Handball-Oberliga

Sönke Schröder: Akribischer Arbeiter mit klarem Blick

Sönke Schröder hat in der Jugend keine Torwart-Ausbildung genossen, spielte bis vor wenigen Jahren in unteren Ligen und ist heute Leistungsträger und Führungsfigur bei der HSG Delmenhorst in der Oberliga.
19.03.2020, 12:33
Lesedauer: 8 Min
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Sönke Schröder: Akribischer Arbeiter mit klarem Blick
Von Michael Kerzel
Sönke Schröder: Akribischer Arbeiter mit klarem Blick

Sönke Schröder gehörte in dieser Spielzeit häufiger zu den Matchwinnern. Gegen die SG VTB/Altjührden zeigte er in der zweiten Hälfte eine überragende Leistung.

Ingo Möllers

Sönke Schröder ist ein besonderer Amateursportler: Der 33-Jährige hatte in der Jugend mit Handball nicht viel zu tun und genoss entsprechend keine Ausbildung in diesem Sport. Mit 18 gründete er mit ein paar Freunden eine Handballtruppe und stellte sich in den Kasten. In den untersten Ligen der Region Oldenburg trat er mit der HSG Delmenhorst VI an. Auch ist Schröder kein athletisches Naturtalent. Dennoch holte ihn der damalige Spielertrainer Andre Haake im Januar 2015 für ein Spiel als zweiten Keeper in den Kader der 1. Herren, die in der Verbandsliga auflief. Grund dafür war, dass mehrere Torwarte aus verschiedenen Gründen ausfielen. Es dauerte nicht lange, bis sich Schröder als Nummer eins der Delmenhorster etablierte. Heute ist er nicht nur Stammkraft, sondern auch Führungsspieler und Leistungsträger. Die Leistung des 33-Jährigen ist einer der Gründe, warum die HSG in der vierthöchsten Liga auf Rang drei steht.

Schröder startete bereits in seiner ersten Partie auf höherer Ebene durch: „Andre hatte mich vorher gefragt, ob ich nicht mal zum Training der 1. Herren kommen will. Ich habe ihm gesagt, dass ich hinkomme, er aber nicht zu viel erwarten soll“, erinnert sich Schröder. Der Keeper rückte als Nummer zwei in den Kader, die HSG führte schnell hoch gegen den TSV Morsum und der damals 27-Jährige durfte ein paar Minuten Verbandsligaluft schnuppern. In zehn Minuten zeigte er acht Paraden, darunter war ein gehaltener Siebenmeter. „Die Mannschaft hat mir meinen Einstand leicht gemacht“, sagte Schröder seinerzeit gegenüber dem DELMENHORSTER KURIER. Die Aussage passt zu ihm: Er ist ein Teamspieler, bescheiden und reflektiert. „Er guckt sich Sachen besonnen an und man kann mit ihm in einer ruhigen Weise sprechen. Die Gespräche mit ihm sind absolut auf einem super Niveau. Ich schätze ihn als Mensch sehr. Es freut mich für ihn sehr, dass er Führungsperson und Leistungsträger geworden ist“, lobt Trainer Jörg Rademacher.

Steiler Aufstieg

Nach seinem Premiereneinsatz gegen Morsum erhielt er in der folgenden Woche mehr Spielzeit. In der 15. Minute ersetzte er beim Stand von 6:7 Mirko Lettmann und „kassierte bis zur Schlusssirene nur zwölf Treffer und zeigte unzählige starke Paraden“, wie diese Zeitung damals berichtete. Auch ein Lob von Spielertrainer Haake gab es: „Sönke hat super gehalten, er spielt befreit auf.“ Für Schröder war es erst das zweite Verbandsligaspiel. „Es gibt so Tage, da klappt einfach alles“, staunte der Torwart nach der Partie gegen die HSG Osnabrück über sich selbst. „Wichtig war aber vor allem, dass die Abwehr aggressiv zur Sache gegangen ist“, fügte er hinzu.

Schröder verbesserte sich über die Jahre. In den zurückliegenden drei hängt die Entwicklung mit Jens Kanzog zusammen. Der Torwarttrainer gehört zum Stab des Oberligisten. „Wir haben montags spezielles Torwarttraining. Aus den Einheiten versuche ich, viel für die weiteren Trainings in der Woche und das folgende Spiel mitzunehmen. Mal gelingt das besser, mal schlechter“, berichtet Schröder. Bevor Kanzog zusammen mit Rademacher zur HSG kam, gab es kaum spezifisches Torwarttraining. „Das Torwarttraining mit Jens Kanzog hat mir viel gebracht. Man merkt nach den drei Jahren einen gewaltigen Unterschied. Das merke ich als Torwart und als Person. Aber es braucht natürlich Zeit und Ehrgeiz, um voranzukommen. Ich versuche, mir Dinge möglichst schnell einzuprägen und umzusetzen“, erzählt Schröder.

Auch Rademacher sieht in der Zusammenarbeit von Kanzog und Schröder den Schlüssel. „Sönke hat sich zur absoluten Führungspersönlichkeit gemausert. Er hat sich durch Leistung einen hohen Stellenwert innerhalb der Mannschaft erarbeitet. Seine Meinung hat viel Wert“, sagt der Coach. Die Art und Weise imponiere ihm. „Sönke ist erst spät ins Torwartgeschäft eingestiegen und ist jetzt die absolute Nummer eins. Er hält uns oft den Rücken frei. Man sieht bei ihm, was man mit Fleiß erreichen kann, auch wenn einem nicht die handballerischen Fähigkeiten in die Wiege gelegt wurden. Er ist sehr akribisch“, lobt Rademacher.

Die Besonderheit des Torwartspiels

Ob Schröder noch deutlich mehr erreicht hätte im Handballsport, wäre er bereits in der Jugend spezifisch ausgebildet worden? Die Frage ist für den Keeper uninteressant. „Ich denke nicht über etwas nach, das ich nicht mehr beeinflussen kann. Ich schaue, was ich in dieser Saison, falls die weitergespielt wird, noch schaffen kann. Und was dann in der nächsten. Man sollte aus der Vergangenheit lernen und Sachen mitnehmen. Aber man sollte sich nicht mit ‚was wäre wenn‘ aufhalten“, meint der 33-Jährige. Beim Handball kommen in der Regel mehrere Torwarte pro Team und Spiel zum Einsatz. Häufig kommt es vor, dass ein Schlussmann auf eine Parade mehrere weitere folgen lässt – oder er über einen längeren Zeitraum kaum eine Hand an den Ball bekommt. „Wenn man als Torwart, gerade wenn es für das Team nicht läuft, beispielsweise einen Tempogegenstoß hält und danach dann noch einen Ball, dann ändert das das ganze Spiel. Die eigene Mannschaft bekommt Oberwasser. Beim Gegner spielt dann die Psyche eine größere Rolle, die spielen dann auf einmal nicht mehr so konzentriert. Man kann das nicht erklären, aber man bekommt dann einen Lauf und ist kaum aufzuhalten. Gerade in Heimspielen nicht, wenn das Publikum dazukommt“, erklärt Schröder die Besonderheit des Torwartspiels.

Trainer versuchen mit Torwartwechseln innerhalb des Spiels, dieses Momentum zu erlangen oder den gegnerischen Schützen schlicht eine neue Aufgabe zu geben, da jeder Keeper Stärken und Schwächen hat. Im Spiel sind Torwarte auf Hilfestellungen angewiesen, gerade wenn es nicht so läuft. „Das ist ein schmaler Grat. Einerseits helfen Informationen, dass man vielleicht etwas anders stehen muss, andererseits darf man sich auch nicht verunsichern lassen. Verunsichert hält man keinen Ball“, erzählt Schröder. Grundsätzlich sei der Einblick von außen bedeutsam: „Es ist einfach so, dass man von der Seite einen anderen Blick auf das Geschehen hat als aus dem Tor.“

Diese Informationen kommen oft von den weiteren Torhütern auf der Bank – bei aller Rivalität um den Platz zwischen den Pfosten. „Wenn ich nicht spiele, versuche ich zu helfen. Es ist ein Teamsport. Die Kommunikation ist wichtig. Kurze Ansagen wie „nicht zu früh in die Ecke“ können helfen“, erklärt Schröder. Die Kommunikation mit der Abwehr ist besonders wichtig. „Als Torwart merkt man im Spiel, wenn man mit einem bestimmten Spieler des Gegners an diesem Tag nicht klarkommt. Da kann es sinnvoll sein, wenn die Abwehr einem anderen Schützen einen halben Meter mehr Platz gibt“, erzählt der HSG-Torwart.

Kleinigkeiten sind es, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. „Die Oberliga ist sehr stark und ausgeglichen besetzt. Nuancen entscheiden. Da vertraut man demjenigen Torwart, der im letzten Spiel oder über eine Periode von ein paar Spielen gut war. Wenn man das selber nicht ist, muss man den Konkurrenten unterstützen. Ich habe ein gutes Verhältnis zu den anderen Torwarten. Das Mannschaftsergebnis steht für mich über allem. Aber natürlich will man auf dem Feld stehen“, sagt Schröder. Wenn ein anderer Keeper besser sei, akzeptiere er das. „Aber wenn man dreimal in der Woche trainiert und dann über drei, vier Monate kaum spielt, wäre mir das zu wenig und ich würde von mir aus die Initiative ergreifen und schauen, ob ich den Verein wechseln würde. Dass es situationsbedingt sein kann, dass ein anderer Torwart überragend hält und man sich deshalb hinten anstellen muss, ist aber auch klar“, meint Schröder.

Zwischen Videoschulung und Intuition

Neben den Trainingseinheiten gehört auch die Videoschulung zum Leben eines Oberligatorwarts. „Alle Spiele werden aufgezeichnet und stehen mir kostenlos zur Verfügung. Ich nutze das, aber ich bin nicht der Typ, der sich stundenlang jede Sequenz anschaut. Ich versteife mich da sonst zu sehr drauf und überlege im Spiel zu viel, wie es im Video war. Ich brauche auf dem Feld meine Freiheit“, erklärt Schröder. Er habe Wurfbilder der gegnerischen Spieler im Kopf, deren Vorlieben in bestimmten Wurfpositionen könnten hilfreich sein. „Ich habe aber schon das Selbstvertrauen, es anders zu machen, als es vom Video her zu erwarten wäre. Es ist ein schmaler Grat zwischen Videoanalyse und Eigeninitiative auf dem Feld. Wenn mit Trainer und Abwehr abgesprochen ist, welche Ecke ich nehmen soll, der Block dann aber etwas zu spät ist, muss ich reagieren und eben nicht in die Ecke gehen“, beschreibt Schröder eine Spielszene. Die Videos seien beispielsweise für Schützen von außen wichtig, die sich mit großer Sprungkraft große Winkel erarbeiten. „In der Situation muss man dann die Wurfbilder im Kopf haben. Auffälligkeiten studieren. Wirft er eher lang oder geht man runter, weil er viel flach wirft. Das kann man für sich mit ins Spiel nehmen“, erklärt Schröder.

Zukunft als Torwarttrainer?

Grundsätzlich sei das Timing für einen Torwart entscheidend. „Ich bin manchmal vielleicht zu ungeduldig, das bekomme ich immer mal wieder zu hören“, räumt er ein. Vielleicht geht er ab und an zu früh runter. Neben dem Timing steht die Konzentration an erster Stelle. „Man muss das Spiel beobachten. Mir liegt es mehr, wenn der Gegner ein gepflegtes Tempo spielt und vernünftige Würfe macht. Wenn er gefühlt zweieinhalb Minuten rumspielt und dann ein Ball kommt, geht er auch mal rein, obwohl er nicht reingehen darf. Man darf halt die Konzentration nie verlieren“, erzählt Schröder.

Rademacher sieht am ehesten Schwächen bei Würfen aus der Nahdistanz. „Aber ich sehe das Gesamtpaket. Er ist in den letzten Jahren wesentlich stabiler in seinem allgemeinen Torwartspiel geworden. Wir schauen Woche für Woche, wo man nachjustieren kann. Es geht aber nur ums Punktuelle. Grundsätzlich wollen wir ihn so behalten, wie er jetzt ist.“

Allzu lange spielt Schröder wohl nicht mehr. „Ich werde im September 34. Persönliche mittelfristige Ziele auf dem Feld habe ich nicht. Ich schaue von Jahr zu Jahr. Ich möchte nicht zurücktreten, weil ich es leistungsmäßig muss. Ich will dann sagen können: Okay, das war’s. Ich habe die Saison gut bestritten, war mit meiner Leistung zufrieden. Ich mache auch kein Geheimnis drum, dass ich nicht mehr ewig spiele. 35 Jahre ist so die Grenze, die ich mir gesetzt habe“, teilt er mit. Entsprechend hängt er an diese noch eine weitere Saison dran.

Nach seiner aktiven Zeit will er eine Handballpause machen, aber keine, die von Dauer ist. „Ich will dem Handball was zurückgeben und kann mir gut vorstellen, als Trainer im Torwartbereich zu arbeiten. Wenn man sich die Torwart-Historie bei der HSG Delmenhorst in den vergangenen Jahren anschaut, dann sieht man, dass es keine Torhüter aus der zweiten oder dritten Mannschaft oder aus der Jugend in die 1. Herren geschafft haben. Das ist schade. Und es hat Ursachen“, sagt Schröder. Gerade in der Jugend komme der Torwartbereich zu kurz. „Talent ist natürlich die Grundvoraussetzung, dass da ein Oberliga-Torwart draus wird“, weiß er. Aber Training sei dann entscheidend.

Die Rolle des Torwarts wird seiner Meinung nach unterschätzt. „Grundsätzlich ist es in jeder Sportart mit Torwart so, dass das mit der wichtigste Mensch auf dem Feld ist. Das vergessen Trainer gerne mal. Gerade wenn da Trainer in der Jugend sind, die sich mit der Materie nicht so sehr beschäftigen, stecken die einfach irgendjemanden ins Tor. Das ist absolut verkehrt“, meint Schröder. In der Jugendausbildung werden viele Grundlagen gelegt, die ein Torwart später abrufen kann. „In der Oberliga entscheiden Nuancen. Das kann der Torwart sein. Ohne Torwart geht im Handball gar nichts. Die Jugendausbildung muss positionsspezifisch stattfinden. Je früher jemand anfängt, desto besser kann er werden“, sagt Schröder.

Info

Zur Person

Sönke Schröder (33)

ist in Bremen geboren und lebt seit Kindertagen in Delmenhorst. In der Jugend spielte er Fußball, bevor er im Erwachsenenalter zum Handball wechselte. Der Speditionskaufmann spielte immer für die HSG Delmenhorst.

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