Interview mit Susanne Schattenberg "Russland hat sich fundamental verändert"

Susanne Schattenberg, Leiterin der Forschungsstelle Osteuropa, hält am Mittwoch einen Vortrag über Leonid Breschnew in Ganderkesee. Im Interview spricht sie über Veränderungen und die Fußball-WM.
17.06.2018, 18:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Jochen Brünner

Sie haben sich in einer Biografie intensiv mit Leonid Breschnew befasst, den viele Menschen im Westen in den 1970er-Jahren als Gegenspieler der damaligen US-Präsidenten erlebt haben. Was war er für ein Mensch?

Susanne Schattenberg: Leonid Breschnew war von Haus aus erst einmal ein unpolitischer Mensch. Er ist nicht in einem Haushalt von Revolutionären aufgewachsen, sondern seine Eltern strebten ein bürgerliches Leben an. Zum anderen wollte er eigentlich Schauspieler werden, was ihm außenpolitisch zugute kam: Er ist mit viel Vergnügen und großer Kunst in verschiedene Rollen geschlüpft – aber nicht, um seine Gesprächspartner zu täuschen, sondern um ihnen zu zeigen, dass er nicht der Aggressor aus dem Osten ist. Eine persönliche Annäherung als vertrauensbildende Maßnahme war ihm sehr wichtig. Auch angesichts der eigenen Kriegserlebnisse nah an der Front war der Frieden sein größtes Anliegen. Zu seinen Verdiensten gehört auch, dass er den KSZE-Prozess gegen den anfänglichen Widerstand der westlichen Politiker durchgesetzt hat und auch die Rüstungskontrollverträge (Salt I und II) zum Abschluss gebracht hat. Nur leider hat er in den letzten sieben Jahren seiner Amtszeit dann auch wieder viel zunichte gemacht.

Hätte ein solcher staatsmännischer Politikertyp heute noch eine Chance?

Ja, das glaube ich unbedingt. Breschnew hatte viele Qualitäten, die damals für sowjetische Politiker ungewöhnlich waren, heute aber zur Grundausbildung gehören – vor allem Medienbewusstsein. Er war der Erste, der einen persönlichen Fotografen hatte. So hat er sich im Westen teilweise locker und witzig, etwa im Stil von Alain Delon, präsentiert, während er im Osten nur staatstragende, ernste und biedere Fotos von sich zugelassen hat. Er konnte auf die Leute zugehen und sie als Entertainer begeistern, nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die westlichen Gesprächspartner.

Wo hatte er denn mehr Überzeugungsarbeit zu leisten?

In der Sowjetunion spielte die Bevölkerung damals ja keine so große Rolle, weil ihnen von oben gesagt wurde, was sie zu denken hat. Wenngleich die Parteispitze natürlich sehr genau geguckt hat, wie die Bevölkerung auf die sozioökonomische Lage reagiert. Bis in die frühen 70er-Jahre hatte Breschnew im Politbüro und im Zentralkomitee der Partei noch viele mächtige Gegner, die seinen Westkurs überhaupt nicht goutiert haben und es eigentlich für Selbstmord hielten, dass er sich so den USA angedient hat. Da musste er ständig beweisen, dass seine Westpolitik der Sowjetunion nützt. Aber auch bei den westlichen Politikern musste er große Überzeugungsarbeit leisten.

Wie hat sich Russland seit der Breschnew-Ära gesellschaftlich verändert?

Russland hat sich fundamental zum Positiven verändert. Nach 1991 gab es zunächst eine Phase des "Anything Goes". Da sind die Menschen zunächst sehr feindselig miteinander umgegangen. Nachdem sie sich über einen langen Zeitraum beugen und Regeln befolgen mussten, haben sie dann erst einmal sämtliche Regeln des Anstands und des höflichen Miteinanders boykottiert. Inzwischen hat sich Russland aber zu einer Gesellschaft entwickelt, wie man sie auch im Westen antrifft. Das Land ist allen technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, und auch das zwischenmenschliche Miteinander kann man inzwischen als zivilgesellschaftlich modern-angenehm beschreiben. Allein, dass die Leute jetzt überall in Cafés sitzen und sich unterhalten, ist ein so großer Unterschied zu den 80er-Jahren. Man könnte jetzt sagen: plumpe Konsumkultur, aber vorher gab es dort eben gar nichts. Früher schottete man sich nach außen ab, heute nehmen die Menschen die Straße für sich in Anspruch, besiedeln und gestalten sie. Wir haben am Osteuropa-Institut das Archiv eines Dissidenten, deren Kinder mehrere Restaurant-Ketten gegründet haben, weil sie es für wichtig halten, dass die Menschen sich treffen, damit sie einen Ort haben, an dem sie ungestört und angstfrei miteinander reden können.

Und wie beurteilen Sie die Arbeit von Wladimir Putin?

Bei dieser Frage zitiere ich gern Ludmilla Alexejewa, die Grande Dame der Menschenrechtsbewegung, die sagt, sie würde Putin nicht verzeihen, dass er das viele Geld, das in den 2000er-Jahren an Petrodollars geflossen ist, nicht in die Sanierung der Infrastruktur und den Ausbau der Sozialsysteme gesteckt hat. Da sind viele Chancen vertan worden. Und bis heute hat Russland ja das Problem, dass es so gut wie nur Rohstoffe exportiert, weil die produzierten Waren auf dem Weltmarkt kaum mithalten können. Und beim Aufholen des technischen Rückstandes ist lange nicht so viel getan worden, wie darüber geredet wurde.

Was bedeutet ein sportliches Großereignis wie die Fußball-WM für Russland. Ist das nur eine große PR-Bühne, um sich darzustellen, oder kann darüber auch eine Veränderung erfolgen?

Grundsätzlich ist das nicht anders als in jedem anderen Land: Auch Russland nutzt ein solches Ereignis, um sich zu präsentieren und zu profilieren. Ich halte es aber schon für wichtig, dass die Bevölkerung jetzt nicht den Eindruck gewinnt, dass die Welt nicht nach Russland will oder nicht wahrnimmt, was sich die Gastgeber für Mühe geben. Es ist wichtig, dass dieses Fußballfest jetzt gefeiert wird und die internationalen Medien vermitteln, dass es keine Vorbehalte gibt. Das wäre schon ein positiver Effekt. Wirklich große neue Impulse erwarte ich aber nicht.

Haben sich auch die Städte vor der WM verändert?

Die WM-Städte sind alle prächtig herausgeputzt worden. Die Moskauer waren zwar ziemlich sauer über die ganzen Staus, die sie während der Bauphase ertragen mussten, aber jetzt sind sie schon stolz, und die Stadt ist auch sehr schön geworden. Und von den Infrastrukturmaßnahmen, etwa die zusätzlichen Parks, profitiert die Bevölkerung natürlich auch noch nach der WM.

Wenn Sie Bundeskanzlerin wären: Würden Sie zur Fußball-WM fahren?

Ja, natürlich. Das wäre extrem wichtig als symbolische Geste der Anerkennung. Die Politik ist nicht gut beraten, wenn sie nur moralisch agiert, sondern man muss auch mal Fünfe gerade sein lassen, wenn man mittel- und langfristige Ziele erreichen will. Die kann man nämlich nur dann erreichen, wenn man den Menschen die Hand reicht, auch wenn man sie ihnen eigentlich gar nicht geben möchte.

Die Fragen stellte Jochen Brünner.

Info

Zur Person

Susanne Schattenberg

(geb. 1969) ist seit 2008 Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa und Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen. An diesem Mittwoch, 20. Juni, um 19.30 Uhr stellt sie im Kulturhaus Müller in Ganderkesee ihre Biografie über den sowjetischen Staatsmann Leonid Breschnew vor. Im Interview erzählt sie zudem, wie sich Russland seit der Breschnew-Ära verändert hat und warum sie Kanzlerin Angela Merkel unbedingt raten würde, die Fußball-WM in Russland zu besuchen.

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