Delmenhorster Kommissar im Auslandseinsatz Stefan Habermann hat in Afghanistan Polizisten ausgebildet

Delmenhorst. Gegen Ende, kurz bevor Stefan Habermann endgültig von Afghanistan zurück nach Deutschland flog, erhielt er eine besondere Auszeichnung. Der 35-jährige Polizist und seine Kollegen wurden in den engsten Kreis der Dorfgemeinschaft aufgenommen.
17.02.2010, 20:00
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Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. Gegen Ende, kurz bevor Stefan Habermann endgültig von Afghanistan zurück nach Deutschland flog, erhielt er eine besondere Auszeichnung. 'Wir sind Ehrenmitglieder der Schura geworden', sagt der 35-Jährige, der deutsche Gesetzeshüter und seine Kollegen wurden also in den engsten Kreis der Dorfgemeinschaft aufgenommen. Zudem bekam er als Abschiedsgeschenk einen Chapan, diesen typischen afghanischen Mantel, wie ihn auch Präsident Hamid Karsai trägt, geschenkt. Habermann kam als Helfer, er ging als Freund.

15 Monate war der Kriminalkommissar in Afghanistan stationiert, hat mitgeholfen, einen funktionierenden Polizeiapparat aufzubauen. Vor allem in einem Distrikt bei Masar-i-Scharif war er tätig, hat täglich das Handwerkszeug eines Polizisten vermittelt, aber auch ganz einfach Aufbauhilfe geleistet. 'Man merkt schon, dass die Dankbarkeit der Afghanen sehr groß ist', sagt er. Immer wieder wurden die deutschen Polizisten wie Freunde in den Dörfern empfangen. 'Obwohl die Armut sehr groß ist, muss man sich manchmal wundern, was die einem alles auftischen. Da fragt man sich nur: Wo nehmen die das her?'

Lust auf eine Auslandsmission

Für Habermann war Afghanistan nicht die erste Auslandsmission, er war bereits für ein Jahr im Kosovo. 'Danach habe ich bei der Polizei studiert und war Polizist in Wildeshausen.' Seit 2007 arbeitet er in Delmenhorst, aber irgendwie hatte er wieder Lust aufs Ausland, auf fremde Länder, Kulturen, Menschen. Er bewarb sich für einen weiteren Einsatz, er dachte wieder an den Kosovo, doch dann war er von Oktober 2008 bis Dezember 2009 in Afghanistan.

Es war eine schöne Zeit, aber auch eine harte - psychisch und physisch. 'Die Witterungsbedingungen nehmen einen schon mit, im Sommer sind da um die 50 Grad', sagt er. Das allein macht einen fertig, wenn man dann noch 15 bis 20 Kilogramm Ausrüstung mit sich herumschleppt und täglich längere Zeit in einem brütend heißen, gepanzerten Wagen verbringt, kann das einen richtig fordern. Zusätzlich rebellieren Magen und Darm nicht nur ein Mal, wenn sie sich an das Essen und vor allem an das teils unsaubere Wasser gewöhnen sollen. 'Bei einigen klappt das, einige haben ständig Probleme.'

Dann kommt noch das Lagerleben dazu, leben im Container, auch wenn Habermann, als er seinen Aufenthalt nach den ersten drei Monaten noch einmal um ein Jahr verlängerte, einen Einzelcontainer bezog. 'Den braucht man auch, um sich nach einem Zwölf-Stunden-Tag mal zurückzuziehen.' Sonst droht der absolute Koller: Jeden Tag die gleichen Gesichter, jeden Tag die eintönige Landschaft, 'alles ist ocker- oder sandfarben', selbst die Häuser sind gelb, die Uniformen beige. Auch telefonieren und skypen mit Familie und Freunden hilft da nur bedingt. 'Aber ich war in der Zeit mehrmals für Urlaub zu Hause.'

Seine Arbeit in dem von vielen Kriegsjahren und der Terrorherrschaft der Taliban ausgezehrten Land bestand in den Grundlagen der deutschen Polizeiarbeit. 'Wir haben Tatort-Sicherung geübt, Spurensicherung, Berichte schreiben', erzählt Habermann. Alles nicht selbstverständlich, vor allem nicht, wenn die Zahl der zu unterrichtenden Analphabeten immer größer wird, je weiter man sich von der Hauptstadt Kabul entfernt. 'Da muss man natürlich einen größeren praktischen Anteil haben.'

Bei Masar-i-Scharif ist der deutsche Trupp, bestehend aus vier Polizisten und vier Feldjägern, nach dem von den Amerikanern entwickelten FDD-Programm (Focused District Development) vorgegangen. Habermann und seine Kollegen haben ein Jahr lang die Polizei in einem Gebiet, das 250 Quadratkilometer groß ist, ausgebildet, Strukturen geschaffen, der Bevölkerung beigebracht, was Polizeiarbeit für sie bedeutet. 'Dort gibt es 35 Dörfer mit 100000 Einwohnern - und 55 Polizisten', erzählt Habermann, verglichen mit Deutschland ist das nichts. 'Ein großer Erfolg ist, dass die Zahl der angezeigten Straftaten gestiegen ist.' Einmal, weil die Bevölkerung nun weiß, dass sie zur Polizei gehen kann. Und auch, weil die Polizei gelernt hat, vor Ort zu sein, Patrouille zu fahren, eine Sache, die die deutschen Polizisten ihren afghanischen Kollegen in mühsamer Kleinstarbeit nahe bringen mussten. 'Aber die kleinen Vergehen werden immer noch vom Dorfältesten geregelt', sagt Habermann, also den Männern, bei denen man vor allem Freund und weniger Helfer sein muss.

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