SV Tur Abdin Delmenhorst

Auf der Suche nach Kontinuität

Zwölf verschiedene Trainer hatte der Fußball-Bezirksligist Tur Abdin in den vergangenen acht Jahren, rund 30 in 30 Jahren. Trotz der vielen Wechsel sind die Delmenhorster seit 2012 in der Bezirksliga.
20.11.2020, 16:56
Lesedauer: 6 Min
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Auf der Suche nach Kontinuität
Von Michael Kerzel
Auf der Suche nach Kontinuität

Sven Apostel sammelte bei Oberligisten wie dem TB Uphusen und dem Regionalligisten BSV Rehden Trainererfahrungen auf höherer Ebene und soll – möglichst für längere Zeit – die Geschicke beim SV Tur Abdin leiten.

fotos: INGO MöLLERS

13 Trainerwechsel gab es beim Fußball-Bezirksligisten SV Tur Abdin Delmenhorst in den vergangenen acht Jahren, zwölf verschiedene Coaches dirigierten die Geschicke seit 2010. Das ist eine Menge. Fairerweise muss man sagen, dass darunter ein paar vereinsinterne Interimslösungen waren. Sowohl Edib Öczan wie auch Daniel Yousef (zweimal) und das Duo Isa Tezel/Mathias Demir sprangen zwischendurch ein und kehrten im Anschluss in ihre jeweilige Position bei den Delmenhorstern zurück. Andere Trainer gingen nach ein paar Monaten entnervt, andere aus privaten Gründen, obwohl es sportlich gut lief. Wieder andere Übungsleiter wurden entlassen, da es zwischen Team und Coach nicht funktionierte. Unter dem Strich bleibt jedoch, dass Abdin durchgehend in der Bezirksliga spielt, seitdem Yousef Yousef den Verein in der Saison 2011/12 zur Kreisligameisterschaft führte und somit aufstieg. Zweimal versuchte sich Andree Höttges, jeweils zunächst erfolgreich, doch jeweils endete die Zusammenarbeit vor Saisonende.

Aktuell trainiert Sven Apostel die Aramäer. Kann er für Kontinuität auf der Trainerbank sorgen? Der Sportliche Leiter Isa Tezel hofft darauf. „Sven hat eine klare Spielvorstellung und versteht sehr viel von Fußball. Wir hätten schon gerne einen Trainer, der fünf oder zehn Jahre die Mannschaft anführt. Es ist schwierig zu sagen, ob es klappt. Von Vereinsseite wird kein Trainer gehen, weil er im Mittelfeld landet, auch wenn unser Anspruch schon ist, oben mitzuspielen. Wir wollen Kontinuität und ich bin bei Sven überzeugt, dass er das hinkriegt“, sagt Tezel, der seit knapp drei Jahren in seinem Amt ist. Edib Özcan, Tezels Vorgänger und selbst auch mal Trainer und C-Trainer bei Abdin, kennt Apostel schon aus Jugendtagen und hält große Stücke auf ihn. „Ich bin 100 Prozent von ihm überzeugt. Er muss versuchen, eine gewisse Distanz zur Mannschaft zu halten, das ist bei uns mega wichtig“, meint Özcan. Auch er betont, dass Trainer in der Vergangenheit nicht entlassen wurden, weil sie nur im Mittelfeld der Tabelle standen. „Wir haben dann reagiert, wenn es richtig schlecht lief oder wenn die Mannschaft nicht mit dem Trainer klar kam“, berichtet Özcan. Er verhehlt jedoch auch nicht, dass es in der Vergangenheit durchaus Kurzschlussreaktionen gegeben habe – ohne Namen zu nennen. Es lagen jedoch jeweils Gründe im Bereich der Mannschaftsführung vor, betont Özcan.

Unterschiedliche Typen

Ein Rückblick: Anfang des Jahrzehnts leitete Yousef Yousef die Geschicke bei Abdin, trat zum Ende des Jahres 2013 zurück, da er das Traineramt aus beruflichen Gründen nicht mehr ausfüllen konnte. Er verabschiedete sich mit der Hallenstadtmeisterschaft. Zwei Monate zuvor hatte er seinen Abschied bereits angekündigt. Die Vereinsverantwortlichen bedauerten den Abschied, mussten nun jedoch einen neuen Übungsleiter suchen.

Yousef-Nachfolger Matthias Lange blieb nur drei Monate, bevor er entlassen wurde. Yousefs Co-Trainer Edib Özcan übernahm für zwei Monate und übergab nach Saisonschluss an Servet Zeyrek. Für diesen war Tur Abdin die erste Station im Herrenbereich, er versuchte es auf freundschaftlicher Basis mit dem Team und scheiterte daran. Nur ein halbes Jahr dauerte seine Ägide, bevor der als harter Hund bekannte Andree Höttges Ende 2013 übernahm und zweieinhalb Jahre blieb – der längste Abschnitt seit Yousef und auch danach toppte niemand mehr diese Laufzeit bei Abdin. Höttges hatte Erfolg, landete in der Saison 2014/15 hinter dem VfL Wildeshausen und dem aufstrebenden SV Atlas auf Platz drei. Im Folgejahr bröckelte das gute Verhältnis zum Team und er ging im Mai. Stefan Keller, bis dato Sportlicher Leiter des Vereins, sprang ein und bekleidete zunächst eine Doppelfunktion, ehe er sich vor der folgenden Saison im Sommer dazu entschied, fest als Trainer zu arbeiten. Im Oktober hatte er aber schon genug davon. „Was die Mannschaft macht, deckt sich nicht mit meinen Erwartungen. Dafür kann ich nicht die Verantwortung übernehmen“, begründete er seinerzeit gegenüber dem DELMENHORSTER KURIER seinen Rücktritt. Daniel Yousef überbrückte für zwei Monate und gab den Staffelstab an Helmut Klußmann, der sich zuvor in Bremen einen guten Ruf erarbeitet hatte, weiter.

Der damalige Klubchef Wahib Yousef suchte einen ähnlichen Typen wie jetzt Isa Tezel: „Eine Mischung aus Kumpeltyp und Disziplinfanatiker wäre gut“, sagte Wahib damals. Einigen Spielern müsse man nämlich in den Hintern treten, andere dafür knuddeln. Tezel betont das auch jetzt wieder: „Der Trainer bei uns muss sehr unterschiedliche Charaktäre für sich gewinnen. Wir brauchen den Typ Menschenfänger wie Jürgen Klopp. Sven Apostel weiß, wie er die Spieler nehmen muss. Den einen muss man streicheln, den anderen auf den Kopf hauen.“

Klußmann und Abdin passten jedoch so gar zueinander. Schon im April 2017 war das Kapitel beendet, Daniel Yousef sprang erneut ein und sicherte den Klassenerhalt knapp.„Es war rückblickend vielleicht ein Fehler, einen Trainer von außerhalb zu holen, wo man nicht wusste, wie er arbeitet. Taktisch hatte er es aber voll drauf“, erinnert sich Özcan.

Die Sportliche Führung wechselte in der Folge den Trainertyp und setzte auf die interne Lösung Christian Kaya, der nach einer schweren Knieverletzung vorerst nicht mehr selbst auf dem Platz stand. Die Chemie passte: Kaya ließ den Aktiven ihre Freiräume, haute jedoch auch dazwischen, denn es ihm zu bunt wurde. Wie bei Yousef Yousef kam jedoch der Beruf insoweit dazwischen, dass die Zeit für das Traineramt schlicht nicht mehr da war. Abdin wollte den eingeschlagenen Weg weitergehen und setzte erneut auf eine interne Lösung: Edgar Kary. Auch mit ihm waren die Verantwortlichen zufrieden, doch auch er verabschiedete sich aus persönlichen Gründen. Tezel und Mathias Demir betreuten das Team in der Endphase der Saison 2018/19, zudem intensivierte die Leitung die Gespräche mit Andree Höttges, der schon als Kaya-Nachfolger im Gespräch war.

Fußball

Andree Höttges trainierte den SV Tur Abdin bereits zweimal.

Foto: INGO MOELLERS

Höttges übernahm Abdin zur Spielzeit 2019/20, die aufgrund der Corona-Pandemie abgebrochen wurde. Nach einer längeren Pause stand er im ersten Saisonspiel im September an der Linie. Es blieb jedoch sein einziger Auftritt: Nach einer 0:4-Klatsche im Derby gegen den SV Baris Delmenhorst beendeten Abdin und Höttges die Zusammenarbeit. „Andree und wir hatten bezüglich der gesamten Aufstellung für die kommenden Wochen und Jahre unterschiedliche Auffassungen und da haben wir uns dann im beidseitigen Einvernehmen getrennt“, berichtet Tezel. Dass das nach bereits einem Spiel in der aktuell unterbrochenen Saison geschah, ist sicherlich ungewöhnlich. „In der Vorbereitung hatten wir viele Verletzte, es waren oft nur wenige Spieler da. Da wusste man nicht, wo die Mannschaft steht“, sagt Tezel. Das sei dann zum Saisonauftakt klar geworden.

Grundsätzlich sei Höttges nicht an seiner Art gescheitert, auch das Baris-Spiel und Höttges am Spielfeldrand kundgetane Unzufriedenheit sei nicht ausschlaggebend gewesen. „Bei Andree weiß man, dass er viel Wert auf Disziplin legt. Und dass es bei so einem Derby mal lauter wird, gerade wenn es nicht läuft, ist auch klar. Bei uns ist es allerdings nie ruhig, wenn wir nicht gerade gewinnen. Mit Andrees Art hatte die Trennung nichts zu tun“, sagt Tezel. Verein und Trainer hätten verschiedene Ansichten bezüglich des Kaders und dessen Qualität gehabt.

Tezel hält es nicht für schwieriger, Abdin zu trainieren, als andere Vereine auf ähnlicher Leistungsebene. „Man muss sich die Trainerwechsel einzeln anschauen. Ich bin jetzt seit drei Jahren dabei. Bei Christian Kaya und Edgar Kary waren es jeweils private Gründe, warum die beiden aufgehört haben“, erzählt er. Dass Abdin seit jeher die Konstanz fehlt, weiß auch Tezel. „Woran das liegt, ist schwierig zu sagen. Ein Spiel gegen den Tabellenführer nehmen unsere Spieler ganz anders wahr als gegen ein Team aus dem Mittelfeld oder der Abstiegszone. Das ist ein Einstellungsproblem manchmal. Es kann nicht anders sein, da die Qualität im Kader, auch in der Breite, da ist. Da fehlt dann die gewisse Einstellung gegen an sich schwächere Teams“, erzählt Tezel. Das zeige sich auch an der Punktausbeute. „Man kann das ja sehen, gegen wen wir Punkte holen und da sind oft die Teams aus den oberen Regionen dabei und gegen die anderen lassen wir viele Punkte liegen. Das ist definitiv so. Wir sind von Woche zu Woche eine Wundertüte“, meint Tezel.

Apostel soll lange bleiben

Nun ist es an Sven Apostel, das Potenzial des Bezirksligisten konstant abzurufen. „Man merkt beim Training, dass er schon höher trainiert hat. Die Übungen kennt man teilweise in der Bezirksliga so nicht. Das Training ist sehr abwechslungsreich“, lobt Tezel. Aktuell kann Apostel wegen des Lockdowns jedoch nicht mit der Mannschaft arbeiten. „Wir haben den Spielern in der Pause keine Trainingspläne mitgegeben, aber Sven hat ihnen schon gesagt, dass sie fitbleiben und auch ihr Gewicht halten sollen“, sagt Tezel. Wenn die Saison im kommenden Jahr weitergeht, würde Tezel das Team gerne am Ende unter den ersten vier sehen. „Wir hatten nicht den allerbesten Start, aber das Saisonziel ist weiterhin möglich. In der kleinen Staffel mit den vielen Derbys ist nach oben und unten alles möglich“, ordnet Tezel ein.

Apostel reiht sich in eine Riege von bekannten Namen ein, so trainierten auch Georg Stanik und Claus-Dieter Meier die Abdiner in der Vergangenheit. Fast alle gingen vorzeitig, meistens jedoch im Guten, wie Edib Özcan betont. „In 30 Jahren hatten wir circa 30 Trainer, aber nur mit drei, vier oder maximal fünf sind wir im Schlechten auseinander. Da war fast immer ein tränendes Auge dabei“, sagt er.

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