Skateboarding Der Traum lebt weiter

Der Delmenhorster Ümit Akbulut wollte mit der türkischen Nationalmannschaft im Skateboarding bei den Olympischen Spielen in Tokio starten, doch aufgrund der Corona-Krise wurden diese verschoben. Ein Interview.
18.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Der Traum lebt weiter
Von Michael Kerzel
Herr Akbulut, ohne die Corona-Pandemie würden die Olympischen Spiele in einem Monat beginnen. Wie haben Sie die Absage erlebt?

Ümit Akbulut: In Meetings mit den Verantwortlichen des türkischen Skateteams im März war schon klar, dass es zu einer Absage kommen könnte. Als dann die Fußball-Europameisterschaft verschoben wurde, stand eigentlich fest, dass das auch mit den Olympischen Spielen passieren wird. Die Motivation war bei mir dann erstmal kurz weg. Man hatte ja mehr als ein Jahr lang auf dieses Ziel hingearbeitet. Ich habe kurz gedacht: Ich werde im Dezember 36, vielleicht ist es Zeit, aufzuhören. Aber das sage ich seit Jahren. Meine Frau und ich wissen aber, dass ich solange fahren werde, wie es geht (lacht). Die Motivation war dann auch schnell wieder da. Der Traum bleibt ja, bei Olympia mitzumachen. Es wäre bestimmt Wahnsinn, bei der Eröffnungsfeier im Stadion mitzumachen, im Olympischen Dorf zu wohnen und einfach dabei zu sein. Natürlich hat man auch den Traum von einer Medaille. Aber die Konkurrenz aus den USA, Brasilien oder den Niederlanden ist extrem stark. Auch die Japaner mit einem ganz eigenen Stil und die Spanier sind sehr gut.

Sie beziehungsweise die Türkei wären also dabei gewesen?

Offizielle Bestätigungen gab es noch nicht, die Qualifikation wäre noch bis Ende Mai gelaufen. Aber das türkische olympische Komitee hat uns mitgeteilt, dass wir dabei gewesen wären. Das Team stand, wir hätten aber noch was machen müssen. Ich hätte noch bei einem internationalen Turnier starten müssen beispielsweise. Andere Fahrer von uns haben das in Brasilien schon erledigt. Es hätte alles geklappt. Das Team bleibt dieses Jahr zusammen und wird stärker.

Halten Sie die Verschiebung der Spiele für richtig?

Die Entscheidung ist vernünftig und nachvollziehbar.

In der Szene gibt es Kritik daran, dass Skateboarding olympisch wird. Wie stehen Sie dazu?

Ich kann es schon verstehen, dass Skater sagen, dass dadurch der Lifestyle, der mit Freiheit verbunden ist, verloren geht, weil es bei Olympia darum geht, ein strukturierter Athlet zu sein. Aber ich sehe die Chancen, dass Skateboarding dadurch mehr in den Fokus rückt und es dem Skateboarding insgesamt nutzt. Skateboarden wird gerade wieder groß. Immer mehr Leute fahren wieder.

Wie geht es sportlich bei Ihnen weiter?

Ich muss natürlich umstrukturieren, Pläne in Bezug auf meine Selbstständigkeit und die Familie etwas zurückstellen. Aber es gilt, jetzt ein Jahr Vollgas zu geben. Ich muss in meinem Alter natürlich etwas mehr machen, aber die jüngeren Fahrer pushen mich. Ich muss mich selber disziplinieren, dass ich nicht nur die Sachen trainiere, die Spaß machen und mit denen man beeindrucken kann. Aber dafür bin ich erfahren genug.

Wie sieht ihr Trainingsplan aus?

Ich bin richtig fit und leistungsmäßig da, wo ich lange nicht war. Ich habe eine Personaltrainerin und bin in den letzten Monaten mehr Skateboard gefahren als in der Zeit davor. Ich mache jeden Tag Sport, fahre mehrmals die Woche mehrere Stunden Skateboard. In der Halle geht das nur zwei Stunden, aber draußen geht es im Skatepark länger. Ich fahre soviel, wie geht. Dazu kommt das Fitnesstraining und als Ausgleich habe ich mit Golf angefangen. Ich mache da jetzt die Platzreife. Das ist ein guter mentaler Ausgleich zum aggressiven Skaten. Viel Motivation kommt durch meine Gruppe: Vor ein paar Monaten haben ich und ein paar alte Skate-Freunde, alle Ü30, eine Whattsapp-Gruppe ins Leben gerufen, um uns zum Skaten zu verabreden. Da sind mittlerweile 13 Leute drin. Als nächstes steht eigentlich die Deutsche Meisterschaft an. Wenn die stattfinden kann, fahre ich da alles mit.

Sie trainieren in Deutschland, wie ist die Lage in der Türkei?

Ich wäre mehrmals in diesem Jahr in die Türkei geflogen, um dort mit dem Team zusammenzukommen, aber das ging aufgrund von Corona nicht. Ich wäre auch bei einem Wettbewerb in Brasilien dabei gewesen. Es gibt natürlich Zoom-Meetings. In der Türkei wurden zuletzt mehrere Skateparks und - anlagen gebaut. Es geht voran. Da gibt es viele talentierte Leute. Die Young Guns, die jetzt 14 oder 15 Jahre alt sind, sind teilweise richtige Maschinen. Die können in einigen Jahren einiges erreichen. Wir haben Leute im Team, da kommen die Eltern mit. Ich fahre schon länger, als die alt sind. Wir haben da etwas angeschoben.

Sie haben auch Ihre Ernährung umgestellt.

Ja. Ich arbeite viel mit einem Sportmediziner zusammen. Morgens gibt es Smoothies mit Vitaminen, nichts Schweres. Ich esse viel vegetarisch und vegan. Bevor die Olympischen Spiele mein Ziel wurden, habe ich noch viel Fast Food gegessen, das mache ich fast gar nicht mehr. Dafür gibt es häufig Ananas, Papaya, Müsli, Nüsse, Blaubeeren, Chiasamen und sowieso viel Obst. Ich trinke auch deutlich weniger Kaffee, dafür viel Ingwer-Tee und auch nichts mehr mit Kohlensäure. Mein Arzt schickt alle sechs Wochen eine Blutprobe für die Dopingtests zu den entsprechenden Stellen. Einmal bin ich fast durchgefallen. Ich habe Vitasprint genommen und das war nicht erlaubt, was ich nicht wusste. Da muss man ganz genau aufpassen.

Neben Personaltrainer und Ernährungsumstellung: Was änderte sich noch?

Das Skateboarden steht bis Olympia mehr im Mittelpunkt. Ich muss da schauen, was wichtiger ist: drei Tage Training oder drei Tage auf eine Messe fahren und dort als Friseur zu arbeiten. Ich mache derzeit weniger solcher beruflicher Events und fahre mehr Skateboard. Auch im Urlaub schaue ich, wo der nächste Skatepark ist und fahre da. Das war zuletzt alles möglich, weil ich das Privileg hatte, dass mir ein Sponsor 1000 Euro im Monat gegeben hat. Für die Flüge in die Türkei zum Team, Spritgeld zu den Events, für Hardware wie Boards – drei bis vier im Monat verbrauche ich – die Personaltrainerin etc. Das läuft Ende Juli leider aus, daher muss ich mal schauen, wie ich das weiter hinbekomme. Ich bin da auf der Suche nach einem Sponsor, das würde es einfacher machen.

Das Interview führte Michael Kerzel.

Info

Zur Person

Ümit Akbulut (35)

gehört zum Kader der türkischen Nationalmannschaft, die sich für die Olympischen Spiele qualifizieren wollte. Ein Jahr lang trainierte der Delmenhorster intensiv, nun muss er ein weiteres Jahr abwarten. Er ist selbstständig und betreibt den Friseur Salon Haarwerkstatt in Delmenhorst.

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