Niederdeutsches Theater Delmenhorst

Publikum packt das 70er-Fieber

Das Niederdeutsche Theater Delmenhorst hat mit seiner Musikrevue „Ein Festival der Liebe“ das Publikum im Kleinen Haus begeistert, das direkt vom 1970er-Jahre-Fieber gepackt wurde.
13.10.2019, 16:29
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Von Heide Rethschulte
Publikum packt das 70er-Fieber

Die jungen Ensemble-Mitglieder des NTD waren bei der Musikrevue genauso begeistert bei der Sache wie die älteren Darsteller.

INGO MÖLLERS

Das Publikum forderte noch vor dem Ende lautstark „Zugabe“ und bescherte damit Nachwuchsschauspieler Franz Pache, der lange warten musste, ehe er seinen Text anbringen konnte, „ein komisches Gefühl“. Mit der umjubelten Uraufführung der Musikrevue „Ein Festival der Liebe“ feierte das Niederdeutsche Theater Delmenhorst (NTD) am Sonnabend im Kleinen Haus einen gelungenen Saisonauftakt.

Berufsregisseur Philip Lüsebrink, der die Revue für das NTD geschrieben hat, ist dabei ein großer Wurf gelungen. Die Revue ist eine perfekte Mischung aus mitreißender Musik und Information, die die dunklen Seiten des Jahrzehnts nicht verschweigt. Es waren viele kleine Puzzleteilchen, die perfekt zusammenpassten und so den Abend für die Zuschauer zu einem unvergesslichen machten. Auch junge Menschen, deren Musikgeschmack nicht die Schlagermusik der 70er ist, ließen sich mitreißen und sprachen am Ende von „einem ganz tollen Stück“. Philip Lüsebrink indes zeigte sich überrascht darüber, „dass die Leute so explodiert sind.“

Der 42-Jährige hat ein Stück für alle Altersklassen geschrieben. Während die Älteren auf eine Erinnerungsreise gingen und sich immer wieder lachend oder auch Sätze beendend in die damalige Zeit zurückversetzten, gingen die jungen Leute auf Entdeckungsreise. Wer käme denn heute auf die Idee, seine rissigen Spülhände ausgerechnet in grünem Spülmittel zu baden? Gerade im Werbefeuerwerk, das Jubilarin Petra Witte, die in dieser Revue, wie berichtet, ihre 25-jährige Zugehörigkeit zum NTD feiert, entfachte, kam es zu Wechselspielen mit dem Publikum. Die Zuschauer vollendeten voll Begeisterung die von Witte angefangenen Werbesprüche, die von Tammo Albers mit blonder Lockenperücke und in gestreifter Kittelschürze auch bildlich in Erinnerung gerufen wurden.

Das war auch einer der Pluspunkte der Revue, die Lüsebrink zusammen mit seiner Regieassistentin Christine Petershagen verantwortet. Die vielen liebevollen Kleinigkeiten, zu denen auch der vom Publikum bejubelte Auftritt von Dieter Brackhahn als Russe in Fellmütze, - mantel und -stiefel beim Titel „Moskau“ gehörte, machten einen weiteren Reiz dieser gelungenen Inszenierung aus.

Eine weitere war die sichtbare Freude, mit der der junge Teil des Ensembles agierte. Das begann bei Franz Pache, der als Nachrichtensprecher den Streifzug durch das Jahrzehnt auf informeller Seite im Griff hatte. Immer wieder brachte er mit stoischer, eines Nachrichtensprechers würdiger Miene die nötige Geduld auf, das feierfreudige Publikum so ruhig werden zu lassen, dass seine Worte Gehör fanden. Außerdem zelebrierte er die kleinen Scharmützel am Rande mit Dirk Wieting, der als Dieter Thomas Heck immer mal wieder mit seiner Hitparade dazwischenfunken wollte.

Aber auch gesanglich machte die Jugend richtig Dampf. Jule Petershagen, Fentke und Tomke Stolle, Austen Dobrin-Stein und Till Cordes, der beim Les Humphries-Medley bewies, dass er auch die hohen Töne sicher beherrscht und damit den Saal zum Kochen brachte, sangen und tanzten mit so einer überzeugenden Freude, dass der Funke ganz schnell übersprang.

Auch die Erfahrenen im Ensemble setzten ihre Highlights. Heino Brackhahn telefonierte als Vico Torriani beim „Goldenen Schuss“. Heiko Petershagen provozierte heftige Publikumsreaktionen, als er seiner Bühnenehefrau Petra Witte barsch über den Mund fuhr. Tammo Albers glänzte nicht nur als Tante Tilly sondern erhielt für seine Interpretation der „Biene Maya“ Sonderapplaus, weil er nicht nur stimmlich, sondern auch vom Akzent her Karel Gott wunderbar traf. Beim gerade verstorbenen Karel Gott erhielt die Revue ebenso wie beim Werbespruch „Neckermann macht´s möglich“, der nach der Thomas Cook-Pleite gerade erst seine Gültigkeit verlor, wie auch beim Terroranschlag von Halle ungeplant vielfältige Aktualität.

Ungewöhnlich waren auch die Anfänge beider Halbzeiten. Wurde zu Beginn „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ hinter verschlossenem Vorhang gesungen, brachte nach der Pause Wums „Musik, zwei, drei vier“ bei erneut geschlossenem Vorhang sofort wieder Stimmung ins sehr gut gefüllte kleine Haus. Die von Roland Wehner geplante Drehbühne, deren herrliche 70er Jahre-Tapete im Familienwohnzimmer sofort nach Ansicht beklatscht wurde, gewährte viele Spielmöglichkeiten, die Lüsebrink gekonnt einsetzte. Das Drehen, das die fleißigen Helfer des Bühnenbauteams übernahmen, klappte ebenso reibungslos wie die Umbauten im freien Zimmer. Der dritte Raum war das Studio, aus dem Franz Pache seine Nachrichten verlas.

War die Stimmung vor der Pause kurz vor dem Siedepunkt, kochte sie danach weiter hoch, um dann vor dem Ende überzuschwappen. Die zehn Sänger, die sich stimmlich voll auf der Höhe präsentierten, animierten die Zuschauer immer wieder zum Mitsingen und -klatschen. Ein Stück, das die NTD-Zuschauer so schnell nicht vergessen werden.

Karten für die weiteren Vorstellungen gibt es im Kleinen Haus, online unter www.ntd-del.de sowie beim DELMENHORSTER KURIER, Lange Straße 41.

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