Niederdeutsches Theater Delmenhorst

Temporeich und entstaubt

Das Ensemble des Niederdeutschen Theaters Delmenhorst hat eine gelungene Neuinszenierung des Klassikers „Keen Utkamen mit't Inkamen“ auf die Bühne gebracht. Vom begeisterten Publikum gab's dafür langen Applaus.
12.01.2020, 11:55
Lesedauer: 4 Min
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Von Heide Rethschulte
Temporeich und entstaubt

Strapazierten auf gekonnte Art das Zwerchfell der Zuschauer (von links): Heinrich Caspers als Rentner August Bodendiek und Horst Mahlstedt als Nachbar Fide Sprott.

INGO MOELLERS

Den Verantwortlichen des Niederdeutschen Theaters (NTD) sind bei der Spielplangestaltung und der Verpflichtung eines neuen Berufsregisseurs Glücksgriffe gelungen. Der Klassiker „Keen Utkamen mit't Inkamen“, den Fritz Wempner in den 1950er Jahren geschrieben hat, bescherte dem Premierenpublikum am Sonnabend im Kleinen Haus, wie von Profiregisseur Christoph Jacobi versprochen, einen Theaterabend, bei dem sie bestens unterhalten wurden.

Das lag zum einen daran, dass das Stück auf immer aktuellen Themen basiert. Zu geringe Rente, Generationenkonflikt und Nachbarschaftsstreit sind Dinge, die die Menschen wohl immer beschäftigen werden. Der große Erfolg wäre aber nicht möglich gewesen, wenn Jacobi der Vorlage nicht ordentlich mit dem Rotstift zu Leibe gerückt wäre. Der 49-Jährige, der, wie berichtet, aufgrund eines krankheitsbedingten Ausfalles kurzfristig verpflichtet worden war, strich alles, was den 50ern hätte zugeschrieben werden können, und legte eine moderne Fassung vor, die für viel Heiterkeit und Zwischenapplaus sorgte. Beides hätte es aber nicht gegeben, wenn das Ensemble nicht mit hohem Tempo die vielen schönen Regieideen präsentiert hätte. Da fiel es auch nicht ins Gewicht, dass die Premierennervosität für einige Texthänger sorgte. „Das Tempo war mir sehr wichtig, sonst wäre das ein alter Hut geworden“, sagte ein sichtlich zufriedener Christoph Jacobi nach der Premiere. Der Profi, der selbst über jede Menge Theatererfahrung verfügt, empfand das Premierenpublikum als Geschenk.

Es dauerte keine zwei Minuten, da war Stimmung im Saal. Das Stück begann bei nur wenig geöffnetem Vorhang mit einer Balkonszene. Heinrich Caspers agierte als Rentner August Bodendiek im Zusammenspiel mit seiner Ehefrau Ida (Brigitte Bauer) mit einem Temperament, das man bei ihm auf der Bühne selten erlebt hat. Die geringe Rente – „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“ – brachte ihn in Rage. Wenn er sich schon keine Zigarre leisten könne, so sei doch wenigstens das Schimpfen umsonst, ereiferte sich August. Vom Schimpfen machte er zur Freude der Zuschauer im dreiviertel gefüllten Saal in fast cholerischer Manier regen Gebrauch und warf dann in seinem Brass auch noch einer arglosen Passantin, die unter dem Balkon herlief, einen Blumentopf auf den Kopf.

Die junge Dame, die er getroffen hatte, war auf dem Weg zu Bodendieks. Lisa Franzen kam wegen der Anzeige, die August aufgegeben hatte. Mit der Untervermietung der Kammer wollte er die karge Rente aufbessern. Von da an nahmen die Verwicklungen, die durch überraschende Charaktere für unerwartete und witzige Situationen sorgten, ihren Lauf. Das waren diese Szenen, von denen Jacobi im Vorgespräch gesagt hatte, dass schöne Ideen in dem Stück steckten, die man nicht so oft zu sehen bekomme, und es charmant geschrieben sei.

Er selber hatte auch großen Anteil daran, dass das Publikum einen äußerst heiteren Abend verbringen durfte. Jacobi hatte mit dem Ensemble seit Mitte Oktober akribisch gearbeitet. Jeder der acht sichtbaren und der eine nur hörbare Charakter waren auf den Punkt herausgearbeitet. Heinrich Caspers brachte eine seiner besten Leistungen. Er zeigte viele Facetten des August Bodendiek und harmonierte sehr gut mit Brigitte Bauer. Sie gab Augusts Gattin mit ein wenig Zurückhaltung im Gegensatz zu Caspers, setzte ihre Akzente aber an genau den richtigen Stellen. Zu einem der Publikumslieblinge avancierte Horst Mahlstedt als Nachbar Fide Sprott, der von seiner Gattin Paula immer zum Beschweren zu Bodendieks runtergeschickt wurde. August und Fide, von Mahlstedt mit Augenzwinkern und ganz viel Spielfreude dargestellt, spielten dann bei offener Balkontür eine lautstarke Scharade für Paula – von Elga Eilers aus dem Hintergrund herrlich als keifende Alte geschrien, die man, auch ohne sie zu Gesicht zu bekommen, von Herzen verabscheute – und gönnten sich grinsend eine Zigarre.

Einen erfreulichen Einstand beim NTD feierte Neuzugang Lisa Reetz als junge Sekretärin Lisa Franzen. Litten ihre Auftritte vor der Pause aufgrund der Premierennervosität ein wenig darunter, dass sie zu schnell und daher einige Male unverständlich sprach, überzeugte sie schauspielerisch von Anfang an. Ebenso gelungen war der Einstand von Beate Dobe als Schauspielerin. Bisher als Maskenbildnerin hinter den Kulissen tätig, gab sie Lisas Mutter Gerry souverän.

Eine sehr eindrückliche Szene gelang Claus Deters als Helmut Jäger und Niklas Müller als sein Sohn Klaus. Müller schrie seinem Bühnenvater seine ganze Wut und Enttäuschung über gefühlte Nichtanerkennung und die Hochzeit des verwitweten Vaters mit Gerry Franzen mit großer Vehemenz entgegen. Deters hielt dagegen. Das war ebenfalls eine der Stärken der Inszenierung, dass sie bei allem Spaß den ernsten Hintergrund des Stückes nicht unterschlug. Müller überzeugte aber nicht nur als rebellischer Sohn, sondern auch als verliebter Jüngling.

Den Beweis, dass eine kleine Rolle große Wirkung haben kann, trat Marion Rose als Frau Bollmann an. Als Ehefrau von Lisas Chef hat sie Angst, dass ihr Mann sich in seine attraktive Sekretärin vergucken könnte. Um sie zu beruhigen, hat Lisa Mann und Kind erfunden. Die will Frau Bollmann, von Rose als Quasselstrippe ohne Punkt und Komma quatschend dargestellt, nun kennenlernen.

Am Ende gab es sehr langen Applaus für ein Stück, das sowohl mit seiner Aktualität, den Regieideen als auch mit einem überzeugenden und spielfreudigen Ensemble für einen schönen Theaterabend gesorgt hatte.

Karten für die zehn weiteren Vorstellungen des Komödienspaßes, die bis zum 1. März 2020 im Kleinen Haus über die Bühne gehen, gibt es im Kleinen Haus (Telefonnummer 0 42 21 / 1 65 65), online unter www.ntd-del.de sowie bei allen Vorverkaufsstellen von Nordwest-Ticket, also auch in der Geschäftsstelle des DELMENHORSTER KURIER, Lange Straße 41.

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