Snooker

Mit Konzentration und Präzision

Die diesjährige Snooker-Weltmeisterschaft ist Anfang der Woche zu Ende gegangen. Hobby-Spieler Edgar Schneider steht, wenn es möglich ist, regelmäßig in Delmenhorst am Tisch und ist fasziniert von dem Sport.
05.05.2021, 16:02
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Mit Konzentration und Präzision
Von Justus Seebade
Mit Konzentration und Präzision

Der Engländer Mark Selby hat am Montag seinen vierten WM-Titel im Snooker gewonnen. Die Weltmeisterschaft findet jedes Jahr im Crucible Theatre in Sheffield statt.

Zac Goodwin/dpa

Absolute Ruhe ist gefordert. Schon die kleinste Störung – das Rascheln einer Tüte oder die Bewegung einer Person im Blickfeld – kann enorme Auswirkungen haben. Wer am Snookertisch steht, muss sich zu 100 Prozent auf den nächsten Stoß konzentrieren können. Sonst passiert es schnell, dass der anvisierte Ball nicht gelocht wird. Oft ist es nur eine Frage von Millimetern, doch die können entscheidend sein. Manchmal sogar für ein ganzes Match.

Zugegeben: Diese Schilderungen beziehen sich natürlich vor allem auf die Duelle der Profis. Die diesjährige Snooker-Weltmeisterschaft ist Anfang dieser Woche zu Ende gegangen. Im Finale setzte sich der Engländer Mark Selby mit 18:15 gegen seinen Landsmann Shaun Murphy durch und holte damit seinen vierten WM-Titel. Auch in dieser Partie, die sich über zwei Tage streckte, gab es Szenen, in denen die beiden Spieler noch mal neu zum Stoß ansetzten. Das gehört beim Snooker einfach dazu, schließlich ist ein Höchstmaß an Präzision vonnöten, um die kleinen Bälle durch die engen Tascheneinläufe zu manövrieren. Und um den Spielball, also die weiße Kugel, mit demselben Stoß wieder so auf dem Tisch abzulegen, dass es eine möglichst perfekte Stellung auf den nächsten Ball gibt.

Jan Ole Bleil (links) und Edgar Schneider (rechts) spielen – ohne Pandemie – regelmäßig zusammen in Delmenhorst Snooker. Bei einem Besuch des German Masters in Berlin haben sie unter anderem Shaun Murphy getroffen, der dieses Jahr erst im WM-Finale gegen Mark Selby verlor.

Jan Ole Bleil (links) und Edgar Schneider (rechts) spielen – ohne Pandemie – regelmäßig zusammen in Delmenhorst Snooker. Bei einem Besuch des German Masters in Berlin haben sie unter anderem Shaun Murphy getroffen, der dieses Jahr erst im WM-Finale gegen Mark Selby verlor.

Foto: FR

Snooker ist die wohl komplizierteste aller Billard-Disziplinen. An dieser Stelle sämtliche Regeln zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen (siehe Infobox am Ende des Artikels). Edgar Schneider hat aber eine Definition parat, die das Spiel recht gut beschreibt. „Snooker ist ein bisschen wie Schach auf einem riesigen Billardtisch“, sagt der 47-Jährige, der in Bremen lebt und seinem Hobby seit einigen Jahren regelmäßig im Hardball-Café in Delmenhorst nachgeht – wenn nicht gerade eine Pandemie diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung macht. „Es ist halt ein total komplexes, intelligentes Spiel“, erklärt Schneider. „Die Profis denken nicht nur ein, zwei, drei Bälle voraus, sondern gefühlt den ganzen Frame. Alleine dadurch, dass man immer einen roten Ball treffen muss und danach immer eine Farbe, ist die Komplexität des Spiels enorm. Man muss das ein bisschen verstehen, um zu sehen, was die Akteure am Tisch leisten“, führt der gebürtige Paderborner aus.

Nicht nur ein gelochter Ball

Die Profis schaffen es oft, mehr als 100 Punkte am Stück zu erzielen, ein sogenanntes Century. Das ist als Laie praktisch unmöglich, doch was Edgar Schneider und sein Spielpartner Jan Ole Bleil hinbekommen, ist auch schon durchaus beachtlich. „Wir spielen nicht auf hohem Niveau, aber schon Best-of-Five. Der Verlierer muss den Tisch und die Getränke bezahlen“, berichtet Schneider. Der Spaß stehe zwar im Vordergrund, aber das bedeute nicht, dass die beiden die ganze Zeit schnacken und nebenbei ein paar Bälle versenken. „Wir erzählen ein bisschen, aber dann wird sich voll und ganz auf den Sport konzentriert“, verdeutlicht der Hobby-Spieler, dass Jan Ole Bleil und er das Ganze durchaus ernst nehmen. Zweieinhalb bis drei Stunden würden sie immer schaffen. Ein Frame dauere bei ihnen durchschnittlich rund 35 Minuten. Und es ist nicht so, dass sie nach einem Locherfolg sofort wieder den Tisch verlassen müssen. Breaks im 30er-Bereich gelingen ihnen durchaus mal. Zur Veranschaulichung: Das sind beispielsweise vier rote und vier schwarze Bälle, die abwechselnd in die Taschen fallen. Jan Ole Bleil und er würden sich füreinander freuen, wenn sie das hinkriegen. „Es ist ja auch ein Gentleman-Sport“, weiß Schneider.

Edgar Schneider am Tisch in Delmenhorst. Ein gewisses Stellungsspiel beherrscht er durchaus.

Edgar Schneider am Tisch in Delmenhorst. Ein gewisses Stellungsspiel beherrscht er durchaus.

Foto: FR

Wer selbst mal versucht, mehr als 30 Punkte zu erzielen, wird schnell feststellen, dass dafür schon eine ordentliche Portion Genauigkeit benötigt wird. „Es gibt eigentlich fast keinen einfachen Stoß beim Snooker. Man will ja auch die Stellung auf eine Farbe haben. Wenn man einen Moment unkonzentriert ist, kann ein vermeintlich einfacher Stoß in die Hose gehen“, erläutert Schneider, der glaubt, dass neben einem Talent für das Spiel auch hartes Training wichtig ist. Wenn man nicht regelmäßig am Tisch stehe, habe man nach einer längeren Pause das Gefühl, „dass man einen Baumstamm in der Hand hat“. Ohne Baumstamm freut er sich, wenn ihm mal ein Snooker gelingt. Dabei wird der Spielball so abgelegt, dass der Gegner den nächsten Ball nicht direkt anspielen kann. „Wenn einem so was gelingt, ist das eine kleine Gemeinheit“, merkt Schneider augenzwinkernd an. Für große Gemeinheiten sorgen die Profis gerne. „Wenn man sieht, wie die mit dem weißen Ball und den Farben arbeiten – das ist schon Wahnsinn. Diese Komplexität fesselt mich. Obwohl ich den Sport schon seit 30 Jahren beobachte, ist die Faszination geblieben“, betont Schneider.

Spielpraxis ist wichtig

Ein gewisses taktisches Verständnis bringen sein Spielpartner und er mit. „Wir wissen ungefähr, wo der weiße Ball hinläuft. Die groben Richtungen kriegen wir hin, ein gewisses Stellungsspiel ist schon gegeben. Aber es ist natürlich überhaupt nicht zu vergleichen mit dem, was die Profis machen“, erzählt Schneider. So etwas wie ein einfacher Zugball sei für ihn allerdings nicht das Problem. Wichtig sei viel Spielpraxis. Der 47-Jährige vermutet, dass genau das der Grund dafür ist, dass viele Fans sich zwar gerne die Turniere im Fernsehen anschauen, aber eher wenige selbst spielen. Das Regelwerk zu begreifen, sei das eine, es dann auch umzusetzen, das andere. „Die Erfolgserlebnisse stellen sich nicht so schnell ein“, weiß Schneider. Beim Snooker ist eben Geduld eine wichtige Tugend. „Man muss diesen Sport echt ein bisschen leben“, sagt er.

Snooker-WM in Sheffield

Ein Snookertisch ist wesentlich größer als das Pendant beim Poolbillard.

Foto: Zac Goodwin/dpa

Dass er selbst den Zugang zum Snooker gefunden hat, ist eigentlich einem Zufall geschuldet. Früher hat Schneider sehr erfolgreich und professionell Squash gespielt, war mehrfacher Deutscher Meister in der Jugend und sogar für die Nationalmannschaft aktiv. An seinem Trainingsort habe es auch Snookertische gegeben. Die Ruhephasen habe er genutzt, um ab und zu dem großen Tisch mit den kleinen Bällen einen Besuch abzustatten. Die Faszination kam schnell auf – und ebbte nicht wieder ab. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Info

Zur Sache

Wichtige Regeln kurz und knapp

Beim Snooker geht es darum, eine bestimmte Anzahl an Frames zu gewinnen. Ein Frame ist vorbei, wenn der Tisch abgeräumt ist oder ein Spieler so viele Punkte gesammelt hat, dass der Gegner nicht mehr an den Tisch kommt. Es gibt 15 rote und sechs farbige Bälle. Die roten bringen einen Punkt, die farbigen mehr (gelb=zwei, grün=drei, braun=vier, blau=fünf, pink=sechs, schwarz=sieben). Nach jedem roten Ball muss eine Farbe gelocht werden. Nachdem alle roten Bälle gelocht sind, müssen die Farben ihrer Wertigkeit nach – von gelb bis schwarz – versenkt werden. Die maximale Anzahl an Punkten, die ein Spieler pro Frame erzielen kann – ein sogenanntes Maximum Break – beträgt 147.

Wenn der Spieler keinen Ball lochen kann oder ihm ein Versuch zu riskant ist, versucht er, den Spielball sicher abzulegen und dem Gegner so wenig Möglichkeiten zu geben. Im Idealfall gelingt ihm ein Snooker. In diesem Fall kann der Gegner den nächsten Ball nicht auf direktem Weg anspielen. Wenn er sich nicht aus dem Snooker befreien kann und ein Foul begeht, also keinen Ball trifft, bekommt der Gegner vier Punkte. Trifft der Gesnookerte unerlaubterweise blau oder eine höhere Farbe, sind es entsprechend mehr. Wenn ein Spieler, um den Frame zu gewinnen, mehr Punkte holen muss, als noch auf dem Tisch liegen, benötigt er Snooker. Er versucht dann, durch Fehler des Gegners so viele Foulpunkte zu sammeln, dass der Frame wieder in Reichweite ist.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+