Fußball

Ein Blick in die Glaskugel

Der Norddeutsche und der Niedersächsische Fußballverband sprechen sich jeweils für einen Saisonabbruch nach Quotientenregelung mit Auf-, aber ohne Absteiger aus. Dadurch würden die Ligen deutlich größer.
25.05.2020, 18:08
Lesedauer: 6 Min
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Ein Blick in die Glaskugel
Von Michael Kerzel
Ein Blick in die Glaskugel

Der SV Atlas Delmenhorst mit Malte Seemann im Tor und Borussia Hildesheim (rote Trikots) treffen in der kommenden Saison der Regionalliga Nord voraussichtlich aufeinander.

INGO MÖLLERS

Noch steht nicht fest, dass die Fußballsaison in Niedersachsen abgebrochen wird, es ist aber sehr wahrscheinlich. Der Norddeutsche Fußballverband (zuständig für die Regionalliga Nord) und auch der Niedersächsische Fußballverband plädieren jeweils für einen Abbruch nach Quotientenregelung mit Auf-, aber ohne Absteiger (wir berichteten). Auf je einem außerordentlichen Verbandstag Ende Juni wird ein endgültiger Beschluss gefasst, alle Teilnehmer können jedoch selbst Anträge einbringen – beispielsweise auf Verlängerung der Saison. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass die Mehrheit der Abstimmenden für den Verbandsvorschlag votiert. Dadurch würde es zu deutlich vergrößerten Ligen und der Frage kommen, wie das spieltechnisch umsetzbar wäre.

Käme es zu der Ligenaufstockung, träfe der SV Atlas Delmenhorst in der Regionalliga Nord auf 21 Gegner (siehe Infobox am Ende des Artikels). In der Oberliga Niedersachsen – ohne hiesige Beteiligung – spielten 20, in der Landesliga Weser-Ems sogar 21 Mannschaften. Die Bezirksliga Weser-Ems bestünde aus 17 Teams, darunter sechs aus Delmenhorst und dem Landkreis Oldenburg.

Alles unter Vorbehalt

Der Spielbetrieb der Bezirksliga wäre darstellbar, 32 Spiele plus Pokalpartien wären eine etwas größere Belastung als üblich, jedoch auch nur zwei Ligaspiele mehr. Auch die Kreisliga und die oberen Kreisklassen wären voraussichtlich etwas größer, jedoch sind hier die Wege kurz, und Spiele können auch mal kurzfristig angesetzt werden. Schwer vorstellbar ist allerdings, dass der VfL Wildeshausen in der kommenden Saison 40 Punktspiele in der Landesliga bestreitet. Oder doch nicht? VfL-Coach Marcel Bragula ist hin- und hergerissen: „Es ist eine Ausnahmesituation. Ich schließe nicht aus, dass man 40 Spiele plus Pokal hinbekommt, wenn man die Saison etwas verlängert. Ich lehne mich aber nicht aus dem Fenster und sage, dass das auf jeden Fall geht“, meint er. Die Mehrbelastung sei natürlich groß, da müsse man an die Spieler denken und den Rat von Medizinern einholen, ob das verantwortbar wäre.

Er sieht auch andere Optionen. „Man könnte über eine fünfte Landesliga nachdenken. Damit würde man die Anfahrtswege verkürzen, und es gäbe vielleicht auch mehr Zuschauer bei mehr Derbys. Das müsste man mal ausarbeiten“, sagt er. Kein großer Freund ist er von zwei weiteren Optionen: Die Landesliga Weser-Ems in eine Zehner- und eine Elferstaffel aufzuteilen – „das sind dann zu wenig Spiele. Lieber 40 als 20“ – oder eine einfache Runde mit anschließenden Play-offs. „Ich bin da eher oldschool. Beim Wort Play-offs im Fußball bekomme ich Magengrummeln. Aber das ist vielleicht auch einfach mein Spleen. Wichtig ist mir, dass alles unter dem Aspekt der Loyalität betrachtet wird. Die Entscheidungen jetzt sind alle nicht einfach. Man muss sie respektieren“, sagt er. Letztlich hänge sowieso alles von der Infektionsentwicklung der Bevölkerung mit dem Coronavirus und der Politik ab. „Wir wollen wieder Fußball spielen und freuen uns auf die Saison. Aber das haben wir nicht in der Hand“, sagt Bragula.

Sollte es tatsächlich zu 40 Saisonspielen kommen, wäre nicht nur die körperliche Belastung sehr hoch, hinzu kämen Terminprobleme, da nach aller Erfahrung Spiele zwischen November und Februar regelmäßig witterungsbedingt ausfallen. Ein Beispiel, wie das Wetter den Spielbetrieb beeinflussen kann, bietet die Saison 2017/18, in der zwischen Oktober und März fast sechs Monate lang nur selten der Ball rollte. Diverse Teams von der Regionalliga bis runter in die Kreisklassen mussten daher eine englische Woche nach der anderen absolvieren. Ein Beispiel: Der Heeslinger SC kam vor der Winterpause auf elf Spiele, im Februar folgten zwei weitere, bevor es erst Mitte März richtig losging. Hätte die Liga seinerzeit aus 22 Mannschaften bestanden – so wie kommende Saison die Regionalliga Nord – hätte der HSC 29 Begegnungen zwischen Mitte März und Saisonschluss auf dem Programm gehabt.

Für die Regionalliga Nord, das lässt der Norddeutsche Verband durchblicken, stehen zwei Optionen im Vordergrund: Einfache Runde ohne Rückspiele sowie eine Aufteilung in zwei Staffeln. Letztere könnte geografisch mehr oder weniger an der Landesgrenze verlaufen, sodass die Teams aus Niedersachsen und Bremen sowie die Mannschaften aus Hamburg und Schleswig-Holstein je eine Gruppe bilden. Ganz auf geht diese Ordnung nicht, da 13 Teams aus Niedersachsen und Bremen in der Liga vertreten sind. Recht klar ist, dass es keine 42 Spieltage geben wird. „Das steht eigentlich schon fest, das wird es nicht geben“, sagt Bastian Fuhrken, Verantwortlicher für den Bereich Leistungsfußball bei SV Atlas. Er betont, dass es bis zum Verbandstag nicht feststeht, ob es überhaupt zu dieser Regelung kommt. Fuhrken hält generell beide Alternativ-Optionen zu einer normalen Runde für interessant. „In einer einfachen Runde würde man gegen jedes Team spielen. Für uns könnte es dann natürlich auch die bittere Pille geben, dass wir nicht zu Hause gegen den VfB Oldenburg spielen dürften. Es wäre aber auch absolut attraktiv, die Regionalliga erst zu trennen. Das würde den Vereinen auch finanziell entgegenkommen“, meint Fuhrken. Im Anschluss würde es jeweils wohl Play-offs geben. „Der Verband wird eine Entscheidung mit Hand und Fuß treffen“, ist sich Fuhrken sicher. Ein weiterer Faktor ist, dass die Saison wohl nicht wie sonst üblich im August beginnt. Eine Prognose ist in Corona-Zeiten unsicher, dennoch sieht es danach aus, dass die Vereine erst im August oder gar erst im September voll ins Mannschaftstraining mit Zweikämpfen und Körperkontakt einsteigen dürfen. Ein Saisonstart vor Oktober ist daher unsicher. Und das alles gilt überhaupt nur für den Fall, dass keine zweite Infektionswelle über das Land rollt und so jeglichen Spielbetrieb verhindert.

Verschiedene Optionen

Es geht nun um die Kreativität der Spielplan-Verantwortlichen. Optionen gibt es viele, sie alle haben Vor- und Nachteile. In der Bezirksliga sowie im Kreis ist eine normale Runde mit Hin- und Rückspiel die sinnvollste Option und steht auch nicht wirklich zur Disposition, solange die Saison im Herbst beginnen kann. In den höheren Ligen sieht das anders aus:

1. Normale Doppelrunde: Jeder Verein spielt gegen jeden anderen in Hin- und Rückspiel. In der Landesliga hätte jedes Team 40, in der Regionalliga 42 Partien vor der Brust. Theoretisch ist das möglich, praktisch jedoch schwer umsetzbar, selbst wenn die Saison verlängert würde. Gesundheitlich betrachtet wäre die Belastung sehr hoch. Es käme zu sehr vielen Spielen unter der Woche. Im Amateurbereich gehen die Akteure jedoch normalen Jobs nach, sodass regelmäßige weite Fahrten gerade unter der Woche ein Problem sind. Zudem wären die Spiele abends, und nicht jeder Verein verfügt über eine Flutlichtanlage.

2. Einfache Spielrunde: Jedes Team trifft nur einmal auf jeden Gegner. Die Anzahl der Spiele würde auf 21 (Regionalliga) und 20 (Landesliga) reduziert. Sportlich gibt es hier das Problem, dass einige Teams in den direkten Duellen um Auf- und Abstieg den Heimvorteil auf ihrer Seite hätten und diesen Umstand aufgrund des nicht vorhandenen Rückspiels nicht ausgleichen könnten. Übertrieben gesagt kann Team A das Glück haben, zu Hause auf alle auswärtsschwachen und auswärts auf alle heimschwachen Gegner zu treffen oder alle direkten Mitkonkurrenten daheim zu empfangen. Nur zehn oder elf Heimspiele zu den normalerweise üblichen 15 bis 17 bedeuteten darüber hinaus deutlich weniger Einnahmen, gerade für Teams mit einem hohen Zuschauerschnitt wie dem SV Atlas.

3. Aufteilung der Ligen: Die Regionalliga könnte auf zwei Elfer-, die Landesliga auf eine Zehner und eine Elferstaffel aufgeteilt werden. In diesen könnte dann mit Hin- und Rückspielen verfahren werden. Der Vorteil wäre, dass es sportlich innerhalb der Staffeln fairer als bei einer einfachen Runde zuginge. Zudem wären die Fahrtwege aufgrund der geografischen Nähe kürzer, sodass die Vereine Kosten sparen würden. Weniger Heimspiele im Vergleich zu einer normalen Saison würden zu weniger Einnahmen führen (siehe Option 2). Zudem könnte es passieren, dass die eine Staffel sportlich deutlich stärker als die andere ist. Theoretisch denkbar, aber kaum sinnvoll wäre es sogar, die Ligen noch weiter aufzuteilen: die Landesliga beispielsweise in drei Siebenerstaffeln, die Regionalliga in zwei Fünfer- und zwei Sechsergruppen. Auf Landesligaebene ist eine Aufteilung der aktuell vier auf fünf Landesligen überlegenswert. So würden aus vier Ligen mit im Schnitt rund 20 Teams, fünf Ligen mit je 16. Die Frage wäre dann, wie der Aufstieg geregelt würde, da fünf Aufsteiger in die Oberliga die Zahl der Absteiger aus dieser erhöhen würde.

4. Play-offs/Play-downs: Die Grundlage hierfür wäre eine Platzierungsrunde wie in den Optionen 2 oder 3. Im Anschluss daran tritt die eine Hälfte in wie auch immer gearteten Play-offs (K.o.-Runde mit Hin- und Rückspiel oder Gruppenspiele) um Meisterschaft und Aufstieg an, die untere Hälfte kämpft im gleichen System um den Klassenerhalt.

Bei allen Varianten besteht das Problem, dass die Ligen mittelfristig deutlich verkleinert werden müssten, um in einem Regelspielbetrieb zurückzukehren. Das kann jedoch kaum auf einen Schlag geschehen. In der Landesliga Weser-Ems hätte es in dieser Saison bei 17 Teams planmäßig sechs Absteiger gegeben. Analog müssten in einer Staffel mit 21 Teams zehn den Gang in die Bezirksliga antreten. In der Regionalliga müssten, um 2021/22 wieder bei 18 Teams zu sein – je nach Konstellationen in der 3. Liga – vermutlich acht Mannschaften absteigen.

Je tiefer es in den Ligen geht, desto unsicherer ist die aktuelle Ligeneinteilung (siehe links). Spielausschuss-Leiter Thomas Luthardt betont daher, dass die angedachte Einteilung unverbindlich ist. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Verschiebungen. Einige Teams wollen beispielsweise nicht aufsteigen.

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