Stadt beklagt Salzmangel Nur noch Kreuzungen und Steigungen werden gestreut

Delmenhorst. Was sich angedeutet hatte, ist nun traurige Gewissheit: Das Streusalz der Stadt ist nahezu aufgebraucht. Lediglich auf Kreuzungen und Steigungen wird seit gestern noch gestreut, andernorts müssen die Bauhofmitarbeiter mit Schneeschiebern der weißen Masse Herr werden. Die Unfallchirurgien der beiden Krankenhäuser platzen aus allen Nähten, die Müllabfuhr hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen und die Schule fällt zum Teil auch heute aus.
11.02.2010, 04:32
Lesedauer: 5 Min
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Nur noch Kreuzungen und Steigungen werden gestreut
Von Kai Purschke

Delmenhorst. Was sich angedeutet hatte, ist nun traurige Gewissheit: Das Streusalz der Stadt ist nahezu aufgebraucht. Lediglich auf Kreuzungen und Steigungen wird seit gestern noch gestreut, andernorts müssen die Bauhofmitarbeiter mit Schneeschiebern der weißen Masse Herr werden. Die Unfallchirurgien der beiden Krankenhäuser platzen aus allen Nähten, die Müllabfuhr hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen und die Schule fällt zum Teil auch heute aus.

Für den heutigen Donnerstag, das erklärte die Stadtverwaltung gestern, sei zwar eine Streusalzlieferung in Aussicht gestellt worden. Aber ob die Lieferung tatsächlich an der Delme eintrifft, ist nicht sicher, schließlich wartet die Stadt noch auf bereits im Dezember bestellte Salzmengen. 'Wir rufen alle Bürger zur besonderen Vorsicht im Straßenverkehr auf', betonte Rathaussprecher Timo Frers mit Blick auf den nur noch eingeschränkt möglichen Winterdienst.

Delbus fährt vorerst weiter

Das trifft in erster Linie auch den Öffentlichen Personennahverkehr, den die Delbus leitet. 'Wir fahren so lange es geht und so lange die Sicherheit unserer Fahrgäste gewährleistet ist', erzählte Delbus-Geschäftsführer Carsten Hoffmann auf Nachfrage. In den 14 Jahren, in denen er hier sei, sei der Betrieb noch nie eingestellt worden - und noch gehe es. Bisher sei es in diesem Winter weder zum Ausfall von Bussen noch zu Unfällen mit Bussen gekommen. Im Gegenteil, denn eigentlich sieht?s sehr rosig für die Delbus aus: 'Wir freuen uns über das Wetter, denn wir haben derzeit sehr viele Fahrgäste', frohlockte Hoffmann. Die Menschen würden angesichts der Straßenverhältnisse ihre Autos stehen lassen sowie auf Fußmärsche verzichten und lieber in den Bus steigen.

Diejenigen aber, die doch zu Fuß unterwegs sind, fallen schnell mal auf die Nase. Oder aufs Handgelenk oder auf die Hüfte oder aufs Bein. So wie Anita Trüper, die gerade im Klinikum operiert wurde und nun auf ihre Entlassung wartet. Sie war auf dem Rückweg von einer Nachbarin ausgerutscht und hatte sich das rechte Bein gebrochen. 'Ich hatte Schmerzen und konnte nicht mehr aufstehen', schilderte sie. Also rief sie mit dem Handy ihre Nachbarin an, die ihr auf der spiegelglatten Fläche aber auch nicht helfen konnte. 'Sie rief dann dann Krankenwagen', erinnert sich das Unfallopfer.

Großer Andrang in der Notaufnahme

Ihre Geschichte ist die Geschichte vieler Menschen: 'Wir haben fünf Mal mehr Patienten als sonst', sagte Philipp Bittmann, Arzt in der Notaufnahme des Sankt-Josef-Stifts. Knochenbrüche, Gelenksverletzungen, Prellungen und Platzwunden am Kopf seien an der Tagesordnung. 'Wir arbeiten in der Ambulanz gerade mit drei Leuten mehr', erzählte der Mediziner. Und: 'Wir haben kaum noch Räume, die Tragen werden knapp, die Betten auch und vorm Röntgen steht eine Schlange - das ist heftig.'

Mit einem großen Unfallopfer-Aufkommen hat auch das Klinikum zu kämpfen. 'Sind es sonst 100 Menschen pro Tag in der Notaufnahme, so sind es jetzt doppelt so viele', sagte Sprecherin Mandy Lange. Drei Mal so viele Brüche wie sonst hätten die Ärzte zu behandeln. Von der Logistik her müssten die Klinikum-Angestellten äußerst flexibel sein, denn die Unfallchirurgie sei überfüllt. 'Da kommt es dann vor, dass jemand mit einem Beinbruch auf der Inneren liegt', schilderte Lange.

Müllabfuhr ist schwierig

Mit den Unwägbarkeiten, die der harte Winter mit sich bringt, haben auch die Entsorger zu kämpfen. Die Gesellschaft für Abfall und Recycling (GAR), die seit diesem Jahr das Altglas an den Straßen einsammelt, teilte gestern mit, dass wegen des Winterwetters 'zurzeit nicht alle im Abfallkalender angegebenen Termine eingehalten werden können'. Obwohl die GAR den Personal- und Fahrzeugbestand verdoppelt habe. Sie bittet um Verständnis und ist bei Fragen kostenlos unter 0800/ 8771600 zu erreichen.

Einfach hat es derzeit auch die Müllabfuhr nicht. Wie ADG-Sprecherin Britta Fengler erklärte, machen vereiste Straßen, die zum Teil auch noch zugeparkt seien, sowie Schneeberge vor den Gehwegen den Mitarbeitern zu schaffen. Aber: 'Bislang ist es zu keinerlei Ausfällen gekommen.' Die Entscheidung, ob ein Fahrer den Müllwagen in eine vereiste Straße steuert, obliege in Absprache mit der Betriebsleitung ihm. Sollten einzelne Tonnen mal nicht geleert worden sein, sende die ADG ein kleineres Fahrzeug. Fengler: 'Eine generelle Regelung zu flächendeckenden oder straßenweisen Ausfällen gibt es nicht.' Die ADG ist unter 04221/ 12764000 zu erreichen.

Das angesichts der vielen Schneefälle befürchtete Verkehrschaos in der Stadt Delmenhorst blieb dagegen bislang aus. Wie Polizeisprecherin Kerstin Epp erklärte, sei ein defensives Fahrverhalten der Verkehrsteilnehmer zu erkennen. 'Oftmals sind es Unfälle mit Alleinbeteiligung', schilderte Epp. In der Stadt sei bis auf ein paar Blechschäden nichts Größeres angefallen und zum Glück keine Menschen schwer verletzt worden. Ein Eindruck, den Olaf Topp von der Allianz-Generalvertretung bestätigte: 'Die Delmenhorster scheinen vorsichtig zu fahren', sagte er. In den vergangenen fünf Tagen habe er nicht einen Unfall registriert. 'Und bei meinen Kollegen ist auch nicht viel los', sagte Topp.

Die meisten Unfälle spielen sich somit auf den Gehwegen der Stadt ab. Und auch wenn Bürger wie die zwölfjährige Shasana Rohr, die auf der Nordwolle wohnt, gerne und viel Schnee von den Gehwegen schippen und fegen, so ist ein Spaziergang insbesondere für Senioren und Gehbehinderte doch ein Spießrutenlauf. 'Die Senioren gehen gar nicht mehr raus', erzählte Hermann Röben, Vorsitzender des Seniorenbeirats. Zu gefährlich sei vielen der sonst wohlbekannte Weg durch die Stadt. Rollstuhlfahrer haben es da besonders schwer. 'Mit einem elektrischen Rollstuhl geht?s noch irgendwie, aber mit einem Handrollstuhl ist das kaum zu machen', sagte Behindertenrat-Vorsitzender Bernd Neumann. Er kritisiert, und das habe er auch von anderen gehört, die Situation in der Fußgängerzone, wo 'nicht alles sauber gemacht' sei.

Motorschäden und Reifen-Boom

Gut zu tun haben aufgrund der seit Wochen anhaltenden Minustemperaturen die Kfz-Werkstätten. Bei 'Kfz-Service Bielefeld' bekommt es Chef Peter Bielefeld dieser Tage häufig mit eingefrorenen Motorentlüftungen zu tun. 'Außerdem reparieren wir viele Scheibenwaschanlagen, deren Pumpen eingefroren sind', erklärt der Fachmann. Ungewöhnlich findet er, dass Batterieschäden eher die Ausnahme sind.

Batterien wiederum sind bei ATU an der Syker Straße sehr gefragt, wie Filialleiter Dieter Knutzen schilderte. Und nach wie vor gingen Winterreifen gut. 'Wir haben ein sehr großes Lager, aber es wird darin weniger', reibt sich der Geschäftsmann die Hände. Wie Knutzen sagte, kämen viele Kunden erst jetzt zu ihm, um Winterreifen zu kaufen. Nicht wenige hätten abgefahrene Sommerreifen drauf, mit denen sie bisher durch den Winter geschlingert seien, erklärte er.

Der härteste Winter seit 30 Jahren verlangt auch den Zeitungsausträgern enorm viel ab. 'Sie sind körperlich an der Belastungsgrenze', erklärte Helmut Salle, verantwortlich für die Logistik beim DELMENHORSTER KURIER. Drei Unfälle habe es in seinem Team gegeben. Die Auslieferung sei wegen der Glätte in Delmenhorst überwiegend machbar, in Ganderkesee sei sie schlimm. 'Die Zustellung dauert in jedem Fall länger', bittet Salle um Verständnis. Und er sucht noch motivierte Menschen, die den WESER-KURIER austragen möchten. Sie sollen sich unter 04221/ 12690 bei ihm melden.

Schulausfälle in der Stadt

Der Schulunterricht fällt laut Verwaltung am heutigen Donnerstag an allen allgemeinbildenden Schulen mit Ausnahme der Sekundarstufe II (Klassen 11 bis 13) aus. Die letzte Entscheidung aber treffen die Eltern: Für Kinder, die trotz Ausfalls zur Schule kommen, gibt es eine Betreuung. Der Unterricht sowie die Berufsinformationstage an den Berufsbildenden Schulen finden statt. Die Stadt informiert aktuell über ihre Service -Hotline 04221/ 991199, auf www.delmenhorst.de und übers Radio.

Geschlossen ist bis einschließlich Sonntag, 14. Februar, der Friedhof Bungerhof. Wegen der erhöhten Sturzgefahr ist das Betreten des Friedhofs untersagt. Die bereits terminierten Bestattungen erfolgen aber wie vorgesehen.

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