichtung von Sprache zur Kunst, die treibt ihn um. Der Blick aufs Alltägliche wird dabei verbunden mit einer Sprache, die verrätselt sein darf, die den schnellen, leichten Konsum bewusst verunmöglicht. So kurz seine Gedichte mitunter sind, sie erschließen sich nicht immer auf den ersten Blick – und das sollen sie auch gar nicht. „Meine Songtexte sind klarer und sloganhafter“, sagt der Autor. Die Gedichte seien hingegen eine andere, eine eigenständige Form. Und auch wenn seine Lyrik surreal anmutet, wenn Perspektiven gebrochen werden: Seine Gedichte sind doch aus dieser Welt und nehmen die Widersprüche auf, die Steinbrück wahrnimmt. „Ich reibe mich oft an der Gesellschaft“, sagt der Lyriker, ein politisch denkender Mensch mit Ironie und Sarkasmus, der Wut und Verwunderung über die Zustände im Land kennt – und in Worte packen kann, ohne agitieren zu wollen.

Mit seiner Lyrik hat er sich auf einen Weg gemacht, der ihn inzwischen weit fortgetragen hat aus der Zeit, als es im selbst geschrieben Metal-Punk-Song „More Beer“ tatsächlich nur um „mehr Bier“ ging. Steinbrück kann darüber heute lachen. Aber er weiß auch, dass es damals eben genau richtig war, genau dem Gefühl entsprach, so einen schlichten Song zu schreiben und zu spielen. Seine Songtexte haben sich seitdem auch entwickelt, heute nennt er deutschsprachige Bands wie Peter Heins „Fehlfarben“ und Frank Spilkers „Die Sterne“ als wesentlichen Bezugspunkt seiner Formation „Neustadt“, zwei Bands, die viel Wert legen auf den Text.

Wenn er heute zu Besuch zurückkommt nach Delmenhorst, dann blickt er recht klar auf Kindheit und Jugend, da wird nichts nostalgisch verklärt. Die Zeit am Maxe, die habe er mit gemischten Gefühlen erlebt. „Da waren die einzelnen Freundeskreise sehr verschlossen.“ Er hat seine Freunde in Huchting gefunden. Dort sei alles offener, toleranter gewesen. Wenn er seine alte Heimat heute sieht, dann ist sein erster Kommentar zur Innenstadt angesichts des verbreiteten Leerstands: Tristesse.

Steinbrück hat Delmenhorst nach dem Zivildienst in den Städtischen Kliniken („Küche und Hausmeisterei, eine lehrreiche Zeit“) fürs Studium Richtung Oldenburg verlassen, um dann nach Berlin zu gehen. Dabei hat er in Delmenhorst seinen größten Erfolg gefeiert, wie er lachend erzählt. „1979/80, als Torwart Kreismeister mit der F-Jugend des TuS Heidkrug – unvergessen.“ Zählt in Berlin natürlich wenig. Aber die Stadt, in der es sich dichten lässt, in der es Raum gibt für Lesungen, hat es ihm angetan. Auch weil Berlin ein „Netzwerk von Lyrikern, eine Szene“ hat, was ihm wichtig ist. Die Hauptstadt liefert ihm auch die nötige Inspiration. „In Berlin gibt es eben so viele skurrile Typen“, sagt er und erzählt von dem Meisenprinz, der in die U-Bahn stieg und ständig schrie: „Wer hat die Perserkatze erfunden?“. Der Beginn eines neuen Gedichts – frei Haus geliefert.

Der Stoff geht an der Spree und am Landwehrkanal nicht aus. Steinbrück wird also weitermachen. Als Journalist, als Singer-Songwriter, als Gitarrist – und natürlich als Lyriker. Wer ihn selbst erleben will, hat dazu am kommenden Mittwoch, 7. Mai, ab 19 Uhr im Lagerhaus im Bremer Viertel Gelegenheit. Dann liest er gemeinsam mit Bas Böttcher und Nikola Richter (zwei Wahl-Berliner aus Bremen) unter dem Titel „Die Weser endet in Berlin“. Alle drei werden angekündigt als Lyriker, die zu den erfolgreichsten der Gegenwart im deutschsprachigen Raum gehören.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+