Handball-Oberliga

Eine Saison mit vielen Unbekannten

Die HSG Delmenhorst belegte vergangene Saison Platz drei, die beiden erstplatzierten Teams stiegen auf. Der Kader ist zudem breiter und stärker geworden. Ist die HSG Titelkandidat Nummer eins? Ein Ausblick.
01.10.2020, 19:21
Lesedauer: 4 Min
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Eine Saison mit vielen Unbekannten
Von Michael Kerzel
Eine Saison mit vielen Unbekannten

Mit Janik Köhler verpflichtete die HSG Delmenhorst einen Spieler, der der Defensive Stabilität verleihen soll.

fotos: INGO MÖLLERS

Als Coach Jörg Rademacher vor drei Jahren bei der HSG Delmenhorst anheuerte, formulierte er das klare Ziel, von Saison zu Saison immer besser werden zu wollen. Sowohl von der Leistung als auch von der Platzierung her. Bislang klappte das: In der ersten Spielzeit stieg die HSG aus der Handball-Verbandsliga zurück in die Oberliga auf, im ersten Jahr landete das Team dort auf Platz drei, in der im März abgebrochenen Saison auf Platz drei. Die beiden erstplatzierten Mannschaften – TV Cloppenburg und ATSV Habenhausen – stiegen in die dritte Liga auf. Heißt das klare Ziel nun also Meisterschaft? Nicht ganz. „Platz zwei ist auch besser als Platz drei“, sagt Rademacher trocken.

Natürlich ist dem erfahrenen Handball-Lehrer klar, dass die HSG über einer der, wenn nicht den, stärksten Kader der Liga verfügt und von vielen Konkurrenten als Topfavorit angesehen wird. Die bevorstehende Saison ist jedoch nicht mit den zurückliegenden vergleichbar, die Unkonstanten sind groß. „Ob die Saison normal durchläuft, steht in den Sternen. Wahrscheinlich wird es zu Spielausfällen und Verlegungen kommen. Da muss man dann gucken, wie man die Mannschaft auf dem Level hält“, erwartet Rademacher. Das zeigt ein Beispiel: Bereits vor dem ersten Anpfiff hat Corona einem der Topteams der Liga, der SG VTB/Altjührden, einen ersten Strich durch die Rechnung gemacht. Die ersten beiden Spiele der Truppe werden wegen erhöhter Fallzahlen im Kreis Friesland verschoben (siehe Bericht links auf dieser Seite).

Das kann auch den Delmenhorstern passieren und so Planung und Rhythmus durcheinanderbringen. Zudem ist der Leistungsstand nach fast sieben Monaten ohne Pflichtspiel unklar. Es drohen quasi jederzeit Quarantänen, in denen auch kein Mannschaftstraining erlaubt ist. „Es ist eine verdammt schwierige Situation. Es ist Neuland für alle“, sagt Rademacher.

Vorbereitungsspiele fehlen

Eine weitere Unbekannte ist das Verhalten von Teams in Spielen ohne Zuschauer: Können sie die Spannung halten, wenn keine Stimmung von den Rängen kommt? „In unserer Liga spielt das nicht so eine große Rolle, wenn keine Zuschauer da sind. Das ist nicht die Bundesliga. Mit Zuschauern macht es natürlich viel mehr Spaß, da muss man nicht diskutieren. Je mehr, desto besser. Aber wenn wir uns davon abbringen lassen, sind wir selber schuld. Das darf kein Thema sein“, meint Rademacher.

Mit dem Auftreten der Mannschaft in der Vorbereitung ist er zufrieden, zweimal besiegte sie in Tests den Verbandsligisten Wilhelmshavener HV II, einmal die SG Achim/Baden. „Die Mannschaft trainiert gut. Wir haben viel Erfahrung in unseren Reihen, das müssen wir gerade in den ersten Spielen in die Waagschale werfen. Ganz junge Truppen haben es da schwieriger“, meint der HSG-Coach. Besonders wichtig sei daher die Arbeit im Abwehrbereich, solange sich die Offensive noch einspielen muss. „Wir sind defensiv viel viel weiter als im Vorjahr. Das hat man in der Vorbereitung gesehen. Jeder Punkt, den man jetzt holt, hilft unwahrscheinlich weiter. Setzt man Spiele früh in den Sand, wird die Mannschaft verunsichert. Ob es gelingt, am Anfang die Punkte zu holen, weiß ich nicht“, blickt Rademacher voraus.

Der HSG-Coach rechnet damit, dass dem Offensivspiel noch etwa 20 bis 30 Prozent fehlen, was die Taktik angeht. „Man kann das teilweise trainieren, aber unter Wettkampfbedingungen ist das anders. In Spielen entdeckt man Fehlerquellen und Schwachstellen. Wir müssen gucken, dass wir das aufholen. Ich kann nicht sagen, ob es klappt. Die Fitness ist gut, aber man wird die Hinrunde noch brauchen. Man muss in den ersten Spielen jetzt durchkommen und möglichst keine Punkte verlieren“, meint Rademacher. Dass die Offensive noch nicht auf dem Level ist, wie sich das Rademacher wünscht, liegt – zumindest indirekt – am Coronavirus: Zunächst wurde ein Vorbereitungsturnier mit der HSG in Oldenburg abgebrochen, weil bei einem Spieler des TV Cloppenburg ein positiver Test vorlag. Der Akteur spielte allerdings nicht mit, die HSG sagte prophylaktisch dennoch für ein paar Tage das Training ab. Das nahmen die möglichen Gegner des Engelbart-Cups, der vergangene Woche als Generalprobe hätten laufen sollen, zum Anlass und sagten ihre Teilnahme ab, der Cup fiel daraufhin aus. Das ärgerte den HSG-Vorsitzenden Jürgen Janßen und Rademacher gleichermaßen. „Bis vor zwei Wochen lief in der Vorbereitung alles gut, aber die vergangenen Wochen machen unzufrieden. Zu den Turnierabsagen kommen noch die widrigen Bedingungen mit der Halle, die nicht fertig wird“, sagt Radmacher.

Erfahrung in Waagschale werfen

Ein Grund dafür ist das Auftaktprogramm. „Wir haben von den Favoriten das schwerste Auftaktprogramm meiner Meinung nach. Das kann schnell in die Hose gehen. Das erste Spiel ist immer tückisch, da kann man in Beckdorf auch mal verlieren. Dann kommt das spezielle Spiel ohne Backe in Rotenburg“, blickt Rademacher voraus. Es folgen die Duelle mit dem Vfl Fredenbeck und der SG VTB/Altjührden sowie dem HC Bremen – drei der vier Gegner, denen Rademacher die Meisterschaft zutraut (hinzu kommt der TV Bissendorf-Holte). „Das ist meine Vermutung. Eine Überraschungsmannschaft kann natürlich auch noch dazukommen. Aber ich gucke nicht zu sehr auf die anderen Mannschaften“, sagt er. Vier dieser fünf Spiele sowie sechs der ersten acht bestreitet die HSG auswärts. „Wenn wir am Anfang nicht direkt am Limit spielen, geht das ganz schnell nach hinten los, und man bekommt Druck. Wir müssen den Fokus von Spiel zu Spiel ausrichten. Das geht in der Corona-Zeit gar nicht anders“, sagt Rademacher.

Sehr positiv ist, dass nahezu der gesamte Kader fit ist. Lediglich Neuzugang Tim Brauner braucht nach seiner schweren Schulterverletzung laut Rademacher noch bis Mitte, Ende Oktober, bevor er voll mitwirken kann. „Das sieht aber schon gut aus mit der Schulter, er hat in Tests auch schon mitgespielt und macht gute Fortschritte“, berichtet Rademacher. Die Spieler seien allesamt heiß und wollen, dass es endlich losgeht. Neuzugang Michael Schröder hatte im Interview mit dieser Zeitung bereits das Ziel Meisterschaft ausgerufen, sein Coach ist da zurückhaltender: „Wir wollen mal gucken. Ich bin vorsichtig. Klar gehört man zum Favoritenkreis. Aber wir müssen erst mal Leistung bringen, in den Rhythmus finden. Es können in dieser Saison so viele Faktoren in Sachen Meisterschaft eine Rolle spielen, nicht nur sportliche. Wir müssen auf alles vorbereitet sein, auch wenn wir nicht auf alles Einfluss haben. Wenn wir Weihnachten oben dabei sind, können wir vielleicht konkretere Ziele ausgeben“, sagt Rademacher.

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