Sonderausstellung Sehnsucht nach Heimat

Das Industriemuseum auf dem Nordwolle-Gelände ist eines von fünf Häusern, das einen Teil zur Sonderausstellung "Sehnsucht nach Europa" beigetragen hat. Es geht um das Ankommen von Zuwanderern.
02.04.2018, 18:47
Lesedauer: 3 Min
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Sehnsucht nach Heimat
Von Michael Kerzel

Seit Jahrzehnten kommen immer wieder Zuwanderer nach Delmenhorst: Vor rund 140 Jahren waren es junge Osteuropäerinnen als billige Arbeitskräfte in Zeiten der Industrialisierung, zum Ende des Zweiten Weltkriegs flohen Vertriebene aus den Ostgebieten gen Westen, später lockten die Städte und Gemeinden in Deutschland Gastarbeiter aus Südeuropa und zuletzt kamen viele Flüchtlinge aus dem arabischen Raum und Nordafrika hierher. Sie alle suchen eine neue Heimat. In einer Sonderausstellung beschäftigen sich mehrere Kultureinrichtungen mit dem Thema, wie Zuwanderer in ihrem neuen Leben ankommen. Mit dabei ist das Industriemuseum Delmenhorst ebenso wie vier weitere Einrichtungen aus Bremen, Oldenburg, Syke und Lohne. „Sehnsucht Europa“ heißt das Projekt unter der Federführung der Oldenburger Landschaft in Kooperation mit Stadtkultur Bremen. Fünf Themenbereiche weist die Ausstellung aus, die jeweils unter den Oberbegriffen „Migration“ und „Zusammenfinden“ stehen, wie Bernd Entelmann vom Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur in Delmenhorst berichtet.

Die teilnehmenden Einrichtungen stellten jeweils eine spezifische Frage und beantworteten diese auf Stelen mit Bildern, Texten, Gebasteltem und Ausstellungsstücken. „Wann fühlen wir uns willkommen?“ fragt Delmenhorst. Dafür verglich eine Arbeitsgruppe um Entelmann die Erfahrungen der zum Ende des Zweiten Weltkriegs nach Delmenhorst vertriebenen Ostpreußin Hanna Fischer und der Familie Sandouk, die vor zweieinhalb Jahren aus dem syrischen Aleppo floh. „Wir wollten herausfinden, welche Unterstützung es hier gab von Behörden und auch Nachbarn. Dabei wollten wir uns aber nicht nur auf Statistiken stützen, sondern mit den Menschen direkt sprechen“, berichtet Entelmann.

Der Kontakt zu Adel Sandouk, seiner Frau und Najib, dem ältesten Sohn der Familie, entstand über die Intergrationslotsen in Delmenhorst, bei denen die Sandouks mitmachen. „Man muss bei den Gesprächen sehr sensibel vorgehen, da immer die Gefahr besteht, Traumata auszulösen“, erzählt Entelmann. Und so führte Najib Sandouk, der mittlerweile der CDU beitrat und an der Hochschule in Dresden Medizin studiert, das Interview mit seinen Eltern. Eine Kamera zeichnete das Gespräch auf. Adel Sandouk berichtete beispielsweise darüber, wie er als Zahnarzt und Kieferchirurg in Aleppo unter anderem Vorlesungen an der Universität hielt, in Deutschland jedoch zunächst 18 Monate zum Nichtstun verdammt war. Er erzählt, wie kompliziert es war, die notwendigen Scheine zu erlangen, um seine Fertigkeiten zu beweisen. Und wie er die deutsche Sprache inklusive fachlicher Worte lernte. Interessierte erfahren in der Ausstellung, wie er und seine Familie in Delmenhorst angekommen sind. Ebenso lernen Besucher Hanna Fischer kennen. Sie flüchtete 1945 vor der in den Ostgebieten einmarschierenden Roten Armee. Bilder aus ihrer Kindheit und Jugend gehören ebenso zur Ausstellung wie ihre Blockflöte – viel mehr konnte sie auf der Flucht nicht mitnehmen. Insgesamt rund 16 000 Flüchtlinge kamen zum Kriegsende nach Delmenhorst, wo zu diesem Zeitpunkt 42 000 Menschen lebten. Die hiesige Bevölkerung fürchtete sich laut Entelmann vor den Ankommenden, war zumindest anfangs teilweise überfordert. „Das ändert sich mit der Zeit, aber es ist ein Prozess“, sagt Entelmann. Sowohl Fischer als auch die Sandouks haben damit ähnliche Erfahrungen gemacht. Und sie haben noch etwas gemein: „Sie sind vor dem Krieg geflüchtet, hatten Sehnsucht nach einem Ort, an dem sie sicher leben können“, sagt Entelmann.

Neben dem Delmenhorster Teil stehen die Stelen des Kreismuseums Syke im Industriemuseum. Hier geht es um die Frage: „Ist Vielfalt bereits alltäglich?“. Die Syker beleuchteten die Essgewohnheiten, die Zuwanderer mitgebrachten und wie weit diese in der heimischen Gesellschaft ankamen. Mitarbeiter des Oldenburger Museums für Natur und Mensch schauten sich mit jungen Flüchtlingen das Meer und den Wald und dort die lokale Tier- und Pflanzenwelt an, die den jungen Zuwanderern nahezu unbekannt war. Das Industriemuseum Lohne machte ehemalige Gastarbeiter ausfindig und untersuchte, in welchen Bereichen diese heute arbeiten – viele von ihnen machten sich in diversen Bereichen selbstständig.

In jedem der fünf Teilbereiche wird auch die Methode dargelegt, wie die Ergebnisse ermittelt wurden. „Das soll als Beispiel dienen, wie Zusammenarbeit von kulturellen Einrichtungen mit Zuwanderern funktionieren kann“, erklärt Entelmann. Die Ausstellung ist Teil von „Sehnsucht Europa“, einem Zusammenschluss mehrerer kultureller Akteure. Weitere Informationen gibt es auf www.sehnsuchteuropa.de. Gefördert wird die Ausstellung von der Metropolregion Nordwest sowie dem Senator für Kultur Bremen.

Die Ausstellung in Delmenhorst geht bis zum 20. Mai. Das Museum in der Lahusenstraße auf dem Nordwollegelände ist von Dienstag bis Freitag sowie Sonntag in der Zeit von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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