HSG Delmenhorst Aus der Schwäche eine Stärke machen

In der zurückliegenden Saison kassierte die HSG Delmenhorst in der Handball-Oberliga die drittmeisten Treffer. Besonders bemerkenswert ist das, weil das Team auf Platz drei abschloss. Beides soll besser werden.
12.08.2020, 15:54
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Aus der Schwäche eine Stärke machen
Von Michael Kerzel

Knapp 20 Monate ist es her, da demontierte die HSG Delmenhorst den TV Cloppenburg – und das in dessen Halle. 28:19 lautete das Endergebnis kurz vor Weihnachten 2018. Nach 15 Minuten hatte die HSG bereits mit 12:4 geführt. Im zweiten Durchgang hielten die Delmenhorster mehr als zwölf Minuten ihren Kasten sauber, in den ersten 20 Minuten kassierten sie nur zwei Gegentore. Das ist im Handball mehr als ungewöhnlich, zumal Cloppenburg auch in der vorletzten Saison zu den stärksten Teams der Oberliga-Nordsee gehörte und gerade zu Hause kaum Punkte abgab.

In der jüngst abgebrochenen Spielzeit stieg der TVC nun in Liga 3 auf, gemeinsam mit dem ATSV Habenhausen. Zu einem erneuten Duell zwischen Delmenhorst und Cloppenburg wird es in der kommenden Spielzeit daher nicht kommen. Warum also diese Geschichte? Weil der Sieg in Cloppenburg eine der stärksten Partien in der in die vierte Saison gehenden Ägide unter HSG-Coach Jörg Rademacher war. Und weil bei diesem Spiel Michael Schröder im Innenblock gemeinsam mit Tim Coors ein bärenstarkes Spiel machte. Nun ist Schröder, nach einer Saison bei der SG VTB/Altjührden, zurück in Delmenhorst. Sollten er und Coors fit bleiben – beide hatten in der Vergangenheit häufiger Verletzungsprobleme, Schröder fiel beispielsweise in der kompletten Vorbereitung in seiner bisher einzigen Saison in Delmenhorst aus – würden sie den wohl stärksten Block der Liga stellen. „Michael hat in Varel durchgespielt und hat auch in den Einheiten in der Vorbereitung bisher keine Probleme. Die Voraussetzungen sind viel besser als bei Michaels ersten Anlauf hier“, berichtet der HSG-Coach, der der Defensive einen besonders hohen Stellenwert beimisst. Es ist, sagt Rademacher, zwar etwas abgegriffen, aber es stimmt: Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Titel.

Ein Abwehrbollwerk wie Ende 2018 will Coach Jörg Rademacher nun wieder errichten und hat bei den Neuzugängen besonders auf deren Defensivfähigkeiten geachtet. „Wir haben geschaut, wo wir uns verbessern können. Wir hatten schon den zweitbesten Angriff der Liga, hatten aber die drittmeisten Gegentreffer. Und wenn die Abwehr nicht steht, kann man nicht dauerhaft gewinnen“, meint er. Der Coach betont, dass die Offensive in der zurückliegenden Spielzeit häufig die Eisen aus dem Feuer holte. „In der Defensive waren wir letzte Saison schlecht. Das muss man so sagen“, meint Rademacher.

Schlechte Defensive verbessern

Schröder und Coors haben Zweitliga-Erfahrung ebenso wie Janik Köhler, der aus Cloppenburg an die Delme wechselt und ebenfalls Abwehrspezialist ist. „Mit Janik haben wir unseren Wunschspieler für die Abwehr bekommen. Er ist groß, blockstark, erfahren und kann die Defensive organisieren“, blickt Rademacher voraus. Mit Schröder wurde nun die letzte Planstelle besetzt. „Er ist ein gestandener Spieler, deckungsstark, kennt die Liga sehr gut und passt optimal ins Gebilde. Und er bringt natürlich Gardemaß mit. Wir können jetzt eine knackige 6:0 spielen, aber auch andere Varianten sind möglich. Die Schlüsselpositionen sind gut besetzt. Ich bin sehr zufrieden“, erzählt Rademacher. Mit Köhler und Schröder erhält die HSG viel Erfahrung. „Michael ist routiniert und abgezockt. Das braucht man, um oben anzugreifen. Er ist auch gefordert, die Jungen zu führen“, erwartet Rademacher. Die Mischung aus gestandenen Spielern gerade im Zentrum – neben Coors, Schröder und Köhler sind hier die HSG-Eigengewächse Frederic „Fino“ Oetken und Jörn Janßen prägend – und jungen Wilden auf außen ist ausgewogen.

Mit Schröder haben die Delmenhorster zudem wieder einen Kreisläufer auf dem Parkett, der durchgehend Gegenspieler bindet beziehungsweise ein starkes Sperrverhalten an den Tag legt. Der klassische Torjäger ist er nicht, traf für Varel zuletzt 34-mal in 17 Partien. „Die Achse mit Fino und ihm war perfekt eingespielt. Ich hoffe, da kommen wir schnell wieder hin. Aber lange war Michael ja nicht weg und er kennt die Mitspieler. Ich gehe von einer kurzen Eingewöhnungszeit aus“, blickt der HSG-Coach voraus.

Auf der Position am Kreis steht mit Dominik Ludwig zudem ein Rückkehrer im Kader, der ebenfalls defensiv versiert ist. Neben Schröder und Köhler kommen mit Hannes Wünsch und Tim Brauner zwei Außenspieler von der Ligakonkurrenz, die Rademacher als defensivstark bezeichnet.

Ist der Aufstieg realistisch?

Greift die HSG nun tatsächlich nach den Sternen, sprich dem Aufstieg in Liga 3? Bei Rademachers Antritt vor gut drei Jahren rief der Vorstand um seinen Vorsitzenden Jürgen Janßen das Ziel 3. Liga in 2020 aus. Soweit ist es nicht gekommen, doch die HSG geht in diese Saison mindestens als Mitfavorit um den Aufstieg – auch wenn Rademacher zurückhaltend ist und andere Teams der Liga lobt. Keine Frage: Der Titel in der Oberliga Nordsee wird nur sehr schwer zu erreichen sein. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Delmenhorster erst in ihre dritte Oberliga-Spielzeit am Stück gehen. In Rademachers Premierensaison an der Delme führte er das Team aus der Verbandsliga zum Wiederaufstieg. In der Oberliga sprang im ersten Jahr Platz fünf heraus. In der abgebrochenen Saison stand am Ende Rang drei zu Buche – hinter den Aufsteigern ATSV und TVC. Die Rechnung ist nun theoretisch einfach: Rademacher will sich jedes Jahr mit seiner Sieben verbessern. Viel Luft nach oben ist nicht.

Um aufzusteigen, bedarf es neben der Qualität auch weiterer Faktoren. „Wir müssen möglichst verletzungsfrei bleiben und brauchen auch Glück. Es wird eine sehr spannende Saison, in der fünf oder sechs Teams um den Titel spielen. Fredenbeck, HC Bremen oder Bissendorf sehe ich oben“, sagt Rademacher. Noch sind es knapp zwei Monate bis Saisonstart, es kann also noch viel passieren. „Wir sind aber erst am Anfang der Vorbereitung. Aktuell arbeiten wir voll im Athletikbereich. Die Jungs ziehen das Pensum trotz der Hitze komplett mit. Wir haben keine Verletzten, die Stimmung ist gut. Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir im Soll und schauen Woche für Woche“, berichtet Rademacher.

Er wolle sich und seinem Team keinen unnötigen Druck machen und lieber etwas abgeschottet arbeiten. „Die Jungs haben hier gelernt mit einem kleinen Kader zu spielen. Jetzt ist er breiter. Das hatten uns Cloppenburg und Habenhausen in der vergangenen Saison voraus. Wir wissen, was die Stunde geschlagen hat und natürlich ist der Erwartungsdruck groß“, weiß der erfahrene Coach.

Die Chance, den Aufstieg in Liga 3 zu schaffen, ist so groß wie nie. Mit einem Abwehrbollwerk wie gegen Cloppenburg Ende 2018 liegt er im Bereich des Möglichen – und die Bausteine für dieses sind nun vorhanden.

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