Lange unter dem Deckel gehalten Mit Funda Gür das Rathaus verteidigen

Funda Gür, aktuell Regierungsdirektorin in der Hamburger Wirtschaftsbehörde, geht als SPD-Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt in Delmenhorst ins Rennen.
20.09.2020, 18:44
Lesedauer: 3 Min
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Von Gerwin Möller

Delmenhorst. Ein wenig stolz sei er schon, sagte Jürgen Schulenberg Sonnabendvormittag im Hotel Goldenstedt. Die Findungskommission, der er angehörte, habe es tatsächlich geschafft, ihren Personalvorschlag für die SPD-Oberbürgermeisterkandidatur bis zuletzt „unter dem Deckel“ zu halten. Erst dieses Wochenende stellte Delmenhorsts kommissarischer SPD-Vorsitzender, Lars Konukiewitz, den Parteigremien die Kandidatin vor: Aus dem schleswig-holsteinischen Oststeinbek war die in Hamburg als Regierungsdirektorin der Wirtschaftsbehörde beschäftigte Funda Gür nach Delmenhorst gekommen.

Ein Wechsel auf den Chefposten im Rathaus reizt die 49-Jährige, weil sie etwas bewegen möchte. An der Elbe könne sie an der Schnittstelle von Politik und Verwaltung wichtige Entscheidungen koordinieren, als Oberbürgermeisterin würde sie einen weiteren Schritt gehen. Funda Gür möchte Schwerpunkte setzen und deren Ausführung gestalten. „Der Bau des Krankenhauses ist ein Mega-Projekt“, sagte sie. „Die Lage von Delmenhorst zwischen Bremen und Oldenburg ist ideal für die zukünftige Entwicklung der Stadt und des Wohnens“, erklärte Gür. Dass sie von außerhalb komme, stört sie nicht: „Ich biete einen frischen Blick auf die Themen, die die Menschen bewegen.“ Funda Gür präsentierte sich schon im Wahlkampfmodus.

Vor etwa drei Monaten will Lars Konukiewitz seine Favoritin kennengelernt haben. „Dass in Niedersachsen bald gewählt wird, haben wir auch in Hamburg vernommen“, bestätigte Gür die Kontaktaufnahme. Konukiewitz hatte den Auftrag seiner Parteigliederung, nach einer überzeugenden Persönlichkeit fürs Oberbürgermeisteramt zu suchen. Funda Gür war dann zu Gesprächen nach Delmenhorst gefahren. Die aus dem geschäftsführenden Unterbezirksvorstand gebildete, vierköpfige Mandatskommission soll schnell von Gür überzeugt gewesen sein. Nach außen drang nichts. Für den möglichen Wechsel aus den Diensten des Hamburger Senats ins Amt einer kreisfreien Stadt Niedersachsens waren auch noch eine Reihe Formalitäten zu klären gewesen. „Endlich“, sagte Gür, wurde ihre Bereitschaft zur Kandidatur nun öffentlich gemacht. Bevor sie ihren Wahlkampf beginne, stehe nur noch ein Nominierungsparteitag. Anfang November wird sich Funda Gür der ersten Hürde auf dem Weg ins Rathaus stellen. Zuvor plant sie schon Besuche in den SPD-Ortsvereinen und bei weiteren Parteigliederungen, auch bei den Jungsozialisten.

Die in der Türkei geborene und in Hamburg aufgewachsene Mutter erwachsener Zwillingstöchter will nicht in die Schublade „Frau mit Migrationshintergrund“ gepresst werden: Ihre türkischen Wurzeln habe sie auch bei der Erziehung ihrer Töchter nie geleugnet. Sie wollte immer ein gutes Vorbild darstellen, sich als Teil dieser Gesellschaft verstehen und schulte ihre Kinder darin, sich nicht als Fremde zu fühlen. Die heute 23-Jährigen wuchsen mit dem Gefühl auf, „wir gehören dazu“. Funda Gür möchte jetzt zu Delmenhorst gehören.

Den Weg von der Elbe an die Delme betrachtet sie als eine Lebensentscheidung. Die Aufgabe, die Verwaltung einer kreisfreien Stadt mit einem Migrantenanteil von 16,8 Prozent zu leiten, sei spannend. Sie bezeichnet sich selbst auch als „Kind einer Arbeiterfamilie“ und das sei passend, denn Delmenhorst habe sich besonders in der Zeit der Industrialisierung entwickelt und stehe heute vor wichtigen Umstrukturierungen. Funda Gür kennt auch die Kommunalpolitik, sie gehörte der Bezirksversammlung Hamburg-Nord an und ist aktuell Mitglied der Gemeindevertretung ihres Wohnortes Oststeinbek. Die Delmenhorster möchte Funda Gür mit ihrer „mutigen, offenen und anpackenden Art“ überzeugen und „Klinken putzen“ gehen. Sie betrachtet sich als „Teamplayerin und weiß, dass es auch wichtig ist, alle Akteure in der Stadt mitzunehmen“.

Nachdem Amtsinhaber Axel Jahnz (SPD) schon zu Jahresbeginn seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur erklärt hatte, stellten CDU und Grüne im März mit der früheren Delmenhorster Kämmerin Petra Gerlach eine gemeinsame Kandidatin für die Oberbürgermeister-Wahl 2021 auf. Die SPD widmete sich weiter ihren innerparteilichen Auseinandersetzungen, seitdem ihre Unterbezirkschefin Antje Beilemann voriges Jahr vom Parteivorsitz zurückgetreten war. In diesem Juni meldete Bettina Oestermann als damalige Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion ihre Ambitionen auf den Oberbürgermeisterposten an. Es rumorte weiter in der Partei, dort wich man dem Eigenvorschlag aus und gründete lieber eine Kommission. Oestermann und weitere Genossinnen traten einige Wochen darauf aus der Partei aus und bilden seitdem die Fraktion Delmenhorster Liste, mit der sie zur Kommunalwahl im kommenden Jahr der SPD Konkurrenz machen wollen.

„Wir haben große Lust auf den Wahlkampf“, erklärte Lars Konukiewitz am Sonnabend. Er bekleidet die Funktion des Delmenhorster Parteichefs zunächst vorübergehend. Sein Personalvorschlag, mit Funda Gür als SPD-Spitzenkandidatin zum Urnengang im kommenden September anzutreten, kann jetzt sein großer Coup werden.

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