Doris Schröder-Köpf sprach als Landesbeauftragte für Migration über die Herausforderungen der Asylpolitik

„Solidarität und Empathie so groß wie nie“

Ganderkesee. Bis zu 400 000 Asylanträge werden bis Ende des Jahres in Deutschland erwartet. Das sind doppelt so viele wie im vergangenen Jahr und damit der höchste Wert seit dem Bürgerkrieg in Jugoslawien in den 1990er Jahren.
09.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von CAROLIN KAISER
„Solidarität und Empathie so groß wie nie“

Prominenter Besuch aus Hannover am Dienstagabend in Ganderkesee (von links): Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, mit Bürgermeisterin Alice Gerken-Klaas sowie Astrid Fuchs und Annina Tayed von der Bürgerstiftung.

Janina Rahn

Bis zu 400 000 Asylanträge werden bis Ende des Jahres in Deutschland erwartet. Das sind doppelt so viele wie im vergangenen Jahr und damit der höchste Wert seit dem Bürgerkrieg in Jugoslawien in den 1990er Jahren. Allein 261 Flüchtlinge sind bis Mitte April im Landkreis Oldenburg untergebracht worden. 572 sollen es bis zum Herbst werden. Mit diesen aktuellen Zahlen im Gepäck traf Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, am Dienstagabend zu ihrem Vortrag im Gymnasium Am Steinacker ein.

Sie bestätigte damit den Grund, der die Bürgerstiftung Ganderkesee zu ihrer Einladung veranlasst hatte: „Die Flüchtlingszahlen steigen. Das bedeutet eine große Herausforderung für die Gemeinde. Deshalb wollten wir uns möglichst früh mit diesem Thema befassen“, erklärte Rolf Schütze, Pressesprecher der Stiftung, vor dem Vortrag zum Thema „Asyl ist kein Idyll – Herausforderung für Einheimische und Einwanderer“. Die Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement wolle man rechtzeitig nutzen. „Es ist das größte Faustpfand, das wir haben.“

Die Solidarität und Empathie mit den Flüchtlingen sei so groß wie nie, schilderte Doris Schröder-Köpf ihren Eindruck – und das gelte für das gesamte Land Niedersachsen. Dies sei ein entscheidender Faktor für die Integration. „Es geht nicht nur darum, Menschen aufzunehmen, sondern sie auch anzunehmen.“ Gesellschaftliche Teilhabe erfordere von beiden Seiten Toleranz und Akzeptanz. Während die Einwanderer deutsche Regeln und Gesetze respektieren müssten, sei es die Aufgabe der Einheimischen, den Neuankömmlingen „die Hand zu reichen“. Diese Bereitschaft gäbe es in Ganderkesee, deren Einheimische sie für ihr ehrenamtliches Engagement lobte. Letzteres sei „ein wesentlicher Baustein für die Teilhabe“.

Auch die Politik sei von Empathie geprägt, machte Schröder-Köpf deutlich, „überall wird aufgebaut und aufgestockt“. So solle unter anderem jenen Flüchtlingen endlich Gerechtigkeit widerfahren, die in den neunziger Jahren nach Deutschland kamen und die bislang nur „Kettenduldungen“ erhielten. Aufgrund des fehlenden Aufenthaltstitels habe man ihnen die Teilhabe erschwert – dies sei später kritisiert worden. „Wir wollen Fehler von damals nicht wiederholen“, stellte die Landesbeauftragte klar.

Deshalb arbeite das Niedersächsische Innenministerium zur Zeit daran, dass Wegweiserkurse, die eine erste Orientierung in Deutschland erleichtern sollen, für möglichst viele Flüchtlinge angeboten werden können. Aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen sei das jedoch nicht leicht. An Grenzen stoße das Land auch beim Thema Sprachkurse. Während Schulkinder mit Unterstützung, zum Beispiel durch das Bildungs- und Teilhabepaket oder die Einrichtung von Sprachlernklassen, rechnen können, sei es nicht möglich, für alle Erwachsenen Kurse bereitzustellen. „Wir erwarten, dass sich der Bund dafür zuständig erklärt“, betonte Schröder-Köpf.

Neben dem Erlernen der deutschen Sprache war auch der Zugang zum Arbeitsmarkt ein wichtiger Aspekt, den die Politikerin ansprach. Sie forderte mehr Flexibilität bei der Anrechnung von ausländischen Abschlüssen. „Die Wirtschaft kämpft an unserer Seite“, sagte sie in Bezug auf den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel. Man müsse die Kompetenzen, die die Einwanderer mitbringen, nur nutzen, meinte sie.

Dass dies in der Praxis oftmals erschwert wird, wurde in der anschließenden Diskussion deutlich. So bedauerte die ehemalige Integrationsbeauftragte der Gemeinde, Dragica Smiljanic, dass gute Schüler aufgrund fehlender Deutschkenntnisse keinen Platz am Gymnasium bekämen. Auch der Mangel an genügend ausgebildeten DAZ-Lehrkräften (Deutsch als Zweitsprache) sowie die Sorge um fehlende dezentrale Unterbringungsmöglichkeiten in Ganderkesee für weitere Flüchtlinge nahm die Landesbeauftragte entgegen. Nur auf die Frage der Projektleiterin der Bürgerstiftung, Astrid Fuchs, warum Führerscheinkurse auf arabisch abgeschafft wurden, konnte Schröder-Köpf nicht antworten. „Die Antwort werde ich aber nachliefern“, versprach sie und bot sich auch bei anderen Problemen als Ansprechpartnerin an.

Zur Person: Doris Schröder-Köpf, Jahrgang 1963, ist Politikerin und Journalistin. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Volontariat bei einer Tageszeitung, verschiedene journalistische Stationen folgten. Bis zu ihrer Wahl in den Niedersächsischen Landtag 2013 leitete Schröder-Köpf das Hannover-Büro ihres Ehemannes und Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder und war Schirmherrin diverser Projekte. Zum 16. April 2013 berief die Landesregierung Schröder-Köpf in ihrer Eigenschaft als Landtagsabgeordnete zur Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe.

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