Krankenpflegeausbildung in Delmenhorst

Pflegefall Anerkennung

Ohne ausländische Fachkräfte geht es in deutschen Krankenhäusern nicht mehr. Auch im Josef-Hospital Delmenhorst nicht. Das Problem ist aber weiterhin die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.
14.07.2019, 19:14
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Pflegefall Anerkennung
Von Andreas D. Becker
Pflegefall Anerkennung

Und wieder ein Vorbereitungslehrgang für die Kenntnisprüfung abgeschlossen. Das Angebot des IWK ist aktuell sehr stark nachgefragt.

INGO MÖLLERS

Am Josef-Hospital Delmenhorst (JHD) haben sie bereits angefangen, ihre Fühler auszustrecken. Nach Tunesien, nach Bosnien, nach Afghanistan, in den Iran. Anders geht es nicht mehr, anders kann der Fachkräftemangel nicht mehr aufgefangen werden. Weder bei Ärzten, weder in der Pflege noch bei den Hebammen. Dabei gibt es nur ein Problem in Deutschland: Wer aus dem Ausland kommt, darf nicht einfach in seinem Job arbeiten, die Hürden für eine Anerkennung sind hoch. Was vor allem bedeutet, dass der Prozess nur langsam vorangeht. Dabei ist der Fachkräftemangel in Krankenhäusern mittlerweile so groß, dass eigentlich keine Zeit mehr ist.

„Die Suche nach Pflegekräften und Ärzten wird eine der größten Herausforderungen für Krankenhäuser bleiben. Ich glaube, da müssen wir uns nichts vormachen. Es wird kurzfristig nicht gelingen, die Pflegekräfte und Ärzte, die gebraucht werden, nur durch Ausbildung an Krankenhäusern und Universitäten in Deutschland zu bekommen“, sagte Florian Friedel, Geschäftsführer des JHD, jüngst im Interview mit dem DELMENHORSTER KURIER. „Es wird ein Erfolgsfaktor von Krankenhäusern sein, wie gut es gelingt, ausländische Pflegekräfte und Ärzte bei uns zu integrieren.“

Lesen Sie auch

Trotz einer eigenen Krankenpflegeschule am Haus muss das JHD vermehrt suchen. Da der Arbeitsmarkt in Deutschland quasi leergefegt ist, hat auch das Delmenhorster Krankenhaus angefangen, in anderen Ländern Pflegekräfte anzuwerben. „Es kommen fünf Pflegekräfte und drei Hebammen im August. Sie werde zunächst als Helfer eingestellt, bis sie ihre Anerkennung haben“, erklärt Aline Becker, Assistentin der Geschäftsführung im JHD. „Drei Pflegekräfte kommen aus Tunesien und zwei aus Bosnien. Eine Hebamme kommt aus Afghanistan und zwei aus dem Iran.“ Insgesamt plant das JHD, in diesem Jahr zwölf ausländische Pflegekräfte einzustellen. Was auch wegen der neuen Gesetzeslage und genau vorgegebenen Fachkraftquoten wichtig ist. Werden die vorgeschriebenen Untergrenzen nicht eingehalten, müssen Betten gesperrt werden, was wiederum zulasten der Wirtschaftlichkeit geht.

Der Punkt mit der Anerkennung macht das Ganze so langwierig und schwierig. Denn obwohl gerade ausgebildete Pflegekräfte in ihren Heimatländern ihre Ausbildung im Rahmen eines Bachelor-Studiums absolviert haben, müssen sie in Deutschland erst eine Kenntnisprüfung ablegen. Bis das alles anerkannt ist, können sie eben nur als Assistenten arbeiten – eine schlechtere Vergütung inklusive. Und dann besteht immer noch die Gefahr, die Prüfung nicht direkt zu bestehen.

Überqualifizierung als Problem

Die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen ist es auch, die Integrationsexperten immer wieder als Gefahr benennen. Nicht nur in medizinisch-pflegerischen Berufen. „Viele nehmen, weil sie gern arbeiten wollen, Stellen an, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Meine Angst ist dann tatsächlich, dass solche Leute in irgendwelchen Jobs versickern“, erklärte der für Soziales zuständige Fachbereichsleiter der Stadt, Rudolf Mattern, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Gefahr besteht eben dann, wenn ein anderer Job im ersten Moment mehr Geld bedeutet. Das komplexe Anerkennungsverfahren kann im schlechtesten Fall also dazu führen, dass Deutschland einen großen Kompetenzverlust bei Einwanderern riskiert.

In Delmenhorst gibt es mit dem Institut für Weiterbildung in der Kranken- & Altenpflege (IWK) sogar einen Spezialisten, um ausländische Pflegekräfte fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen. Gerade in dieser Woche ist ein weiterer "Vorbereitungslehrgang für die Kenntnisprüfung/Eignungsprüfung zur Erlangung der staatlichen Anerkennung ausländischer Krankenpflegeausbildungen" beendet worden, elf von 13 Teilnehmern haben ihn bestanden. Voraussetzung dafür sind übrigens auch ordentliche Deutschkenntnisse, mindestens auf B2-Niveau. Wer also ausländische Pflegekräfte rekrutiert, muss als Arbeitgeber auch einiges in die Bildung investieren. Interessanterweise war es aber gerade das ehemalige noch eigenständige St.-Josef-Stift, das als einer der ersten Arbeitgeber überhaupt in Delmenhorst auf die Volkshochschule zugegangen ist, weil im Stift großer Bedarf an Deutschunterricht für neue Mitarbeiter identifiziert wurde.

Lesen Sie auch

„Wer nach Deutschland kommt, bekommt einen individuellen Defizitbescheid“, erklärt Katja Kalkowski vom IWK. Das ist ein erster aufwendiger Schritt, weil bei jedem Bewerber genau geschaut wird, was er in seiner Heimat gelernt hat und was ihm nach der deutschen nicht-universitären Ausbildung noch fehlt. „Es kann auch eine sofortige Anerkennung geben. Oder die Pflegekräfte müssen noch etwas nachholen und können das auf zwei Wegen machen“, sagt die IWK-Mitarbeiterin. Entweder füllen sie die Inhalte, die ihnen fehlen, direkt in der Krankenpflegeausbildung auf, indem sie die entsprechenden Unterrichtseinheiten dort besuchen, was aber ein noch zeitaufwendigerer Weg als die Alternative ist: die Vorbereitung auf die Anerkennung.

Eine Schulung von viereinhalb Monaten

Viereinhalb Monate werden die Pfleger im IWK oder bei anderen Anbietern geschult. Fünf Wochen lang büffeln sie Theorie, der Rest ist Praxis. Das Verfahren ist bewährt, was sich auch an der Spannbreite der Arbeitgeber zeigt. In dieser Woche ist es sowohl ein Haus aus der Nähe Bremerhavens als auch ein Krankenhaus aus Osnabrück. „Auch große Ketten schicken ihre ausländischen Pflegekräfte zu uns“, sagt Katja Kalkowski. Mittlerweile ist es gelungen, die Finanzierung auf neue Beine zu stellen. Zuerst wurden diese Vorbereitungslehrgänge über niedersächsische IQ-Mittel gefördert. Aber wie das so oft mit Projekten ist. Wenn sich zeigt, dass sie erfolgreich sind, wird die Förderung eingestellt. Dann müssen sie auf eigenen Beinen stehen.

„Es ist uns aber gelungen, dass wir entsprechend von der Agentur für Arbeit zertifiziert wurden“, sagt Kalkowski. Ein Riesenvorteil für Arbeitgeber, die nun mit Bildungsgutscheinen arbeiten können. Doch der Weg dorthin war kompliziert. Die ausländischen Kräfte arbeiten ja in Deutschland, wenn auch nicht als examinierte Kraft, sondern als Assistenten. Die Agentur fördert aber eigentlich nur Maßnahmen, um Menschen aus der Arbeitslosigkeit wieder ins Berufsleben zu führen. Für die Pflegekräfte selbst hat die Anerkennung ihrer Berufsausbildung übrigens nicht nur eine beruflich herausragende Bedeutung: Als Fachkraft kriegen sie auch eine entsprechende Aufenthaltsgenehmigung.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+