Coronavirus

„Lasst den Leuten ihren Sauerstoff“

Jörg Beese trainiert die Fußballerinnen des TV Jahn Delmenhorst. Im Interview plädiert er für einen besonnen Umgang mit dem Coronavirus, für Sport an der frischen Luft und Vorsicht ohne Panikmache.
10.10.2020, 08:00
Lesedauer: 5 Min
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Von mke
„Lasst den Leuten ihren Sauerstoff“

Coach Jörg Beese befürchtet, dass es einzelne Vereine gibt, die die Corona-Pandemie zu ihren Gunsten missbrauchen und unnötigerweise Spielabsagen forcieren.

Björn Hake
Herr Beese, das Coronavirus wirbelt die Amateursportszene durcheinander. Für welches Vorgehen plädieren Sie?

Jörg Beese: Vorweg: Ich nehme Corona ernst und bin vorsichtig. Aber man muss aufpassen, nicht zu überdrehen. Wir müssen das Thema sachlich angehen, es weder verharmlosen noch Panik schüren. Panikmacher sind fast so schlimm wie die Verschwörungstheoretiker. Man sollte es ruhig händeln. Wenn sich jemand mit Corona infiziert hat, dann muss man das angehen. Wenn es in einer Region Fälle gibt, muss man Maßnahmen ergreifen. In Vechta oder auch Diepholz beispielsweise ist es aber gerade so, dass einer den anderen verrückt macht und das führt dann zu Aktionismus. Wir sollten nicht unvorsichtig werden, aber realistisch bleiben. Im Moment sind die Infizierten überwiegend Jüngere und bei denen ist die Gefahr recht gering, sie haben – wenn überhaupt – nur leichte Symptome. Es gibt derzeit, das kann jeder nachlesen, genaue Indikatoren, anhand derer man einen Corona-Verdacht ins Auge fassen kann. Morgendliche Kopfschmerzen gehören da noch lange nicht dazu, aber ich will hier jetzt auch kein medizinisches Referat halten.

Was meinen Sie genau mit Panikmache?

Nehmen wir den Kreis Friesland. Die Coronazahlen dort waren in einem extrem niedrigen Bereich und gingen dann leicht hoch. Es wurde sofort alles runtergefahren, Fußballspiele wurden gestrichen, obwohl es dort im Zusammenhang mit Sport an der frischen Luft gar keine Fälle gibt. Das regt mich auf. Die verantwortlichen Leute wollen keine Panik verbreiten, machen das aber mit diesen Maßnahmen. Wenn Zahlen im Allgemeinen hochgehen, es in Kitas oder in Sportvereinen aber nichtmal Verdachtsfälle gibt, dort trotzdem alles dicht gemacht wird, macht man die Leute verrückt. Sport stärkt das Immunsystem. Das hilft allen. Das eigene Immunsystem ist die beste Medizin. Gerade an der frischen Luft ist Sport wichtig. Lasst den Leuten ihren Sauerstoff. Bislang liegen so wenig Infizierungsberichte über den Fußball beziehungsweise Amateursport vor, dass man den Freiluftsport mit Sicherheit nicht als Risikomaßnahme, sondern eher als Gegenteil bezeichnen kann.

Welche konkreten Maßnahmen halten Sie für angemessen?

Dass Partygeschichten runtergefahren werden, ist vernünftig. Im Sport läuft es in den meisten Vereinen top. Zuschauer bringen Stühle zu den Spielen mit, halten Abstand. Das funktioniert. Die Verantwortlichen haben mit Hygienekonzepten Grundlagen geschaffen. Man könnte in die Kabine nur die Spielerinnen mit längerer Anreise lassen, der Rest kommt umgezogen und fährt im Anschluss an Training und Spiel direkt nach Hause und duscht da. Einreisebeschränkungen innerhalb von Bundesländern sind unsinnig. Wer soll das kontrollieren und wie soll das gehen?

Welche Aufgaben haben Sie als Trainer, wenn es um das Coronavirus geht?

Ich muss meinen Spielerinnen vermitteln, dass sie wissen, auf was sie achten sollten. Sie fragen mich oft und ich gebe dann meine Einschätzung ab. Ich wurde beispielsweise folgendes gefragt: 'Ich war in Bayern wandern und habe da Österreicher getroffen beim Vorbeigehen. Muss ich jetzt einen Test machen?' Nein, muss man nicht. Wenn sich jemand unsicher ist, dann soll er sich bei mir melden. Es gab aber auch schon eine Situation, da habe ich dann beim Gesundheitsamt nachgefragt, weil ich nicht sicher war. Als Trainer reagiere ich individuell, wenn sich eine Spielerin bei mir gesundheitlich angeschlagen meldet. Tut sie das am Trainingstag, bleibt sie an dem Tag zu Hause. Ist sie am nächsten Tag noch angeschlagen, schaut man genauer auf die Symptome und erwägt beziehungsweise empfiehlt den Arztbesuch und gegebenenfalls einen Corona-Test. Und wenn dann ein positives Ergebnis vorliegt, handelt man entsprechend. Man muss sich aber keinen Kopf darüber machen, wenn man beim Schlachter war vor einer Woche und beim gleichen Schlachter war einen Tag vorher jemand, der später positiv getestet wurde. Wir müssen natürlich auch akute und/oder vorausschauende Maßnehmen zum Erhalt der Gesundheit treffen. Dieses tun wir seit Jahren Tag für Tag und Saison für Saison, und versuchen auch über die ärztlichen Betreuungsmaßnahmen unseren Anvertrauten ein optimales Umfeld zu bieten.

Nutzen manche Trainer und Vereine Corona aus?

Ich habe letzte Woche gelesen und auch gehört, dass es erste Vereine geben soll, die diese Situation ausnutzen. Wenn man nur wenige Spieler zur Verfügung hat, schaut man, ob man über zwei Ecken einen Verdachtsfall hat und sagt dann ab. Ich weiß nicht, ob das so ist, aber wenn es stimmen sollte, braucht sich keiner wundern, wenn wieder alles dichtgemacht wird. Vom TuS Sulingen hat wohl schon jemand gefordert, die Saison abzubrechen. Da fasse ich mir an den Kopf. Es gibt kaum belegte Fälle, die bei Sport an der frischen Luft übertragen wurden. Sport im Freien abzusagen, wäre kontraproduktiv. Dann sind die Leute nur noch drinnen in geschlossenen Räumen. Wenn einige Clubs um drei Ecken nach Corona-Verdachtsfällen suchen, um damit Spielabsagen zu begründen, finde ich mehr als fragwürdig. Und auch Übervorsichtigkeit ist zwar nachvollziehbar, aber ersetzt nicht den gesunden Menschenverstand. Beispiel: Wir haben momentan eine extrem wechselnde Wetterlage, wie immer im Herbst. Wer hätte vor einem Jahr Ende September/Anfang Oktober aber auch nur im Entferntesten daran gedacht, wegen ein paar Kopfschmerzen oder leichten Schnupfenerscheinungen über Spielabsagen überhaupt nur nachzudenken? Wir sollten keinesfalls unsere Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen, indem wir panisch auf Hinterhofparolen paranoider Gesellschaftsgruppen reagieren oder sogar eigene, sportliche Vorteile aus dieser Krise schlagen. Leider habe ich persönlich momentan das Gefühl, dass in Einzelfällen beide beschriebenen Szenarien vorkommen, was ich als extrem schlimm empfinde. Denn wer so etwas tut, wird seiner Verantwortung als Trainer nicht gerecht.

Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

Ich gehe davon aus, nachdem ich Statements von vielen Landesvorsitzenden gelesen habe, dass die Saison nicht gecancelt wird. Es wird relativ häufig passieren, dass Spiele abgesetzt werden, wenn es tatsächlich Corona-Infizierte oder wirkliche Verdachtsfälle gibt. Das ist dann auch vernünftig. Durch die Teilung der Staffeln hat man genug Flexibilität, es gibt genügend freie Termine.

Was wünschen Sie sich von Seiten des Verbandes?

Es sollte nochmal allen Beteiligten mitgeteilt werden, wie die Situation ist: Wir haben es doch eigentlich im Griff. Wir machen keine Panik à la Saisonabbruch. Da sollte der Verband alle auf den Boden holen. Wenn etwas kommt, machen wir was. Die Trainer, Betreuer und Spartenleiter sind verantwortungsbewusst. Da ignoriert keiner Corona-Fälle und macht Harakiri. Meine Botschaft: Vertraut den Leuten vor Ort und macht die Pferde nicht scheu.

Das Interview führte Michael Kerzel.

Info

Zur Person

Jörg Beese (56)

trainiert seit dieser Saison die Regionalligafußballerinnen des TV Jahn Delmenhorst. Zuvor coachte er unter anderem den TSV Fischerhude-Quelkhorn und den ATS Buntentor. Der Sport- und Kulturpublizist lebt in Hoya.

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