Katholische Kirche in Delmenhorst

Tiefer Einblick in eine verkrustete Kirche

Als „Schleichpfad“ und „unverbindlichg“ bezeichnete der Geistliche Markus Wonka den Synodalen Weg der katholischen Kirche. In Delmenhorst wurde er nun beschritten. Das Resultat klingt hoffnungslos.
11.03.2020, 13:27
Lesedauer: 4 Min
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Von Helmuth Riewe
Tiefer Einblick in eine verkrustete Kirche

Markus Wonka, Leiter Seelsorge im Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta, beschritt in St. Marien den Synodalen Weg.

INGO MÖLLERS

Delmenhorst. Als Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche haben sich die Deutsche Bischofskonferenz sowie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken zu einer mehrteiligen Gesprächsserie verabredet. Unter dem Titel „Synodaler Weg“ sollen in einem Zweijahreszeitraum Diskussionen zu den kircheninternen Dauerthemen Macht, Zölibat, Frauen in Ämtern sowie Ehe und Sexualmoral stattfinden. Auf einem Gesprächsforum am Dienstagabend im Gemeindehaus der St.-Marien-Gemeinde mit knapp 30 Teilnehmern war erkennbar, dass selbst im Kreise der aktiven Katholiken große Skepsis darüber herrscht, dass bei dieser groß publizierten Veranstaltung mehr als lediglich schöne Worte oder nichtssagende Papiere herauskommen können.

Auch der Referent des Abends, Markus Wonka, Leiter Seelsorge im Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta und selbst aktiv eingebunden in den Beraterkreis des „Synodalen Wegs“, mochte keine Erwartungen auf baldige Veränderungen in der verkrusteten Struktur der katholischen Kirche wecken. Stattdessen bemühte er sich, bei seinen Zuhörern womöglich vorhandene hochgesteckte Erwartungen zurückzuschrauben. In seinem kurzen Abriss zur Entstehungsgeschichte des „Synodalen Wegs“ verdeutlichte Wonka ungeschminkt, dass es sich um puren Realismus handelt, wenn zurzeit selbst bei frommen und aktiven katholische Kirchgängern die inhaltlichen Hoffnungen auf strukturelle Veränderung gegen Null tendieren.

Im Grunde, so Wonkas These, sei die Entscheidung zu dem „rechtlichen Nullum“ „Synodaler Weg“ eine verzweifelte Folge aus den niederschmetternden Ergebnissen der MHG-Studie (benannt nach den Untersuchungsorten Mannheim, Heidelberg und Gießen) zum Umfang des sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Amtsträger, die den Bischöfen 2018 auf einer Veranstaltung in Lingen vorgestellt worden war. „Nichts tun, ging nicht mehr, schließlich war die katholische Kirche bereits im Dauerkrisenmodus“, sagte Wonka. Katholikenzahl, Gottesdienstbesucher, Beerdigungen, Kirchensteuer – alles war seit Jahren rückläufig, und diese Negativentwicklung wurde noch angefacht durch den Missbrauchsskandal und die „angebliche“ goldene Badewanne des Bischofs von Limburg. Weiteres Schweigen würde Reformunfähigkeit bedeuten, verbunden mit einer Fortsetzung der Abwärtsspirale, zeigte die Analyse.

Doch zwei Faktoren standen einem solchen „Sprung nach vorn“ entgegen, wie Wonka erläuterte. Zum einen waren das die konservativen Teile des deutschen Katholizismus, die Reformen als „Anbiederung an den Zeitgeist“ geißelten, die den „Verlust des Heiligen“ befürchteten und vor einem Glaubensschwund warnten. Zum anderen waren es die strikt hierarchischen Strukturen der katholischen Kirche, die es den progressiveren Kräften schwer machten, Leben in den innerkatholischen Diskussionsprozess in Deutschland zu bringen. Zwar gebe es nach den Regeln des kirchlichen Rechts die Möglichkeit, regionale Synoden mit Entscheidungskompetenz auszustatten, erklärte Wonka. Doch dafür müssten deren Gesprächsthemen samt der dazu gehörenden Satzung vom Vatikan in Rom genehmigt werden. Erste Konsultationen hatten aber ergeben, dass diese vom Papst nicht akzeptiert worden wären.

So standen die wohlmeinenden Bischöfe um den Münchner Kardinal Reinhard Marx vor dem Dilemma, ein Format zu finden, in dem die vielen deutschen Katholiken auf den Nägeln brennenden Themen diskutiert und gleichzeitig das Gespräch zwischen Bischöfen und Laien „auf Augenhöhe“ angegangen werden könne. „Es ist nach einem Schleichpfad gesucht worden, der mit dem unverbindlichen ‚Synodalen Weg‘ gefunden wurde“, räumte Wonka ein. Selbst für diesen Kompromiss gebe es weiterhin Gegenwind. So habe der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki nach der ersten Sitzungsperiode Ende Januar/Anfang Februar 2020 geäußert, mit dem „Synodalen Weg“ drohe eine Protestantisierung der katholischen Kirche in der Bundesrepublik.

Bei solch hohen Hürden wirkte es am Dienstagabend erstaunlich, dass Wonka in dem laufenden Format dennoch die Chance auf das Aufbrechen von Verkrustungen sieht. Es komme nun darauf an, dass bis zum Herbst 2021 in den vier Arbeitsgruppen Papiere formuliert werden, die einerseits jeweils die Zustimmung von Zweidritteln der 230 Delegierten, der beteiligten Bischöfe sowie der beteiligten Frauen erhalten können, zugleich aber so viel Substanz zeigen, dass mit ihnen Veränderungsprozesse in Gang gesetzt werden können. Mit dem Hinweis auf eine kirchenrechtlich abgesicherte, lange zurückliegende Synode der deutschen Katholiken, die in den 1970er-Jahren immerhin 16 Voten nach Rom geschickt hatte, bremste Wonka aufkeimende Hoffnungen unter seinen Zuhörern aber selbst wieder aus. "Darauf hat es nie eine Antwort aus Rom gegeben”, teilte er mit.

Trost findet der katholische Theologe vor allem im Blick auf die lange Geschichte seiner Kirche, in der Bewegung oft erst in Jahrhunderten messbar geworden sei. Doch auf solch schwachen Zuspruch mochten sich seine Zuhörer nicht einlassen. Einer sagte: „Wir leben jetzt. Es wäre fatal, wenn das in die Hose geht. Es ist auch noch meine Kirche.“ Ein anderer assistierte: „Wir hier sind alle über 50 Jahre alt. Für die Jüngeren sind solche Themen ohnehin nicht mehr relevant.“ Dies bestätigte Wonka, der am Beispiel der katholischen Sexualmoral aufzeigte, wie weit sich seine Kirche von der gesellschaftlichen Realität entfernt habe. Bei diesem Thema sei die herrschende Lehre „ohne orientierende Kraft“. Vielmehr würde für eine kleine Gruppe eine „Elitenmoral“ gepredigt, was von einem eher „schwierigen Menschenbild“ zeuge.

Wonka fügte an, einer der beteiligten Bischöfe habe geäußert, am Ende des „Synodalen Wegs“ könne ein „deutliches Signal“ dadurch gesetzt werden, dass „Segnungsfeiern für homosexuelle Paare“ möglich werden. Doch wie solle das gehen, wenn gelebte Homosexualität nach offizieller Lehre Sünde sei, zeigte sich der Referent skeptisch. Rom werde sich da nicht bewegen. Und in den Ortskirchen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens werde die Legalisierung homosexueller Beziehungen ohnehin als „Zeichen des Niedergangs des Westens“ eingestuft.

Letztlich, resümierte Wonka, gehe an Veränderung jedoch kein Weg vorbei, wenn die katholische Kirche eine relevante Größe in der Gesellschaft bleiben wolle. Er jedenfalls befürworte nicht den „Rückzug in eine kleine Sektennische“. Vielmehr hoffe er, es gelinge seiner Kirche, eine zwar kleine und feine, aber doch laute Stimme in der Gesellschaft zu bleiben.

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