Prozess am Landgericht Oldenburg Pizza-Lieferant mit Messer angegriffen

Er soll einen 61-jährigen Pizza-Lieferanten zu einer abgelegenen Adresse in Delmenhorst beordert und ihn dort überfallen haben. Nun muss sich ein 23-Jähriger wegen versuchten Mordes verantworten.
04.02.2020, 17:44
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Pizza-Lieferant mit Messer angegriffen
Von Esther Nöggerath

Weil er seine Schwester beleidigt haben soll und auch um an ein bisschen Geld zu kommen, hat ein junges Paar im Sommer beschlossen, einen 61-jährigen Pizzalieferanten zu überfallen. Bei der Auseinandersetzung im Juli in Delmenhorst kam auch ein Messer zum Einsatz, mit dem der 61-Jährige im Schulter-Hals-Bereich schwer verletzt wurde. Nun muss sich der 23-jährige Angreifer vor dem Landgericht Oldenburg wegen versuchten Mordes aus Habgier und anderen niedrigen Beweggründen sowie gefährlicher Körperverletzung und versuchten Raubes verantworten.

„Es ging nur darum, ihm eine kleine Abreibung zu verpassen. Ich wollte ihn auf keinen Fall töten oder so schwer verletzen“, beteuerte der Angeklagte, der sich zum Auftakt des Prozesses am Dienstag bereits ausführlich zu dem Vorfall einließ und reumütig zeigte. „Ich hatte in den vergangenen Monaten viel Zeit, über mein Verhalten nachzudenken und kann da immer nur wieder den Kopf drüber schütteln“, sagte der Student mit pakistanischen Wurzeln, der seit August vergangenen Jahres in Untersuchungshaft sitzt. Es sei das erste Mal, dass er in seinem Leben vor Gericht stehe oder überhaupt etwas Unrechtes getan habe. „Ich bedauere mein Fehlverhalten zutiefst“, betonte der 23-Jährige.

Zwischen der Familie des Angeklagten und des 61-Jährigen bestand offenbar schon seit Längerem eine Fehde. Bereits 16 Jahre vorher kam es zu ersten Streitereien zwischen dem Opfer und dem Vater des Angeklagten, weil der 61-Jährige in Huchting einen Pizza-Service aufmachte, der genauso hieß wie der Laden des Vaters. Außerdem gab es da noch einen Vorfall zwischen der Schwester des 23-Jährigen und der Tochter des Opfers, die zusammen zur Schule gegangen waren und bei dem es um den Konsum von Drogen gegangen war. Danach habe der 61-Jährige immer wieder Lügen und Gerüchte über seine Schwester, aber auch seine Mutter verbreitet, erklärte der Angeklagte. Anfang des vergangenen Jahres habe man sich dann mit den Familien zusammengesetzt, um ein klärendes Gespräch zu führen. „Für mich war die Sache damit erledigt“, erzählte der 61-Jährige, der als Zeuge vor Gericht geladen war. Er habe sich entschuldigt, auch wenn er die Dinge nie so gesagt habe, wie sie letztlich bei der anderen Familie angekommen seien. Danach herrschte zunächst Ruhe.

Anfang Juli kam dann die Idee für den Überfall laut Angeklagtem von seiner damaligen Freundin, die für eine Reise nach Amsterdam gerne vorher etwas zusätzliches Geld beschaffen wollte. Als sie ihrem Freund einige Wochen vor der Tat davon erzählte, habe er erst einmal gar nicht darauf reagiert, erklärte der Angeklagte. Als dann eine Woche später an den 23-Jährigen herangetragen wurde, dass der 61-Jährige weitere Lügen über seine Familie verbreitet habe und seine Freundin einige Tage später erneut die Idee mit dem Raub aufwarf, habe er schließlich zugestimmt und ihr gesagt, er wüsste auch ein potenzielles Opfer.

Eine Woche später beschloss das Pärchen schließlich, die Idee in die Tat umzusetzen. Sie besorgten sich Sturmhauben und fuhren in eine Straße in Delmenhorst nahe der Stadtgrenze zu Bremen, von wo aus sie gegen Mitternacht bei dem Pizza-Service des 61-Jährigen mit unterdrückter Nummer anriefen und eine Bestellung aufgaben. „Ich wusste, dass er auch selber ausliefert“, erklärte der Angeklagte. Als Adresse nannten sie den abgelegenen Schotterweg, in dem sie sich aufhielten. „Den kannte ich noch von Fahrten, als ich selber ausgeliefert habe“, erzählte der 23-Jährige. Er sei sehr nervös gewesen und habe noch zwei Mal wieder bei dem Pizza-Service des 61-Jährigen angerufen, einmal um nachzufragen, wie lange die Bestellung brauchen würde und einmal, um die Hausnummer doch noch mal zu ändern. „Ich hatte ein ungutes Gefühl“, sagte der Angeklagte.

Gemeinsam mit seiner Freundin versteckte er sich dort in einem Gebüsch. Als der 61-Jährige sein Auto in der Straße parkte, ausstieg und zum Kofferraum ging, in dem die Lieferung lag, näherte sich der 23-Jährige mit Sturmhaube über dem Gesicht und schlug direkt zu, als das Opfer die Schritte hörte und herum fuhr. Immer wieder schlug er zu, doch der Überfallene wehrte sich heftig. Dann sei er ein Stück zurück und auf die Knie gefallen, erzählte der Angeklagte, während das Opfer lediglich von einigen Schritten weg von ihm sprach. In dem Moment kam dann die Freundin, gegen die derzeit ein gesondertes Verfahren läuft, zum Angeklagten und soll ihm ein Klappmesser gegeben haben, das er immer in seinem Auto aufbewahrte. „Ich wusste gar nicht, dass sie es mitgenommen hatte oder was sie mir da in die Hand gedrückt hat“, erzählte der Angeklagte.

Er habe ziemlich unter Adrenalin gestanden und sei dann wieder auf den 61-Jährigen los, der in der Zwischenzeit versucht hatte, in sein Auto zu kommen und zu flüchten. Als er erneute Schläge, dieses Mal mit der Hand mitsamt Messer, spürte, rief der Überfallene schließlich laut um Hilfe. Weil er alle Dachfenster wegen der Wärme an dem Abend geöffnet hatte, hörte ein Anwohner die Rufe, schaute aus dem Fenster, sah die Auseinandersetzung und rief etwas. Daraufhin flüchteten die beiden Angreifer zurück zu ihrem Auto, das sie einige hundert Meter entfernt auf Bremer Seite abgestellt hatten. Dass er den 61-Jährigen so schwer verletzt hatte, habe er in dem Moment gar nicht bemerkt, erklärte der Angeklagte. „Er hat aufrecht gestanden und ich habe auch kein Blut am Messer gesehen“, sagte er.

Soweit konnte auch der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann den Angaben des Angeklagten folgen. „Aber wie Sie dann nach der Tat darüber gesprochen haben, das erstaunt mich ein bisschen“, erklärte der Richter. Denn aus Chat-Verläufen zwischen dem Angeklagten und seiner Freundin vom nächsten Tag ging hervor, dass dieser unter anderem vorschlug, es noch mal zu versuchen, dieses Mal allerdings mit Schlägern. „Es war so witzig“, hatte der Angeklagte unter anderem geschrieben. „Das war nicht ernst gemeint, ich wollte ihr imponieren“, versicherte der 23-Jährige nun vor Gericht. „Ich hatte zu keinem Zeitpunkt vor, das zu wiederholen. Ich habe mich überhaupt nicht gut gefühlt und es bereut.“ Deswegen habe man auch danach nicht wie geplant Urlaub gemacht. „Mir war gar nicht danach, wegzufahren.“

Der 61-Jährige wurde nach dem Überfall zunächst von dem Anwohner betreut, der auch die Polizei und den Notarzt verständigt hatte. Im Krankenhaus wurde seine gut zwölf Zentimeter lange Schnittwunde dann genäht sowie ihm etwas gegen die Schmerzen durch diverse Prellungen und einem Hämatom verabreicht. Anschließend konnte der Mann wieder nach Hause. Durch die Verletzungen habe er auch heute immer noch Probleme, erzählte der Mann vor Gericht. Er könne seinen Kopf nur noch eingeschränkt drehen und habe beim Autofahren Schmerzen in der Schulter. Dazu kommt die psychische Belastung: Im Dunkeln bekomme er schnell Angst. Als sich ihm einmal eine Person in der Dämmerung näherte, habe er Schüttelfrost und Panik bekommen.

Das Schmerzensgeld von 5000 Euro, das der Angeklagte dem 61-Jährigen als Entschädigung bereits vor dem Prozess angeboten hatte, lehnte dieser aber ab. Er wolle lediglich, dass das Gericht ein gerechtes Urteil fälle und dass sich der Angeklagte ändere. Auch von etwaigen Rache-Gedanken anderer Familienmitglieder wollte der Vater dreier Kinder nichts wissen. „Ich habe dafür gesorgt, dass niemand Vergeltung übt“, sagte er. Auch den Eltern des Angeklagten, die nach der Tat zu ihm gekommen seien und ihn um Verzeihung gebeten hätten, habe er vergeben.


Der Prozess wird am Dienstag, 18. Februar, um 9 Uhr fortgeführt.

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