Franz Alt spricht heute in der Peter-Ustinov-Schule über die Energiewende / Der Nordwesten als Vorbild

"Ostfriesland muss überall werden"

Um die Energiewende geht es heute um 19 Uhr im Forum der Peter-Ustinov-Schule. Als Referenten hat die Regio-Volkshochschule den Journalisten Franz Alt eingeladen, der sich seit Langem für den Ausstieg aus der Atomenergie und den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energieträger einsetzt. Über diese Themen sprach er vorab mit Redakteurin Ute Winsemann.
06.04.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Um die Energiewende geht es heute um 19 Uhr im Forum der Peter-Ustinov-Schule. Als Referenten hat die Regio-Volkshochschule den Journalisten Franz Alt eingeladen, der sich seit Langem für den Ausstieg aus der Atomenergie und den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energieträger einsetzt. Über diese Themen sprach er vorab mit Redakteurin Ute Winsemann.

Frage: Sie sprechen in Hude über "Sonne, Wind und Biomasse statt Atomkraft, Öl und Kohle". Termin und Thema standen schon lange vor der Kraftwerks-Katastrophe in Fukushima und der dadurch ausgelösten energiepolitischen Debatte in Deutschland fest. Inwiefern wird die aktuelle Entwicklung Ihren Vortrag beeinflussen?

Franz Alt: Naja, ich habe vor 25 Jahren, nach Tschernobyl, begriffen, dass Atomenergie keine Zukunft hat. Also, das hätte man damals schon begreifen können. Wir Menschen sind ja nur durch Katastrophen lernfähig. Mir hat ein Tschernobyl gereicht, manche brauchen zwei, und so wie's aussieht, brauchen manche noch ein drittes direkt vor der Haustür. Aber viele Menschen sind jetzt aufgewacht und aufgewühlt, und ich hoffe, dass die Energiewende jetzt schneller vor sich geht. Meine These heißt, Deutschland kann in 20 Jahren zu 100 Prozent erneuerbar sein. Ich kenne eine Pressemitteilung der Industrie- und Handelskammer Oldenburg, die sagt, schon heute ist Ostfriesland zu 92 Prozent mit Öko-Strom versorgt. Also, Ostfriesland muss nur überall werden, dann haut das hin.

Auch gegen den Umstieg gibt es aber Widerstände - nicht nur von der Atomlobby, sondern zum Beispiel wegen der sogenannten Verspargelung der Landschaft durch Windräder. Im Landkreis Oldenburg befürchten aktuell viele Menschen eine "Vermaisung" der Landwirtschaft, weil immer mehr Biogasanlagen errichtet werden. Was sagen Sie diesen Menschen?

Was in Biogasanlagen verbraucht wird, muss natürlich ökologisch angebaut werden. Wenn das Monokulturen sind, dann ist das keine Lösung, da haben die Gegner völlig Recht. Allerdings heißt Biogas eigentlich, in erster Linie die Abfälle zu nutzen. Ich sage Ihnen mal ein positives Beispiel aus Baden-Baden, aus meiner Stadt. Wir haben hier über die hiesigen Stadtwerke gerade ein großes Biomasse-Heizkraftwerk eingeweiht. Das nutzt die Gräser vom Wegesrand und von den Gärten Baden-Badens die Gartenabfälle. Und da kommen 9000 Tonnen zusammen pro Jahr in einer Kleinstadt wie Baden-Baden. Wenn wir in Deutschland die Grünabfälle aus Stall und Küche und die Lebensmittelabfälle nutzen zur Biogasgewinnung, könnten wir allein dadurch 20 Prozent des gesamten deutschen Stroms produzieren. Also Biogas ja, aber bitte mit Augenmaß.

Als eine Schwierigkeit der Energiewende wird immer wieder dargestellt, dass es an Speicher- und Netz-Kapazitäten mangele. Gegen den Ausbau gibt es aber ebenfalls Protest, in der Region etwa gegen den Bau einer 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung von Ganderkesee nach St. Hülfe. Braucht es derartige Projekte tatsächlich?

Wenn wir die Energiewende regional und lokal organisieren, also dezentrale Strukturen schaffen, dann brauchen wir diese riesigen Fernleitungen in der Tat nicht. Das brauchen nur die alten Energieversorger. Ich will, dass jede Region sich selbst versorgt. Dann brauche ich auch noch Leitungen, aber keine riesigen Überlandleitungen. Es ist falsch, Windstrom offshore gewonnen aus der Nordsee nach Süddeutschland zu holen. Ich muss in Süddeutschland nur zehn, 20 Meter höher gehen mit den Windrädern, dann habe ich dieselben Windverhältnisse wie an der Nordsee oder an der Ostsee. Das heißt, der erneuerbare Energie-Umbau muss intelligent organisiert werden und nicht so, wie sich das die großen alten vier Energieversorger vorstellen, also die vier Besatzungsmächte: RWE, Eon, Vattenfall und EnBW. Das ist in deren Sinne, aber nicht im Interesse der Gesellschaft. Die Gesellschaft hat eine Riesen-Chance, es dezentral zu machen. Wir haben überall, in jeder Region die Möglichkeit, zu 100 Prozent

umzusteigen.

Das eine ist die Erzeugung der Energie, das andere ist ihr Verbrauch. Ist unser Lebensstandard zu hoch - absolut gesehen oder auch im Hinblick auf die Menschen anderswo, in Schwellen- und Entwicklungsländern?

Energie sparen heißt, Energie effizienter nutzen. Durch intelligente Technologien können wir drei Viertel der Heizenergie in Deutschland einsparen - ohne jeden Wohlstandsverzicht. Also, warm wollen es die Menschen im Winter haben und sollen sie es auch haben, nur dafür brauche ich ein Viertel der Energie gegenüber heute. 90 Prozent der deutschen Häuser sind nicht richtig gedämmt. Wenn ich neue Türen, neue Fenster, neue Dächer anbringe, das ist eine Anfangsinvestition - aber auf Dauer verdiene ich Geld damit. Das ist alles in wenigen Jahren amortisiert, was ich brauche, um ein Haus energetisch zu sanieren. Ich muss einiges anders machen, wenn ich Energie sparen will. Wer braucht ein Zehn-, Zwölf- Liter-Auto? Ich bin nicht gegen's Auto, aber ich bin dafür, dass wir endlich intelligente Autos bauen. Ich habe in meinen Fernsehsendungen 2002 das Ein-Liter-Auto von Volkswagen vorgestellt. Ich habe damals Herrn Piech und Herrn Pischetsrieder von Wolfsburg nach Hamburg fahren

lassen: Spritverbrauch 0,89 Liter auf 100 Kilometer. Nur wo steht das Auto heute? - Im Museum ? Ein Skandal, ein unsäglicher Skandal! Die ganze Welt wartet darauf, dass wir endlich intelligentere Autos bekommen. Die Ingenieure bauen sie. Und die fantasielosen, überbezahlten Bosse, diese Deppen, stellen sie ins Museum. Was wir heute treiben, ist eine Beleidigung jedes deutschen Ingenieurs. Wer sagt, die hundertprozentige Energiewende bis 2030 geht nicht, hat keine Ahnung von Tuten und Blasen. Die deutschen Ingenieure und Techniker haben dafür gesorgt, dass wir in der Windenergie-Technologie Weltmeister sind, in der Solarenergie-Technologie Weltmeister sind, in der Biogastechnologie Weltmeister sind. Wir Deutschen haben jetzt die riesige Chance, ein ökologisches Wirtschaftswunder zu organisieren.

Was kann und muss denn jeder und jede Einzelne für eine nachhaltige Energiepolitik tun?

Also, meine Frau und ich, wir haben vor vielen Jahren mal beschlossen, diese deutschen Idioten-Autos, die kaufen wir einfach nicht mehr, und wir haben ein japanisches gekauft. Das ist eine deutsche Erfindung, aber die Japaner haben es gebaut, den Prius. Der braucht vier Liter - das ist noch nicht öko, aber es ist besser als ein Zehn-Liter-Auto. Und nächstes Jahr kaufen wir ein japanisches Elektroauto, weil die Deutschen zu blöd sind und zu verpennt sind, es auf den Markt zu bringen. In der globalisierten Welt haben wir immer Alternativen. Oder kleinere Autos oder mehr öffentliche Verkehrsmittel. Ich fahre eh nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Nach Hude komme ich natürlich elektrisch von Baden-Baden aus - mit der Bahn. Ich habe gewonnene Zeit, es ist bequemer, es ist sicherer. Wer lange Strecken mit dem Auto fährt, ist selbst schuld. Mit Verzicht und Opfer hat das überhaupt nichts zu tun.

Und was tun Sie selbst sonst noch?

Wir machen seit 20 Jahren Öko-Strom und Öko-Wärme. Wir sparen viel Geld dabei. Das Vorurteil, dass das alles zu teuer sei, haben wir im eigenen Haus längst widerlegt. Wir verdienen Geld mit unserer Solaranlage, und wir sparen Geld mit unserer solarthermischen Anlage. Nichts ist so teuer wie die alte Energie. Die wird jedes Jahr um zehn Prozent teurer werden in den nächsten Jahren. In 20 Jahren Strom und Wärme aus der Sonne hat uns die Sonne noch nie eine Rechnung geschickt. Jeder Leser möge überlegen, was er bezahlt hat in den letzten 20 Jahren für Strom und Wärme. Ich kann nur lachen über die Leute, die so blöd sind und den alten Schwachsinn noch mitmachen.

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