Defibrillatoren für Amtsgericht Per Stromstoß zurück ins Leben

Delmenhorst. Konzentriert verfolgten die Mitarbeiter des Delmenhorster Amtsgerichts die Ausführungen des Experten, der sie im Umgang mit dem neuen Automatisierten Externen Defibrillator (AED) unterrichtete.
25.01.2010, 07:44
Lesedauer: 2 Min
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Von Alexander Schmolke

Delmenhorst. Konzentriert verfolgten die Mitarbeiter des Delmenhorster Amtsgerichts die Ausführungen des Experten, der sie im Umgang mit dem neuen Automatisierten Externen Defibrillator (AED) unterrichtete.

Denn mit diesem Gerät ist nichts Geringeres als die Frage verbunden: Leben oder Tod? Einen Defibrillator bekommt man ja meist nur in Krankenhaus-Serien zu sehen. Wenn das EKG nur noch eine gerade Linie anzeigt und einen schrillen Ton von sich gibt. Dann stürmt der gutaussehende Arzt herein, greift den Defibrillator, schreit "Aufladen!" und "Weg!", verpasst dem Patienten zwei, drei, vier Elektroschocks - und siehe da, die Herzaktivität setzt wieder ein, der Patient überlebt. Der Arzt streicht sich die dunklen Haare aus dem Gesicht und wird von den Schwestern angehimmelt. Hollywood. "Mit der Realität hat das rein gar nichts zu tun", sagt Holger Bischoff. "Denn wenn die Linie erst einmal da ist, ist es schon zu spät!"

Bischoff ist Mitarbeiter der Firma "Medicare" aus Langenhagen, von der das Delmenhorster Amtsgericht zwei Defibrillatoren bezogen hat. Vor zwei Wochen bekam die Hauptstelle ein Gerät, jetzt die Nebenstelle. Dass die Investition (1000 bis 1500 Euro pro Gerät) berechtigt ist, unterstrich Bischoff mit einigen Zahlen: 700000 Menschen sterben jährlich EU-weit an einem Herz-Kreislauf-Stillstand, 100000 sind es jährlich in Deutschland, 6000 alleine in Niedersachsen. "Zum Vergleich: Bundesweit gibt es rund 4500 Verkehrstote", so Bischoff. Und noch eine Zahl: 95 von 100 Menschen mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand sterben daran - eine Quote, die mit mehr Defibrillatoren im Land und dazugehöriger Aufklärung ganz leicht gesenkt werden könnte, meint der Experte. Besonders genau hörte Detlef Bleich zu, der Gerichtsvollzieher des Hauses. Er hat auf einer privaten Biker-Tour eine Situation erlebt, in der ein Defibrillator hätte helfen können. Am Abend saßen Bleich und seine Kumpel beisammen und unterhielten sich vergnügt. Doch plötzlich sackte einer aus der Runde, gerade 34 Jahre alt, zusammen und fiel vom Stuhl. Sein Herz war stehen geblieben. "Wir haben sofort Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt und den Rettungsdienst alarmiert", berichtet Bleich. Insgesamt kämpften Freunde und Sanitäter eine Stunde um das Leben des Mannes. Vergeblich. "Durch diese Geschichte ist mir die Bedeutung eines Defibrillators auf tragische Weise vor Augen geführt worden", so Bleich.

Bischoff erläuterte den Amtsgericht-Mitarbeitern sodann, was im Notfall zu tun sei: Zunächst müssten zwei Defipads auf den freien Oberkörper des Zusammengebrochenen geklebt werden. "Danach sagt Ihnen die Kiste genau, was sie will." Der AED analysiert, ob ein Kammerflimmern vorliegt und daher ein Elektroschock hilfreich sein kann. Wenn ja, gibt er dem Bediener das Signal zum Defibrillieren. Wenn nicht, ist es unmöglich, einen (dann schädlichen) Stromschlag auszulösen. "Das ist sehr wichtig, weil es bedeutet, dass Sie nichts falsch machen können", so Bischoff. Ohnehin ging der Referent auf dieses "Nichts-falsch-machen-können" immer wieder ein, sagte etwa: "Das einzige, was sie falsch machen können, ist, in einer Notsituation nichts zu tun." Diesen Aspekt betonte er so stark, da der neue Defibrillator alleine kein Leben retten könne. "Im Fall der Fälle muss sich jemand trauen, das Gerät auch einzusetzen." Und zum Abschluss nannte Holger Bischoff noch ein Argument, warum sich jeder einzelne Mitarbeiter des Amtsgerichts mit dem AED auskennen sollte: "Es ist ja nicht gesagt, dass man der ist, der zum Defibrillator greift - man kann immer auch selbst derjenige sein, dem nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand geholfen werden muss."

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