Bürokauffrau Christine Behrens ist nur 131 Zentimeter groß

Nur nicht kleinmachen lassen

Delmenhorst. Christine Behrens leidet an Achondroplasie, einer Genstörung, die das Wachstum beeinträchtigt. Aber was heißt leidet? Die 27-Jährige, die so groß ist wie eine Grundschülerin, steht mitten im Leben, selbstbewusst und selbstständig.
14.01.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marco Julius
Nur nicht kleinmachen lassen

Die kleinwüchsige Christine Behrens hat früh gelernt, sich alleine zu helfen. Die selbstbewusste junge Frau ist dennoch hin und wieder auf die Hilfe anderer angewiesen.

Ingo Moellers

Christine Behrens leidet an Achondroplasie, einer Genstörung, die das Wachstum beeinträchtigt. Aber was heißt leidet? Die 27-Jährige mit Schuhgröße 32, die also so groß ist wie eine Grundschülerin, steht mitten im Leben, selbstbewusst und selbstständig.

In diesen Tagen erhält Christine Behrens wieder viel elektronische Post. Nette Mails, Zeilen von Menschen, die sie kennenlernen wollen. Der Grund: Im Fernsehen ist just eine Dokumentation wiederholt worden. „Für die stand ich 2007 vor der Kamera“, sagt die 27-jährige Bürokauffrau. Die Reportage zeigt, wie die 1,31 Meter große Frau ihr Leben meistert – und das mit viel Lebensfreude. Man kann durchaus sagen, dass der Fernsehauftritt ihr Leben verändert hat, denn durch die Ausstrahlung hat die kleinwüchsige Christine ihren Freund, übrigens normal groß, kennengelernt. Der hatte die Sendung damals gesehen und sich sehr beeindruckt direkt bei ihr gemeldet.

Natürlich antwortet Christine Behrens auch jetzt auf alle Mails und auf Posts auf ihrer Facebook-Seite, aber sie schreibt dann gleich hinzu, dass sie mittlerweile seit über vier Jahren in festen Händen ist. So fest, dass sie bald zu ihrem Freund nach Ahlen ins westfälische Münsterland ziehen will. „Die Fernbeziehung nervt nämlich“, sagt sie. Und Kinder möchte Christine Behrens auch. „Am liebsten zwei“, sagt sie, selbst wenn es durchaus möglich ist, dass sie auch kleinwüchsig sein könnten. Im Moment schreibt sie fleißig Bewerbungen für den Raum Ahlen. 130 sind es schon. Noch hat nichts geklappt. Christine Behrens weiß nicht, ob es vielleicht daran liegen könnte, dass sie kleinwüchsig ist. Zumindest schreibt sie es jetzt erstmal nicht mehr in ihre Bewerbungen hinein.

Zwei Wochen nach ihrer Geburt haben die Ärzte festgestellt, dass Christine an der sogenannten Achondroplasie leidet, einem Gendefekt, der das Wachstum beeinträchtigt. Aber was heißt schon leidet? „Ich bin ein zufriedener, glücklicher Mensch“, sagt die 27-Jährige heute. Sicher, für ihre Eltern sei die Nachricht damals ein Schlag gewesen. Doch die Eltern wurden sofort aktiv, holten sich Rat beim Bundesverband Kleinwüchsiger Menschen – und entschlossen sich, ein neues Haus zu bauen. Ein Haus, in dem Christine noch heute lebt, zumindest so lang, bis sie einen Job in Ahlen gefunden hat. Die Türklingel hängt tiefer, der Briefkasten auch. Die Fensterhebel sind so angebracht, dass Christine herankommt, der Eingang ist barrierefrei, im Bad gibt es ein eigenes Waschbecken für sie – all das erleichtert ihr den Alltag. Das Wichtigste aber, was ihre Eltern für sie tun konnten, hat mit materiellen Dingen nichts zu tun: „Meine Eltern haben mich nicht in Watte gepackt. Sie haben mich zu einem selbstständigen und selbstbewussten Menschen erzogen. Dafür bin ich ihnen dankbar.“ Auch wenn es nicht immer leicht gewesen sei, so habe sie doch schnell gelernt, möglichst auf eigenen Beinen zu stehen, ein normales Leben zu leben.

Im Kindergarten ist ihr erstmals bewusst geworden, dass sie nicht so wächst wie andere Kinder. In der Grundschule gab es ein paar Hänseleien, dann ist sie mal zum Lehrer, es gab eine Schulkonferenz, fertig. „Eigentlich hatte ich in der Kindheit keine Probleme. Ich bin gern zur Schule gegangen und hatte nie Angst“, sagt sie. Christine Behrens hat die IGS in Delmenhorst besucht, ist danach zur Höheren Handelsschule gegangen und hat dann die Lehre zur Bürokauffrau begonnen. Von anderen Kleinwüchsigen weiß sie, dass es sie härter getroffen hat. „Manchen ist auf den Kopf gespuckt worden“, berichtet sie. Das sei ihr zum Glück nie passiert. Manchmal werde sie angestarrt, „aber das bemerke ich kaum noch“.

Manchmal auf Hilfe angewiesen

Für ihre Arbeitskollegen ist es heute auch so normal, dass sie manchmal vergessen, dass Christine kleinwüchsig ist. „Wenn ich sage, dass es warm ist im Büro und frage, ob wir ein Fenster öffnen wollen, sagen sie manchmal: ,Ja stimmt, mach ruhig.‘ Und dann fällt ihnen ein, dass ich das im Büro nicht allein kann.“ Oder die Kollegen bieten ihr ihr Auto an, bis ihnen wieder klar wird, dass Christine einen Wagen mit Pedalverlängerung fahren muss.

Im Supermarkt, wenn mal wieder ein Artikel so hoch im Regal liegt, dass Christine nicht herankommt, dann fragt sie einfach jemanden. „Die Leute sind meistens sehr hilfsbereit.“ Es ist ihre offene Art, die es dem Gegenüber leicht macht, mögliche Vorurteile und Hemmschwellen zu vergessen. Sie freut sich, dass das Thema Barrierefreiheit in den vergangenen Jahren immer mehr umgesetzt wurde. Zugfahren sei heute kein Problem mehr. Aber manchmal gibt es dann doch Hindernisse. Im Parkhaus etwa, da müsse sie immer einen Fünf-Euro-Schein dabei haben, denn am Automaten kommt sie nicht an den Münzschlitz, den Schlitz für die Scheine erreicht sie aber noch.

Schauspielerei als Leidenschaft

Aber eigentlich kennt Christine keine Grenzen. Sie treibt Sport, reist gern (New York) hat Gesangs-, Musical- und Schauspielunterricht genommen, im Chor gesungen und vieles mehr. Die Schauspielerei ist eine Leidenschaft, die gerade etwas zu kurz kommt. „Eine Zeitfrage“, sagt die Frau mit Schuhgröße 32. Ihr größtes Erlebnis bisher: In der Inszenierung von Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ im Stadttheater Bremerhaven hat sie als Wienke, der Tochter von Hauke Haien, mitwirken dürfen. „Ein Traum“, sagt Christine Behrens. Und wenn das richtige Angebot kommt, dann ginge sie gern wieder auf die Bühne oder vor die Kamera.

Im Bundesverband Kleinwüchsiger Menschen hat sie auch selbst Kinder und Jugendliche betreut und dabei wichtige Erfahrungen gesammelt und Freunde gefunden – und auch bemerkt, dass nicht alle Kleinwüchsigen so gut durchs Leben kommen wie sie.

„Meine Kleinwüchsigkeit hat übrigens auch einen Vorteil“, sagt Christine Behrens leicht verschmitzt: „Ich habe einen hohen Wiedererkennungswert.“ Manchmal wünsche sie sich schon, etwas größer zu sein. Aber die Dreharbeiten zu der TV-Dokumentation, bei denen sie einen extrem großen Mann zur Seite hatte, haben ihr damals auch eines klar gemacht: „Ich bin lieber so klein, als dass ich gern ein Riese wäre“, sagt sie, „die haben doch im Alltag viel mehr Probleme.“

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