Mehr Kunden in Wildeshausen und Ahlhorn

Steigende Nachfrage bei Tafeln

Seit Jahren steigt die Zahl jener Menschen an, die auf Unterstützung der Tafeln angewiesen sind. Das zeigt sich auch im Landkreis Oldenburg und verschärft sich zunehmend.
01.04.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marie Lührs

Seit Jahren steigt die Zahl jener Menschen an, die auf Unterstützung der Tafeln angewiesen sind. Das zeigt sich auch im Landkreis Oldenburg und verschärft sich zunehmend.

Allein 339 Haushalte mit 814 Bewohnern nehmen aktuell die Hilfe der Tafel Wildeshausen in Anspruch, weitere 248 Haushalte mit 701 Bewohnern besuchen die Tafel in Ahlhorn. Ende 2015 waren es mit 297 und 225 Haushalten mit 701 und 613 Bewohnern noch deutlich weniger. Die wachsende Zahl der Asylsuchenden verstärke die Entwicklung, erklärt Peter Krönung, Vorsitzender der Wildeshauser Tafel.

Immer donnerstags zwischen 14 und 17 Uhr stehen auf dem Gelände der Diakonie Himmelsthür Bedürftige geduldig an, um preiswert Lebensmittel zu erhalten. Das Angebot steht dem im Supermarkt kaum nach: Von Brot, Obst, Gemüse und Fleisch über Fertiggerichte bis zu Getränken und Tiefkühlkost reicht das Sortiment – und darüber hinaus. Sogar Kaffeepulver, Cornflakes und Süßwaren finden sich in den Regalen. Die Lebensmittel seien von normaler Qualität und entgegen dem Klischee mit einem gültigen Mindesthaltbarkeitsdatum ausgezeichnet – das ist Peter Krönung bei einer Führung durch die Räume wichtig. „Es sind sehr wertige Artikel, die wir verkaufen“, erklärt er.

Teilweise seien es Produkte, die von Supermärkten und Fabriken als sogenannte B-Ware aussortiert wurden. Das können Konservendosen mit leichten Dellen oder fehlerhaften Etiketten sein, aber auch völlig unbeschädigte Verpackungen landen in den Regalen der Tafel. Ein aktuelles Beispiel, dass Krönung anführt, sind tiefgekühlte Schwarzwälderkirschtorten. Der Produzent spendete sie, da die Kirschen auf den Sahnestücken nicht wie gewünscht platziert waren. „Die Produkte werden uns fast aus den Händen gerissen“, meint Krönung. Bis zum Feierabend sei der Laden häufig nahezu leer geräumt. Dennoch sei stets genug für alle da.

14 Tonnen Lebensmittel wöchentlich ausgegeben

Etwa 14 Tonnen Lebensmittel werden pro Woche ausgegeben, schätzt Krönung. Die Kunden seien überwiegend Familien, nur wenige Rentner und Berufsanfänger seien darunter. In der Schlange vor der Ausgabe stehen auch viele Kinder, die ihren Eltern beim Tragen helfen. Von den gut 1500 aktiven angemeldeten Nutzern machen Erwachsene etwa zwei Drittel aus, ein gutes Drittel sind Kinder. Das Essen wird nicht kostenlos ausgegeben, für jeden Besucher ist ein Beitrag von ein bis zwei Euro fällig. „Das ist eine Art Schutzgebühr“, erklärt Krönung, außerdem gebe es den Menschen das Gefühl, keine Almosen zu empfangen. Den tatsächlichen Wert der gekauften Waren schätzt der Ehrenamtler auf etwa 35 Euro pro Kopf. „Wir sind keine Vollversorger, wir sind ergänzend tätig“, so sieht es Krönung.

Die Menschen, die bei der Tafel günstig ihre Lebensmittel erwerben, hätten so am Ende des Monats Geld für andere Investitionen übrig. Das seien beispielsweise einfache Dinge wie ein neues Paar Schuhe für die Kinder. Die meisten Kunden kämen alle 14 Tage. Bei der Tafel bekommen sie allerdings nicht nur Lebensmittel, sondern auch persönlichen Kontakt. „Wir sind da, machen unseren Job, aber wir reden auch mal mit den Leuten“, erklärt Krönung.

Im Keller des Gebäudes befindet sich das Lager. Dort stapeln sich palettenweise allerlei haltbare Lebensmittel, die Ehrenamtliche zuvor eingesammelt haben. „Es gibt einen festen Fahrplan für Wildeshausen und Umgebung“, erklärt Krönung, „die Fahrzeuge sind die ganze Woche unterwegs“. Mit den Transportern werden Discounter, Bäckereien, kleine Lebensmittelgeschäfte, Eierlieferanten und Großhändler angefahren. Das Sortiment werde palettenweise abgeholt und, wenn es sich anbietet, mit anderen Tafeln im Umkreis geteilt. „Wir leben im Speckgürtel der Lebensmittelindustrie“, das sei für die Wildeshauser Tafel ein klarer Vorteil, meint Krönung. Eine weitere Annehmlichkeit sei die gut gelingende Zusammenarbeit mit den Lebensmittelspendern: „Früher musste ich die Unternehmen anrufen – heute rufen sie mich an.“ Dennoch seien manche Lebensmittel gelegentlich knapp. So mangele es im Januar und Februar beispielsweise regelmäßig an frischem Obst und Gemüse. Für Peter Krönung gilt jedoch: „Wenn der Keller voll ist, bin ich zufrieden.“

Unzufriedenheit macht sich allerdings bei dem Gedanken an die Kraftfahrzeugsteuer breit, beklagt Krönung. Bei einem Besuch der Bundestagsabgeordneten Susanne Mittag trug der Vereinsvorsitzende dieses Problem an sie heran. Knapp 500 Euro müssten die Tafeln Wildeshausen und Ahlhorn jährlich für die Steuer ausgeben – eine Summe, die für den Verein eine deutliche Belastung darstelle. Eine Befreiung von diesem Kostenpunkt ist bereits für viele Fahrzeuge möglich, so hat es Krönung recherchiert. Krankenwagen und Schaustellerfahrzeugen bleibt die Steuer beispielsweise erspart. Nun ist es ihm und den anderen freiwilligen Helfern ein besonderes Anliegen, ebenfalls diese finanzielle Entlastung zu erfahren. „Das wäre eine gute Anerkennung für unsere Arbeit“, betont Krönung der Abgeordneten gegenüber. Mittag wolle sich dieser Sache annehmen, versprechen könne sie allerdings nichts.

Eine kleine Anerkennung gebe es bereits für engagierte Helfer. So bekomme jeder von ihnen nach einem Jahr Dienst eine Ehrenamtskarte, die ihnen in verschiedenen Bereichen Vergünstigungen ermöglicht. Freiwillige, die mit anpacken, Lebensmittel oder Geldspenden zur Verfügung stellen möchten, können sich im Internet auf www.wildeshauser-tafel.de informieren. „In Ahlhorn haben wir 21 und in Wildeshausen 71 freiwillige Helfer, denen wir sehr dankbar sind, dass sie mit Liebe und Freude dabei sind“, freut sich Krönung. Es sei jedoch ein Problem, dass es an Nachfolgern für ausscheidende Ehrenamtler mangele. Insbesondere in Anbetracht der wachsenden Zahl der Bedürftigen, ist die Tafel auf tatkräftige Unterstützung angewiesen.

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