OB-Kandidat Andreas Nuß im Interview

„Jahnz hat die Stadt heruntergewirtschaftet“

Ohne die Unterstützung einer Partei will es Andreas Nuß in Delmenhorst bei den Wahlen am 12. September ins Rathaus schaffen. Im Interview kritisiert er den aktuellen Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD).
22.04.2021, 16:46
Lesedauer: 5 Min
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„Jahnz hat die Stadt heruntergewirtschaftet“
Von Björn Struß
„Jahnz hat die Stadt heruntergewirtschaftet“

Andreas Nuß gibt sich kämpferisch: "Ich wäre auch angetreten, wenn sich Axel Jahnz noch einmal zur Wahl gestellt hätte."

TAMMO ERNST
Herr Nuß, im Rennen um den Posten des Oberbürgermeisters sind Sie wie der Kasper aus der Kiste gesprungen. In der Kommunalpolitik sind Sie bisher nicht in Erscheinung getreten. Woher nehmen Sie das Selbstbewusstsein, für das OB-Amt zu kandidieren?

Andreas Nuß: Dieser Eindruck kommt wohl daher, dass ich bisher in der Kommunalpolitik in Stuhr tätig war. Dort war ich Vorsitzender im Ortsverband der Grünen. Deshalb hat man mich nicht in Delmenhorst wahrgenommen, sondern eher dort.

Anstatt als Oberbürgermeister anzutreten hätten Sie in Delmenhorst aber auch bei den Grünen anklopfen können. Die haben ihre Liste für die Wahl des neuen Stadtrats noch nicht aufgestellt.

Die Grünen haben sich zu einem Steigbügelhalter für die OB-Kandidatin der CDU gemacht. So etwas hätte es mit mir in Stuhr nie gegeben. Eine Steigbügelpartei fällt mit ihrer Politik am Ende immer hinten runter. Umweltorganisationen haben mir klar gesagt, dass grüne Politik in Delmenhorst nicht mehr stattfinde. Wenn solche Institutionen mit mir mehr grüne Politik verbinden als mit den Grünen selbst, habe ich mit meiner Kandidatur nichts falsch gemacht.

Mit der Unterstützung für Petra Gerlach verlieren die Grünen das eigene Profil?

Genau. Der Hauptgrund für meine Kandidatur ist aber, dass ich nie den Bezug zu Delmenhorst verloren habe. Ich wäre auch angetreten, wenn sich Axel Jahnz noch einmal zur Wahl gestellt hätte. Patrick de La Lanne und Jahnz haben die Stadt heruntergewirtschaftet, das hätte nie passieren dürfen.

Jahnz rechnen aber auch viele hoch an, dass sich das Josef-Hospital positiv entwickelt und nun einen Neubau bekommt. Mit dem Kauf der Hertie-Immobilie und des St.-Josef-Stifts hat er auch den Grundstein für neue Großprojekte gelegt. Warum sprechen Sie trotzdem von Herunterwirtschaften?

Er hat die Innenstadt aus dem Blick verloren. Da ist so viel schief gelaufen, eine Auflistung würde den Rahmen sprengen. Nur ein Beispiel: In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Friseure massiv gestiegen. Demgegenüber steht ein Verlust an Bekleidungsgeschäften. Das hat Jahnz aus dem Auge verloren. Vielleicht ist ihm auch der längere Ausfall der Stadtbaurätin Bianca Urban zum Verhängnis geworden. Das Baudezernat hat immer gute Arbeit geleistet und ist jetzt in Verruf geraten. Jahnz hat diesen Bereich neben seiner Tätigkeit als OB selbst geleitet. Diese vakante Stelle hätte er an jemand anderes übertragen können, Beamte in der Stadtverwaltung gab es dafür genug.

Nicht nur Delmenhorst hat Probleme mit der Entwicklung der Innenstadt, in ganz Deutschland ist ein Aussterben zu beobachten. Und es liegt doch auch nicht in der Verantwortung von Jahnz, wenn Friseure Bekleidungsgeschäfte ersetzen.

Der Oberbürgermeister hat in Vertretung von Frau Urban das Baudezernat geleitet. Dort sitzen die Stadtbauarchitekten, die die Stadtgestaltung verantworten. Es hat mich zum Beispiel eine Delmenhorsterin angeschrieben, die im Außenbereich ein Geschäft aufmachen wollte. Laut Stadtverwaltung ist das aber eine Gefahr für die Innenstadt. Dabei liegt ihr Geschäft sieben Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Weniger verhindern, mehr möglich machen – ist das Ihr Ansatz?

Ja, genau. Es braucht aber auch Augenmaß. Ein Oberbürgermeister muss nicht nur gut aussehen, Präsentkörbe im richtigen Moment überreichen und saubere Reden ausformulieren. Es braucht einen betriebswirtschaftlichen Ansatz. Sehen Sie sich mal Rostock an. Aus dieser Stadt hat der parteilose Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund viel gemacht.

In Ihrem Wahlprogramm schlagen Sie vor, den Neubau des Josef-Hospitals mit einer klimaschonenden Bauweise aus Holz und Stahl umzusetzen. Aber der Bau des Parkhauses ist bereits in vollem Gange, und auch die Planungen für das Kerngebäude sind weit fortgeschritten. Wollen Sie da wirklich noch mal bei null anfangen?

Bis zum Bau des Haupthauses gehen sicher noch acht bis zwölf Monate ins Land. Jetzt wurden die Unterlagen für den Bauantrag erstellt, das sind aber nicht die Ausführungspläne. Die gibt es erst kurz vor der Ausschreibung. Ich habe schon Gespräche mit den Architekten geführt. Der Tausch vom Massivmauerwerk hin zum effizienten und schonenden Holzrahmenbau ist kein Hexenwerk. Der Bau wird auch schneller fertig.

Sie wollen sich auch dem Tourismus annehmen und den Wochenmarkt stärker bewerben. Soll das wirklich ein Besuchermagnet sein?

Ja, das ist er sehr wohl. Man muss den Markt nur richtig bewerben. Sie müssen sich weit umsehen, um einen besseren Wochenmarkt zu finden.

Aber ein Wochenmarkt ist doch eher ein Ort für den Lebensmitteleinkauf und kein Ziel für die Freizeitgestaltung.

Sie treffen auf unserem Markt Besucher aus Ganderkesee, Hude, Hatten, Bremen, Achim oder sogar Verden. Tourismus ist aber natürlich mehr als der Wochenmarkt. Mir fehlen bei der Werbung für die Stadt zum Beispiel die Kirchen, die Museen, der Hasportsee oder die Sandhausener Brake. Auch die Grafttherme zählt in einer deutschlandweiten Rangliste zu den besten Saunen. Es geht um Grundlagen, wie etwa Willkommensschilder an den Zufahrten in die Stadt. Es braucht auch eine vernünftige Internetseite. Mit der aktuellen Finanzkraft der Delmenhorster lässt sich die Innenstadt nicht beleben. Dafür braucht es den Tourismus. Der Neubau des Krankenhauses ist eine unglaubliche Chance. Schon in der Planungsphase lockt das Experten in die Stadt, wenn es jetzt beworben wird. Wenn die dann ihren Freunden von der schönen Graft und anderen Sehenswürdigkeiten berichten, ist das sehr wertvolle Mundpropaganda.

Oberbürgermeister Jahnz muss nun seit über einem Jahr im Kampf gegen die Pandemie wichtige Entscheidungen treffen. In einem pessimistischen Szenario beschäftigt uns Corona mit neuen Mutationen auch noch im nächsten Winter. Was würden Sie als OB anders machen?

Die Filter der Lüftungsanlagen in Bussen und Gebäuden müssen mindestens auf den Standard H13 aufgerüstet werden. Wenn an den Landesgrenzen nicht konsequent gehandelt wird, müssen wir an der Stadtgrenze reagieren. Da bin ich mir schon mit vielen Unternehmern einig, dass wir an den Stadtgrenzen testen müssten. Ein weiterer Punkt ist der Einsatz von Ärzten und medizinischem Personal der Bundeswehr, da der Erste Stadtrat angekündigt hat, wieder die Stadtbücherei zu schließen, um ausreichend Personal im Gesundheitsamt zu haben. Da braucht es nur ein Hilfegesuch der Stadtverwaltung. Eine wichtige Frage ist auch: Warum ist Herr Jahnz in der Pandemie so abgetaucht? Er muss die Bevölkerung mitnehmen. Natürlich braucht es nicht jeden Tag eine Pressekonferenz. Aber wenn sich der OB ab und zu vom Wasserturm melden würde, gäbe es auch nicht so viele Impfgegner und Corona-Leugner, da mehr Aufklärung stattfindet.

Info

Zur Person

Andreas Nuß (48)

kandidiert bei der Wahl am 12. September ohne Parteizugehörigkeit als Oberbürgermeister für Delmenhorst. Nuß ist in Delmenhorst geboren und aufgewachsen und leitete als Tischlermeister lange den Betrieb seiner Eltern. Dann wechselte er in den öffentlichen Dienst, aktuell arbeitet er im Bauamt Lemwerder.

Info

Zur Sache

Fünf Kandidaten formell bestätigt

Um als parteiloser Kandidat bei der Wahl des Oberbürgermeisters antreten zu können, sind 220 Unterschriften von Wahlberechtigten nötig. Andreas Nuß hat sie nach eigenen Angaben beisammen, allerdings hat er sie noch nicht bei der Stadtverwaltung eingereicht. Dies hat bisher nur der ebenfalls parteilose Ufuk Cakit getan. Die Wahlleitung bestätigt auf Anfrage auch die Nominierung durch Aufstellungsversammlungen von Parteien oder Wählergruppen für Petra Gerlach (CDU/Grüne), Funda Gür (SPD), Bettina Oestermann (Delmenhorster Liste) und Murat Kalmis (FDP). Für Thomas Kuhnke (Freie Wähler), Joschka Kuty (Die Partei), Manuel Paschke (Linke) und Jaroslaw Poljak (AfD) steht dieser formelle Akt demnach noch aus. Die Frist für die Abgabe von Wahlvorschlägen endet am 26. Juli um 18 Uhr.

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