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Kevin Schindler hat das Double im Visier

Kevin Schindler ist seit Jahresanfang Co-Trainer bei HB Torshavn auf den Färoern. Dort holte sein Team kürzlich den Meistertitel und kann noch das Double schaffen. Schindler verlängerte seinen Vertrag bis 2021.
13.11.2020, 16:04
Lesedauer: 5 Min
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Kevin Schindler hat das Double im Visier
Von Michael Kerzel
Kevin Schindler hat das Double im Visier

U21-Nationalspieler Pætur Petersen und Co-Trainer Kevin Schindler (rechts) sind Meister auf den Färöern geworden.

FOTOS: HB Torshavn

Ein knappes Jahr ist es nun her, dass der Delmenhorster Kevin Schindler seine aktive Fußball-Laufbahn beendet hat, in der er unter anderem für Werder Bremen, den FC St. Pauli, den FC Cincinnati und die Deutsche U21-Nationalmannschaft spielte. Über eine Hospitation bei Borussia Dortmund bekam er Kontakt zum dänischen Coach des färingischen Rekordmeisters HB Torshavn – dieser suchte passenderweise einen Co-Trainer. Schindler heuerte Anfang des Jahres an und holte nun seine erste Silberware seit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit den A-Junioren des SV Werder Bremen: HB Torshavn errang die Meisterschaft auf den Färöern und steht im Viertelfinale des Pokalwettbewerbs, dessen Endspiel am 5. Dezember steigt. „Wir haben uns tierisch über die Meisterschaft gefreut. Dass es auf Anhieb geklappt hat, freut uns natürlich besonders“, berichtet Schindler, der auf ein sportlich erfolgreiches Jahr zurückblickt, in dem er viel gelernt hat.

Einfach war der Einstieg nicht: Als es richtig losgehen sollte im März, brach die Corona-Pandemie in Europa aus und sorgte auch auf den Färöern erst einmal dafür, dass der Saisonstart verschoben werden musste. Schindlers Chef Jens Berthel Askou konnte relativ einfach nach Dänemark reisen und musste bei der Rückkehr nicht in Quarantäne, was der Delmenhorster bei einem Aufenthalt beispielsweise in Deutschland zu diesem Zeitpunkt gemusst hätte.

So blieb der 32-Jährige vor Ort, leitete das Training und bereitete seine Elf auf die Saison vor, die im Mai startete. „Durch Corona hatten wir einen kleinen Lockdown ohne Zuschauer, doch mittlerweile sind wir Corona-frei und können hier ohne Maske rumlaufen und nahezu normal leben“, berichtet der Delmenhorster. Im Laufe der Saison kamen bis zu 1500 Zuschauer ins Stadion, wenn es gegen den Titelverteidiger KI Klaksvik ging, das Derby gegen B36 Torshavn verfolgten 1200 Zuschauer live vor Ort. „Das waren schon die besonderen Spiele. Wir hatten das Glück, anders als teilweise in Deutschland, hier vor Zuschauern spielen zu dürfen“, erzählt Schindler.

Das beste Team des Landes

22 von 27 Partien gewann die Elf um Co-Trainer Schindler, der dreimal selbst die Schuhe schnürte. „Wir hatten Mitte der Saison sehr viele Verletze, und der Coach hat gefragt, ob ich mitspielen kann. Ich trainiere öfter mit den Jungs und habe gesagt, dass ich helfe, wenn ich helfen kann“, erinnert sich der 32-Jährige. Einmal wurde er sogar in die Startelf beordert. Ansonsten nahm er jedoch vorzugsweise auf der Bank platz und dirigierte von außen. „In den ersten Spielen als Trainer war ich sehr emotional, wollte am liebsten auf den Platz rennen. Da gab es teilweise Gefühlsausbrüche meinerseits. Aber ich bin im Laufe des Jahres ruhiger geworden, sowohl privat als auch bei der Arbeit. Im Allgemeinen bin ich reflektierter und noch ehrgeiziger geworden. Ich will unbedingt jedes Spiel gewinnen. Und das muss bei uns auch der Anspruch sein. Von der Qualität her hätten wir alle Ligapartien gewinnen können“, meint Schindler.

Vor der Saison habe sich das Team einige Ziele gesetzt: Keinen Punkt gegen die unterklassigen Teams abgeben, maximal 20 Gegentore, die meisten Treffer der färingischen Geschichte erzielen. „Am wichtigsten war und ist aber die Entwicklung der Spieler. Über die Saison gesehen haben sich viele verbessert und sind Nationalspieler geworden. Für eine Handvoll gibt es Anfragen aus anderen Ländern. Wir legen da keinem Steine in den Weg und sind stolz, wenn sich die Spieler verbessern und zu besseren Vereinen im Ausland gehen. Es ist klar, dass ein 18-Jähriger mit Talent nicht auf den Färöern bleiben sollte, wenn er was erreichen will. Bei anderen Spielern, die woanders nicht mehr so viel gespielt haben und die hierherkamen, stellt sich die Frage, ob sie bleiben wollen“, erklärt Schindler. Einen allzu großen Umbruch erwartet er aber nicht.

Von den gesteckten Zielen erreichte HB etwa 50 Prozent. „Da sind wir schon ganz zufrieden mit, aber es geht mehr. Dass der Titel dazugekommen ist, ist toll. Wenn es das Double wird, wäre das phänomenal“, blickt der Delmenhorster voraus. Die Erfolge sind auch der Lohn der Arbeit des Trainerteams: „Wir haben die Mannschaft im Januar übernommen und haben gewisse Vorstellungen eingebracht, wie das Training laufen und wie wir spielen wollen. Die Spieler haben dadurch schnell dazugelernt.“

Pokal und Champions League

In der kommenden Saison steht unter anderem die Qualifikation zur Champions League an. Die Gruppenphase werden die Färinger kaum erreichen, die erste Runde überstehen wollen sie jedoch schon. „Wir treffen wohl auf einen Vertreter aus Malta, Andorra oder dem Kosovo. Das ist machbar. Aber das dachte man auch bei der letzten Qualifikation zur Euro League. Da sind wir gegen Glentoran FC aus Nordirland ausgeschieden“, berichtet Schindler. Der Fokus liegt nicht auf den internationalen Spielen, hilft aber, um neue Akteure zu bekommen. „Wenn man in der Champions-League-Qualifikation antritt, hat das natürlich seinen Reiz für die Spieler“, weiß Schindler.

Zunächst steht jedoch der Pokal an. Am 21. November trifft Torshavn auf den Zweitligisten 07 Vestur, eine wohl nicht besonders hohe Hürde. Das Halbfinale wird eine Woche später ausgetragen, bevor das Finale am 5. Dezember angepfiffen wird. HB ist Titelverteidiger. Den wohl schwierigsten Gegner schaltete die Schindler-Elf im Juli in der ersten Runde aus. Im Elfmeterschießen setzte sich HB gegen den Meister von 2019 aus Klaksvik durch. Schindler wurde eingewechselt und verschoss gleich den ersten Strafstoß für HB. Die Pokalvorbereitung beginnt in einer guten Woche. Aktuell sind viele Spieler auf Länderspielreise und nach der Meisterschaft gab es vier freie Tage, um alles sacken lassen zu können.

Trainerlizenz in Deutschland

Auch hinter Schindler persönlich liegt eine anstrengende Zeit. „Die letzten drei, vier Monate waren sehr turbulent. Ich habe parallel in Deutschland die Trainerlizenz C-Elitejugend gemacht und damit die Zulassung zum A-Lizenztrainer bekommen. Die würde ich gerne direkt machen, weil ich jetzt im Thema drin bin, aber wegen Corona gibt es derzeit keine Kurse. Dazu war auch das Reisen nach Berlin nicht unkompliziert mit Coronatests etc. Aber ich will die Trainerlizenz schon in Deutschland machen“, berichtet Schindler. Mit der bestandenen C-Elitejugend ist er nun auch offiziell Trainer in Torshavn. Bei HB verlängerte er für die kommenden Saison 2021.

Sein persönliches Fazit für das Jahr fällt sehr positiv aus. „Es wäre vielleicht übertrieben zu sagen, dass ich alles richtig gemacht habe, aber ich bin sehr zufrieden. Es gibt für einen Profifußballer nichts Schlimmeres, als dass er nach der aktiven Karriere nicht weiß, wie es weitergehen soll. Ich wollte einen fließenden Übergang und das hat geklappt“, berichtet der 32-Jährige.

An das Leben auf den Färöern gewöhnt er sich nach und nach, zumindest an das meiste: „Das Wetter hier ist schon eine Katastrophe, aber die Landschaft ist wunderbar. Es ist sehr idyllisch und ruhig, das kenne ich aus anderen Großstädten natürlich anders“, berichtet er. Schindler verständigt sich auf Englisch, färöisch spricht er nicht. „Die Leute hier behaupten, dass die Sprache nah am Deutschen sei, aber das sehe ich so gar nicht“, sagt er und lacht.

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