Fußball „Rassismus ist überall“

Der Delmenhorster Deniz Kurku hat auf einer Podiumsdiskussion in Hannover den Blick auf den Alltagsrassismus im Amateurfußball gerichtet. Er benannte den Rassismus im Fußball als politische Aufgabe.
12.07.2020, 17:57
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Hensel

Es gab Zeiten, da traf man sich für Podiumsdiskussionen in verrauchten Clubräumen oder in repräsentativen Hörsälen. In Zeiten von Corona verschieben sich öffentliche Veranstaltungen zunehmend in den virtuellen Raum, damit sie überhaupt noch stattfinden können. Kürzlich sendete die niedersächsische Sektion der Friedrich-Ebert-Stiftung aus der Hannoveraner HDI-Arena eine virtuelle Veranstaltung über ein mitunter brutales Thema: Rassismus im Fußball. Einer der Diskutanten war der Delmenhorster Landtagsabgeordnete Deniz Kurku (SPD), der wiederholt den Blick auf den Alltagsrassismus im Amateurfußball lenken wollte, bei seinen Podiumskollegen damit aber nur kleine Türen einrannte. Die Diskussion wurde, man muss es so sagen, sehr akademisch geführt. Also nicht auf dem Platz, sondern mit dem distanzierten Blick aus dem Elfenbeinturm heraus.

Kurku machte den Einstieg, bestellte das Feld und benannte den Rassismus im Fußball als politische Aufgabe. Kurku ist in den 90er-Jahren aufgewachsen und bekam die noch ganz offensichtlich rassistischen Tribünen-Rufe wie „Hängt die schwarze Sau“ oder „Immer mehr Asylanten, wie Sand am Meer“ im Weserstadion zu hören, wie er sagt. Er sieht, dass hier durch Projekte der Vereine durchaus ein Wandel stattgefunden habe und dass sich die Mehrheitsgesellschaft auch solche Rufe nicht mehr gefallen lassen würde. Außerdem zeigte er sich optimistisch, dass der Weg weitergehen könne: „Ich sehe die Chance, dass wir momentan inmitten einer Diskussion stecken und endlich etwas tun können“. Denn Fans seien kein Abbild der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft unter einem Vergrößerungsglas. Rassismus im Fußball tauge also als Muster um gesellschaftlichen Rassismus erkennen zu können.

Nach Kurkurs Einführung hielt die Osnabrücker Kulturwissenschaftlerin Judith von der Heyde einen Vortrag zu der Thematik, der aber – und das wurde in der anschließenden Diskussionsrunde noch einmal deutlich – durch den sehr distanzierten Blick auffiel und stärker auf Fankulturen denn auf das Geschehen in der Kabine fokussierte. Ihres Erachtens sei die Rassismus-Problematik jahrelang ignoriert worden, auch, weil sich Menschen nicht mit der Thematik nicht befassen wollten. Sie sagte: „Menschen bestimmen, worüber geredet wird und gleichzeitig ist es ungemein schwierig, die eigene Rolle in einer rassistischen Gesellschaft zu reflektieren“, weshalb es zu dieser Schweigespirale gekommen sei. Fußball schaffe Zugehörigkeit zu einer Gruppe ohne Vorbedingungen, jeder sei theoretisch willkommen, doch letztlich seien auch Fan-Gruppierungen männlich und weiß dominiert und damit weniger heterogen, als es oberflächlich den Eindruck erwecken würde. Weil Vereine und Verbände mit Kampagnen die Rassismus-Problematik aufgreifen würden, erscheine die tatsächliche Bedrohung nicht mehr so stark, weil der Eindruck entstünde, dass ja etwas getan würde, erklärt von der Heyde eine komplizierte Problematik an der Sache. Weil es normal sei und dazugehöre, das gegnerische Team und die gegnerischen Fans abzuwerten, sei Rassismus ein dem Fußball innewohnendes strukturelles Problem, zumal das Gemeinschaftsgefühl auch am einfachsten entstünde, wenn man sich von anderen Gruppen abgrenzen könne.

Die Situation im Amateur-Fußball stellt sich etwas anders da, doch Kurku will das sofort ändern, auch wenn er keine Blaupause kennt, die allgemeingültig sein könnte, sagt er in der anschließenden Podiumsdiskussion. Wichtig sei aber, dass man auch auf der untersten politischen Ebene, also in den Kommunen ansetzen müsse, denn dort sei Fußball Breitensport. Die Wissenschaftlerin von der Heyde sollte ihre Aspekte zum Amateur-Fußball einbringen und geriet dabei ins Schwimmen. Leider sei dies nun wirklich nicht ihr Spezialgebiet, sagt sie dem Moderator und denkt nach. Gleichzeitig öffnet sie damit aber einen Möglichkeitsraum für eine Reihe von Doktorarbeiten. Die theoretischen Grundlagen des Alltagsrassismus im Fußball lassen sich aus dem Profifußball und aus den Bundesliga-Stadien mit ihren Ultra-Gruppierungen und choreografierten Fan-Gesängen ableiten, die praktische Überprüfung der Theorie könnte nun in den Vereinen der Kreisklasse und Bezirksliga stattfinden. Aus den Ergebnissen könne dann vielleicht auch Kurku, der sich für mehr Maßnahmen gegen rassistische Tendenzen ausgesprochen hatte, Anknüpfungspunkte für politische Beschlussvorschläge herausbilden.

Die DFB-Integrationsbotschafterin und ehemalige Nationalspielerin Célia Šašić sei in ihre aktiven Zeit keinen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, doch sei die Problematik ohne Zweifel virulent, weshalb man weiterhin daran arbeiten müsse. Die Thematik ist seit Jahrzehnten aktuell und wird sich angesichts der höchst konservativen bis reaktionären Fußball-Szene sicherlich noch einige Jahre halten, auch wenn Vereine und Verbände mit großen Aufwand versuchen, diesem Eindruck entgegenzuwirken.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+