Gedenkfeier zur Pogromnacht 1938 / De La Lanne: Erinnerung auch nach dem Tod der Zeitzeugen weitertragen Niemals vergessen

Wider das Vergessen kamen gestern Vertreter von regionalen Vereinen, Verbänden und Institutionen zusammen. Gemeinsam erinnerten sie an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Nacht, in der in ganz Deutschland - auch in Delmenhorst - die Synagogen brannten. Im Rathaus gedachten die Anwesenden der Opfer des nationalsozialistischen Gewaltakts.
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Wider das Vergessen kamen gestern Vertreter von regionalen Vereinen, Verbänden und Institutionen zusammen. Gemeinsam erinnerten sie an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Nacht, in der in ganz Deutschland - auch in Delmenhorst - die Synagogen brannten. Im Rathaus gedachten die Anwesenden der Opfer des nationalsozialistischen Gewaltakts.

Von Tina Hayessen

Delmenhorst. "Am Jisrael chai" - mit diesen hebräischen Worten begann gestern Annette-Christine Lenk ihre Gedenkansprache. Die Oldenburger Oberkirchenrätin der evangelisch-lutherischen Kirche übersetzte sogleich: "Das Volk Israel lebt." Sie wollte nicht nur an die Schrecken des Dritten Reichs erinnern, sondern auch auf die positiven Entwicklungen aufmerksam machen, die in der Gesellschaft zu erkennen sind, seitdem das Nazi-Regime ein Ende fand. "Dass es in Deutschland wieder viele jüdische Gemeinden gibt, wie hier in Delmenhorst, ist ein Wunder."

"Wir sind hier angekommen, wir sind hier zu Hause", ließ auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Pedro Benjamin Becerra, Positives in die Gedenkfeier einfließen. Stolz betonte er, dass die Delmenhorster als erste jüdische Gemeinde Niedersachsens einen Förderverein hätten. Allerdings gebe es auch hier immer wieder Anlass zu glauben, dass es mit der Erinnerung an die Taten im Nationalsozialismus nicht weit her sei. "Man fährt 20 Minuten und kommt in eine Stadt, in der sich Faschisten im Parlament breit machen", ärgerte er sich über die rechtsextreme Partei im Stadtrat Oldenburgs. Auch 73 Jahre nach der Reichspogromnacht, unterstrich er, müsse aktiv an der Erinnerung gearbeitet werden. "Die Zeitzeugen sterben aus. Aber die Verantwortung, die Geschichte weiterzugeben, bleibt bestehen."

Flammen in der Cramerstraße

Und obwohl kein Zeitzeuge sprach, wurde das, was sich in Delmenhorst vor 73 Jahren abgespielt hat, erschreckend anschaulich, als Oberbürgermeister Patrick de La Lanne den ehemaligen Ausländerbeauftragten der Stadt Oldenburg, Werner Vahlenkamp zitierte. Dieser hatte sich mit der Geschichte Delmenhorsts im dritten Reich beschäftigt und die Geschehnisse in der Nacht des Novemberpogroms an der Synagoge in der Cramerstraße rekonstruiert. "Da das Gebäude, ein erst zehn Jahre alter Betonbau, nicht recht Feuer fing, mussten die Brandstifter mit Benzin übergossene Erbsensträucher durch ein Fenster in den Innenraum werfen", beschrieb de La Lanne das Geschehene. Die örtliche Gestapo habe das Löschen verboten. Nur die anliegenden Häuser durften gerettet werden. 16 jüdische Männer seien daraufhin im Gerichtsgefängnis gelandet, sagte de La Lanne und betonte, ebenso wie Becerra zuvor, dass es die Aufgabe der heutigen Erwachsenen sei, auch die zukünftige Generation über die Vergangenheit aufzuklären.

"Wir konnten noch die Zeitzeugen hören, wir konnten sie befragen und verstehen. Unseren Kindern und Enkeln müssen wir das weitergeben."

Nach den Ansprachen zogen die Teilnehmer der Gedenkfeier noch durch die Fußgängerzone, vorbei an dem Platz, an dem die Synagoge 1938 vor den Flammen und ihren Entfachern kapitulieren musste und auf den jüdischen Friedhof, um dort einen Kranz in Gedenken an die Ermordeten niederzulegen.

"Gegen das Vergessen" stand auf dem Transparent, hinter dem sich die Gedenkenden versammelten und: "9./10. November 1938". Tatsächlich löste es bei vielen Passanten Verwunderung aus, die sich die Stirne kräuselnd umdrehten. Doch das Plakat weckte offenbar auch Erinnerung: "Was ist denn da?", fragte eine junge blonde Frau in der Langen Straße und reckte den Hals. Ein Blick auf das Transparent ließ sie kurz überlegen und dann langsam verstehend nicken: "Ach so."

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