Reiten Kurzarbeitergeld für Schulpferde?

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung und hiesige Vereine fordern finanzielle Unterstützung für Schulpferde. Reitschulen drohe sonst die Gefahr der Insolvenz. Die Vereine aus der Region kommen noch gut durch.
12.03.2021, 16:31
Lesedauer: 4 Min
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Von Bettina Gnaß

Durch die anhaltende Corona-Pandemie müssen Reitschulen und -vereine seit Monaten mit hohen finanziellen Verlusten leben. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) fordert daher unter anderem Kurzarbeitergeld für Schulpferde. Keine Turniere, kein Reit- und Voltigierunterricht, kein Vereinsleben – doch die Kosten für Ställe, Betriebe und Reitschulen laufen weiter. (Schul)Pferde müssen versorgt werden, auch wenn keine Reitschüler kommen. Als Konsequenz hat laut FN ein Drittel der Reitschulen in Deutschland Existenzängste, da die bisherigen Förderprogramme nicht ausreichten. Es drohe die Abschaffung von Schulpferden.

Um auf das Problem aufmerksam zu machen, hat die FN die Social-Media-Kampagne #KEINSchulpferdweniger gestartet. Die zentrale Forderung ist Kurzarbeitergeld für Schulpferde. Reitsportgrößen wie Sandra Auffarth (RV Ganderkesee) unterstützen die Aktion auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen: „Schulpferde machen so viele Kinder und Amateurreiter glücklich – es darf einfach nicht passieren, dass diese treuen Begleiter die Corona-Krise nicht überstehen!!!“, schreibt Auffarth.

Pferde sind nicht nur Reittiere, sondern können in dieser schwierigen Zeit auch eine Art Seelentröster sein. Gerade für Kinder und Jugendliche, die psychisch besonders unter der Corona-Pandemie leiden, können sie wichtige Hilfe leisten. Die FN setzt sich dafür ein, dass Reitunterricht trotz des Lockdown ermöglicht wird. Das Infektionsrisiko beim Reitunterricht sei gering, da Abstands- und Hygieneregeln gut eingehalten werden könnten – selbst im Gruppenunterricht, da Reitschüler schon unter normalen Umständen aus Sicherheitsgründen mit und auf dem Pferd großen Abstand zueinander hielten. Außerdem bewegen sich Pferdesportler laut FN überwiegend draußen, und selbst in Reithallen herrschten meist nahezu Außenbedingungen. Zudem sei die Wiederzulassung des Reitunterrichts nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch eine Frage des Tierwohls: Pferde bräuchten regelmäßige Bewegung.

Hiesige Vereine halten sich noch gut

Reitunterricht ist in geringem Umfang mit strengen Hygieneregeln erlaubt. Eine Möglichkeit, die auch in den Vereinen des Kreisreiterverbands Delmenhorst laut der Vorsitzenden Gisa Beckmann angenommen wird: „Zum Teil haben die Schulen umgestellt auf Einzelunterricht, um zumindest so ein bisschen was abzufangen und den Schülern teilweise den Kontakt wieder zu ermöglichen.“ Gruppenunterricht bleibt verboten.

Die Lage der Vereine in der Region ist solide. „Grundsätzlich kann ich sagen, dass bei uns im Kreisreiterverband die Vereine aufgrund der guten Vereinsarbeit und der guten Zusammengehörigkeit relativ gut durchgekommen sind, weil die Bereitschaft, trotz Unterrichtsausfall weiterzuzahlen, zumindest teilweise gegeben war“, sagt Beckmann. Dadurch wurde viel aufgefangen. „Aber das ist nichts, worauf man dauerhaft bauen kann. Das ist die Nettigkeit der Mitglieder und die hat irgendwann vielleicht ein Ende, wenn weiter kein Unterricht möglich ist. Man kann ja niemanden verpflichten weiterzuzahlen, und es ist natürlich finanziell auch bei einigen persönlich schwierig geworden durch Kurzarbeit etc.“, fügt sie hinzu.

Ähnlich schätzt Anja Gorath, Schriftführerin des RFV Holle-Wüsting, die Situation ein: „Es geht, sage ich mal. Wir haben ein bisschen Rücklagen gehabt. Außerdem haben wir Corona-Hilfe beantragt beim ersten Lockdown, und die ist auch schnell gezahlt worden.„ Das habe geholfen. “Einige Eltern haben auch weiterhin Unterricht und Reitstunden bezahlt, obwohl keiner stattgefunden hat, einfach weil sie den Pferden unterstützend zur Seite stehen wollten.“ Die gänzlich unterrichtsfreie Zeit konnte also auch in Wüsting etwas aufgefangen werden. „Bei denjenigen, die selber ihre Pferde fertig machen konnten, haben wir dann immer Einzelunterricht gegeben. Je 20 Minuten mit einem Ausbilder“, schildert Gorath.

Allerdings war dies für die ganz kleinen Reitschüler und Anfänger noch keine Option, da sie noch so viel Hilfestellung benötigen, dass kontaktloser Unterricht nicht umsetzbar ist. Doch auch hier gibt es seit den jüngsten amtlichen Lockerungen wieder Licht am Ende des Tunnels: „Wir sind froh, dass wir jetzt wieder auch den Kleineren Unterricht geben können. Wir haben aber zur Vorsicht erst mal unsere Gruppen noch aufgeteilt auf jeweils nur drei Kinder, sodass mit Ausbilder dann auch nur insgesamt vier in der Halle sind“, berichtet Gorath.

Ungewisse Zukunft

Von sicheren wirtschaftlichen Aussichten kann aber dennoch keine Rede sein. „Wir können auch weiterhin nicht den vollen Umsatz machen, sondern fahren immer noch mit angezogener Handbremse und brauchen unsere Rücklagen“, erklärt Gorath. Ersparnisse und Vereinszusammenhalt bilden aktuell die wirtschaftliche Basis des Vereins. „Zudem hatten wir noch das Glück, dass unser Vorsitzender Tierarzt ist und dann auch mal netterweise was so gemacht hat“, sagt Gorath. So musste bisher noch keines der elf Schulpferde verkauft werden. Aber ob das auf Dauer so bleiben kann, ist auch in Wüsting unklar.

Bei vielen anderen Vereinen und Betrieben in Deutschland ist die Lage schon jetzt kritischer. So sieht die FN eine ganze Branche, deren Umsatz bei geschätzten 6,7 Milliarden Euro liegt, bedroht und fordert alle Pferdesportler dazu auf, sich an ihrer Social-Media-Kampagne zu beteiligen. Auch Gisa Beckmann gefällt die Aktion der FN, sie geht aber noch einen Schritt weiter: „Das betrifft nicht nur Pferde, sondern auch alle anderen Betriebe, die mit Lebewesen umgehen, die weiterhin laufende Kosten verursachen. Also zum Beispiel Tiertherapie.“

Für die Vorsitzende des Kreisreiterverbands geht es vor allem darum, einen einfachen Weg zu finanzieller Unterstützung zu schaffen, „sodass die laufenden Kosten weiter gedeckt werden können und zwar auch, wenn sie eigentlich keine direkte wirtschaftliche Zwecksetzung haben. Das war nämlich teilweise bei den Hilfen ein bisschen ein Problem.“ Reitschulen sollten ihrer Meinung nach zum Beispiel einfach sagen können, wie viele Schulpferde sie haben und wie hoch die monatlichen Kosten für den Schulplatz sind, um zumindest pro Schulpferd einen einfachen Zuschuss zu beantragen. „Letztendlich muss es einfach eine Möglichkeit geben, relativ unbürokratische Hilfen pro Schulpferd zu beantragen, wenn man nachweisen kann, dass so und so viele Kosten anfallen“, meint Beckmann.

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