Delmenhorster Graft-Anlagen Stadtwerke sollen Trinkwasser fördern

Damit der Stadtpark nicht wieder wegen des hohen Grundwasserstands überschwemmt wird, muss dort erneut Trinkwasser gefördert werden. Die Stadtwerke können dafür jetzt Anträge stellen.
29.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Andreas D. Becker

Die Ratsbeschlüsse zur Graft sind abgearbeitet. Das verkündeten am Dienstag Oberbürgermeister Axel Jahnz, Sascha Voigt, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Stadtwerke (SWD), und Hans-Ulrich Salmen, SWD-Geschäftsführer. Der wichtigste Punkt: Salmen wurde am Montagnachmittag von der Gesellschafterversammlung angewiesen, die erneute Trinkwasserförderung in der Graft zu beantragen, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten und dafür zu sorgen, dass die Pumpen nicht ausfallen.

„Es ist ein Startschuss“, sagte Jahnz. „Ich stehe zu dem, was ich im Rat gesagt habe: Das Thema wird sauber abgearbeitet.“

Wichtig ist dabei das Wörtchen abgearbeitet, denn umgesetzt sind diese Ratsbeschlüsse noch lange nicht. Das war allen Beteiligten auch wichtig zu betonen, denn schnelle Lösungen gibt es nicht: Allein die Bearbeitung eines Antrags zur Gewinnung von Trinkwasser wird viel Zeit in Anspruch nehmen, vielleicht dauert es sechs, eventuell acht, unter Umständen auch elf Jahre, bis es eine Entscheidung gibt. Doch die Maschinerie, die jetzt Ergebnisse produzieren soll, sie läuft zumindest schon einmal. Das ist fast vier Jahre, nachdem das Thema Graft-Versumpfung im August 2011 und somit mitten im Kommunalwahlkampf auftauchte, ein erster echter Fortschritt.

Die höchste Priorität genießen für Jahnz derzeit die Brunnen, die die Graft trocken halten. Denn sie sind kurz davor, kaputt zu gehen. Laut Auskunft der SWD könnte dies jeden Tag passieren. „Eine Frage dabei ist, ob wir als Stadt die Brunnen übernehmen werden“, sagte Jahnz. Das sei aber eine Entscheidung, die in den Händen der Politik liege. Voigt erklärte, dies würde kürzere Wege garantieren und eventuell auch steuerlich interessant sein. Fest steht aber, dass – wer auch immer die Brunnen betreibt – sehr viel Geld für eine Sanierung in die Hand genommen werden muss. „Pro Brunnen sind es rund 200 000 Euro“, sagte Salmen. Die drei Brunnen wieder in einen Zustand zu versetzen, dass sie noch mehrere Jahre störungsfrei funktionieren, ist ungefähr so aufwendig, als würde ein neuer Brunnen gebaut.

Zudem wird gerade geprüft, ob noch ein oder zwei neue Brunnen gesetzt werden, sozusagen als Sicherheit, wenn es zu Ausfällen kommt. „Ein Brunnen kann auch nicht rund um die Uhr laufen“, erklärte Voigt, warum es außerdem sinnvoll scheint, ein Sicherheitsnetz zu spannen. Erste Kostenvorschläge sind dazu schon eingeholt worden, 200 000 Euro würde der Bau eines neuen Brunnens kosten. Die Gesamtkosten zum Unterhalt von vier Brunnen inklusive des Pumpensystems würden bei jährlich 300 000 Euro liegen. Derzeit schlage die reine Wasserförderung mit 170 000 Euro zu Buche.

Am wichtigsten für die langfristige Lösung ist laut der aktuellen Diskussion, dass Salmen endlich einen Antrag auf Trinkwassergewinnung in der Graft stellt. Bis zuletzt wurde er nicht müde zu betonen, dass er das für blanken Unsinn hält, zum Beispiel in einem offenen Brief an die Politik. Salmen gab sich am Dienstag, obwohl seine Argumente nicht durchdrangen, gelassen. „Ich fühle mich gut – ich bin seit gestern Nachmittag aus der Haftung raus.“ Noch im Juni hatte er gegenüber der Politik betont: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich für Schäden, die durch diese Maßnahme dem Unternehmen und den Kundinnen und Kunden gegebenenfalls entstehen, jegliche Verantwortung und Haftung ablehne.“ Allein durch das umfangreiche Antragsverfahren entstünden den SWD jährliche Kosten im sechsstelligen Bereich – wofür unter dem Strich irgendwie trotzdem die Stadt aufkommt. Steigen die Kosten bei den SWD, fällt eben die Gewinnausschüttung an die Stadt geringer aus.

„Diese Anweisung kam für die Stadtwerke nach der Ratssitzung am 11. Juni ja nicht überraschend, deswegen wurde dort bereits mit vorbereitender Arbeit begonnen, es wird schon zusammengetragen, was zusammengetragen werden kann“, sagte Voigt. Aber auch dieser Prozess ziehe sich über Jahre, allein da in diesem Verfahren rund 40 Träger öffentlicher Belange mit einbezogen werden müssen. Wobei Jahnz sagte, dass er prüfen lassen will, ob es nicht verkürzte Verfahren gibt, sodass eine Entscheidung schneller vorliegt. Parallel dazu werde die Verwaltung den Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasser-Verband (OOWV) anschreiben, der derzeit Delmenhorst ebenfalls mit Wasser versorgt. „Die sollen uns mitteilen, was ein vorzeitiger Vertragsausstieg bedeutet“, sagte Jahnz.

Offensichtlich wird aber auch, dass es bislang politisch keinen Plan B gibt, falls in der Graft zukünftig kein Trinkwasser gehoben werden darf – das ist das Szenario, das Rechtsanwälte im Auftrag der SWD bereits vorhergesagt haben. Und auch der ehemalige Erste Stadtrat Gerd Linderkamp hatte stets betont, eine erneute Wasserförderung werde es in der Graft rein rechtlich nicht geben können.

Der letzte Teil des Ratsbeschlusses sah vor, dass die Stadt ein Oberflächenentwässerungskonzept erarbeiten lässt. Laut Jahnz sind drei Angebote von Ingenieurbüros eingeholt worden, jetzt muss nach Vergaberecht der Auftrag erteilt werden. Das soll aber nur in Abstimmung mit der Politik erfolgen. „Dann lassen wir ein Konzept zur Entwässerung erarbeiten“, sagte Jahnz. Und wieder war es ein Wörtchen, das aufhorchen ließ, denn bei ihm fehlte die „Oberfläche“ – was ein wenig so klingt, als solle etwas Größeres erstellt werden. Etwas, das doch den Charakter eines Plan B hat.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+