Fußball-Kreisliga

Aus vier mach eins

Nachdem die letzten Nachholspiele absolviert sind, beginnt der zweite Teil der Kreisliga-Saison. Und der wird spannend. Sowohl das Aufstiegsrennen als auch der Abstiegskampf sind offen.
01.03.2019, 16:05
Lesedauer: 5 Min
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Von Ralf Kilian
Aus vier mach eins

Die Reserve des SV Atlas Delmenhorst um Dominik Entelmann (vorne) will eine Aufholjagd starten, doch der Abstand zu Spitzenreiter TuS Heidkrug ist schon immens.

INGO MöLLERS

Delmenhorst. Man gibt sich betont zurückhaltend im Lager der Kreisliga-Favoriten: Vier Vereine können sich vor den restlichen zwölf Spieltagen noch Titelhoffnungen machen, doch so richtig offensiv äußert sich keiner der verantwortlichen Trainer. Das liegt ein bisschen daran, dass man sich vor Saisonbeginn ziemlich einig in der Benennung des SV Atlas Delmenhorst II als Titelanwärter war. Nun haben die Blau-Gelben in der Hinrunde fünf teilweise sehr überraschende Niederlagen kassiert und niemand ist bereit, stellvertretend in die Favoritenrolle zu schlüpfen. Ganz aus dem Rennen ausgeschieden ist auch die Oberliga-Reserve der Blau-Gelben noch nicht.

Nach 18 absolvierten Spieltagen führt der TuS Heidkrug mit 45 Punkten das Feld an, gefolgt vom TSV Großenkneten (43), dem Harpstedter TB (41) und dem Ahlhorner SV (40). Kurioserweise werden dem ASV von der Konkurrenz die besten Chancen zugeschustert, doch Trainer Servet Zeyrek wehrt das energisch ab: „Bis auf unsere fünf Neuzugänge haben wir immer noch dieselbe Mannschaft, die im Vorjahr sportlich aus der Kreisliga abgestiegen ist. Deshalb darf man von uns nicht erwarten, dass wir aufsteigen.“ Bekanntlich profitierte Ahlhorn vor einem Jahr trotz sehr ansprechender Rückrunde von der Abmeldung des TSV Ippener, ansonsten wäre der ASV jetzt in der Kreisklasse unterwegs.

Nahezu unveränderte Kader

Die ruhige Umgehensweise des Spitzenquartetts mit der sportlichen Situation spiegelt sich auch in der Transferpolitik der Winterpause wider. Die vier Klubs melden exakt zwei Neuzugänge. Und zwar insgesamt. Der TuS Heidkrug hat Niels Holthausen vom TuS Hasbergen für sich gewinnen können, Großenkneten verstärkt sich mit dem A-Jugendlichen Lucas Abel vom BV Cloppenburg. In Harpstedt und Ahlhorn bleibt alles, wie es war, wobei dem ASV der Ausfall von Linksverteidiger An Binh Pham (Schulter-OP) langfristig wehtun könnte. Abgänge hat kein Spitzenteam vermeldet.

Zumindest die Spieler scheinen folglich alle an ihre große Chance zu glauben. Wenn es nach der Breite des Kaders geht, hat der TuS Heidkrug die besten Perspektiven. Schon in der Hinrunde hat der Herbstmeister teilweise erhebliche Personalsorgen kompensieren können. Die Vorbereitung mit dem Trainingslager in Portugal verlief nach Wunsch und die teilweise katastrophalen Platzverhältnisse am Bürgerkampweg aus dem Frühjahr 2018 sind auch Geschichte. So lehnt sich Trainer Selim Karaca mit seinem Wunsch für seine Verhältnisse weit aus dem Fenster: „Wir wollen am Ende gerne die Top Drei erreichen.“ Die Heimbilanz ist mit neun Siegen bislang makellos, allerdings finden die letzten drei Partien auswärts statt. Wenn Karacas Jungs im Gegensatz zum Vorjahr ihre Form der Hinrunde auch ins zweite Halbjahr übertragen können, sind sie der Top-Favorit.

Das absolute Gipfeltreffen ist für den 22. März geplant, wenn der TSV Großenkneten in Heidkrug antritt. Beim Tabellenzweiten hat man zudem das Saisonfinale im Hinterkopf. „Am letzten Spieltag ist das Derby in Ahlhorn. Es wäre top, wenn es dann für beide Mannschaften noch um etwas geht“, erlaubt sich Großenknetens Trainer Kai Pankow einen Vorgriff auf den 30. Spieltag. Dazu muss das Ziel „möglichst lange oben dranbleiben“ umgesetzt werden. Etwas erschwerend kommt hinzu, dass man nur noch fünf Heimspiele (auf Kunstrasen) hat, aber noch siebenmal reisen muss. „Auf Rasen müssen wir noch stabiler und selbstbewusster auftreten“, fordert Pankow.

Ebendiese Stabilität ging dem jüngsten Vertreter unter den Titelkandidaten oft noch ab. Jörg Peuker, Trainer des Harpstedter TB, äußert sich demzufolge verhalten und nennt nur „einen Platz unter den ersten Fünf“ als Vorgabe. Und in der Tat hat der HTB das schwierigste Restprogramm, muss abgesehen vom Heimspiel gegen Heidkrug noch auswärts in Großenkneten und Ahlhorn sowie bei Atlas II, beim VfR Wardenburg und dem TSV Ganderkesee auflaufen. Spielerisch macht dem letztjährigen Vizemeister niemand etwas vor, doch kann der HTB auch die nötigen dreckigen Siege einfahren?

Darum wird es schon gleich zu Beginn am 9. März in Ahlhorn gehen: Der Verlierer dieses Verfolgerduells kann sich seine (insgeheim vorhandenen) Titelhoffnungen gleich wieder abschminken. Anschließend ist der ASV auch noch bei Atlas II gefordert, wobei das Hinspiel der Wendepunkt war. „Unser Saisonstart war schwach, vor dem Atlas-Spiel habe ich dann alles umgeworfen“, erklärt Zeyrek den Ahlhorner Aufschwung. Mit dem 2:1-Erfolg gegen den damaligen Favoriten begann eine beispiellose Siegesserie mit zehn Erfolgen aus elf Partien, die einzige Niederlage in Heidkrug war sehr unglücklich. Dazu kamen in der Winterpause die großen Erfolge in der Halle wie der Sieg bei der Kreismeisterschaft, die viel Selbstvertrauen für die nötige Aufholjagd geben.

Stichwort Aufholjagd: Geht bei der Atlas-Reserve noch etwas? Mit dem zu erwartenden Dreier im Nachholspiel am Freitag in Falkenburg (bei Andruck dieser Ausgabe noch nicht beendet, Anmerkung der Redaktion) läge man „nur“ noch acht Punkte hinter Heidkrug. Zudem hat Atlas II schon beide Spiele gegen Heidkrug absolviert und empfängt das übrige Spitzentrio im Stadion. Doch schon der 2:1-Sieg im ersten Nachholspiel beim Delmenhorster TB gab wenig Anlass zur Euphorie. Trotz oft erdrückender Dominanz fehlt der Mannschaft der Killerinstinkt, zu viele Chancen werden verschwendet. Und bei Ballverlusten ist die Konteranfälligkeit sehr hoch, da muss Trainer Daniel von Seggern noch die nötige Balance finden.

Kampf um den Klassenerhalt

Im Abstiegskampf ist noch ein Delmenhorster Trio akut gefährdet. Beim TV Jahn hat Trainer Arend Arends die berechtigte Hoffnung, „dass wir nicht wie in den vergangenen Jahren bis zum letzten Spieltag zittern müssen“. Dabei soll Mittelfeldspieler Kevin Kalinowski helfen, der vom TuS Hasbergen kommt und vor sechs Jahren noch zum Bezirksliga-Kader der Violetten zählte. Jahn steht mit 15 Punkten noch relativ komfortabel da, auch der FC Huntlosen sollte trotz nur 14 Zählern relativ zeitnah das rettende Ufer erreichen können. Punktgleich mit dem FCH, aber um satte 30 Tore schlechter repräsentiert der SV Achternmeer aufgrund zahlreicher Klatschen schon eher Absteigerniveau. Lediglich zwölf Punkte weist Aufsteiger TV Falkenburg auf, doch die im Winter unveränderte Truppe von Georg Zimmermann hat eine ganz wichtige Fähigkeit: Sie ist in den Kellerduellen voll da. Abgesehen von einer Niederlage in Achternmeer sind die Falken gegen die Mitkonkurrenten ungeschlagen.

Diese Fähigkeit wird am nächsten Freitag auf die Probe gestellt, wenn der Delmenhorster TB anreist. „Wenn wir verlieren, sind wir so gut wie weg“, weiß Turnerbund-Trainer André Tiedemann. „Andererseits sind wir mit voller Kapelle und mit der richtigen Einstellung auch in der Lage, viele Gegner zu schlagen“, hat Tiedemann die Kreisliga noch nicht abgeschrieben. Zumindest kann Neuzugang Luis Wilchez (Post SV Oldenburg) für die angesichts von 79 Gegentoren bitter nötige defensive Stabilität sorgen. Etwas besser als beim DTB (sieben Pünktchen) ist die Lage bei Rot-Weiß Hürriyet mit neun Zählern. Allerdings wiegt der Abgang von Milot Ukaj zu Atlas II schwer, an guten Tagen konnte er Spiele im Alleingang entscheiden. Zudem plant Neu-Trainer Murat Turan – bereits der dritte Übungsleiter dieser Saison – ohne Stammtorwart Maximilian Machoczek, der seit Wochen verschollen ist. Dafür gibt es mit Marten Nordhoff und Hakan Özkan zwei Neuzugänge aus Osterholz-Scharmbeck, die gleichwohl seit zwei Jahren nicht mehr im Einsatz waren. „Wir wollen noch mal versuchen, die Klasse zu halten. Wenn es nicht reicht, geht jedoch die Welt nicht unter“, bleibt Turan gelassen.

Am Ende könnte es so werden wie vor drei Jahren. Damals stieg Hürriyet ab und empfing am letzten Spieltag den Meister. Das war damals in einem dramatischen Fotofinish der FC Hude, ganz knapp vor dem TV Munderloh und Wardenburg. Ein ähnlich spannender Verlauf wäre auch Ende Mai 2019 möglich. Dann empfängt Hürriyet den TuS Heidkrug, einen derzeit vorstellbaren Meister. Aber die Leistungsdichte ist so groß wie selten zuvor, das gilt für das Spitzenquartett wie für die Abstiegszone.

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