Vortragsabend im Hanse-Wissenschaftskolleg

Töne, die ein Bild ergeben

Eine herausfordernde Begegnung von Klangkunst und Wissenschaft: Pianistin Claudia Janet Birkholz und Hirnforscher Ben Godde brachten in ihrem Vortrag die Musik und Neurowissenschaft in einen Dialog.
06.07.2018, 20:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Mitternacht
Töne, die ein Bild ergeben

Die Pianistin Claudia Janet Birkholz und der Hirnforscher Ben Godde brachten in ihrem gemeinsamen Vortrag "Klang im Kopf" im Hanse-Wissenschaftskolleg Musik und Neurowissenschaft in einen Dialog.

INGO MöLLERS

Delmenhorst. Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir Musik hören? Um diese spannende Frage drehte sich ein ungewöhnlicher Vortragsabend am Donnerstag im Hörsaal des Hanse-Wissenschaftskollegs (HKW) am Lehmkuhlenbusch, wo Musik und Neurowissenschaft in einen Dialog traten. Pressereferentin Heidi Müller-Henicz freute sich, zu dieser besonderen Veranstaltung in Kooperation mit dem Bremer Verein Realtime – Forum Neue Musik „einige vertraute und viele neue Gesichter“ begrüßen zu dürfen. Mehr als 60 Zuhörer waren gekommen, um sich auf eine „moderierte Klangexkursion in Neue-Musik-Welten“ mitnehmen zu lassen. Dabei gab es für die Anwesenden weder einen durchgehenden, klassischen Konzertabend noch ging es um entspannten Musikgenuss. Im Gegenteil: Es waren hohe Aufmerksamkeit und aktive Mitarbeit gefordert, um „über Musik neue Aspekte in sich selbst zu entdecken“, wie Moderator Ralf Besser es formulierte. Ein Umweg, der sich durchaus lohnte und nach 90 abwechslungsreichen Minuten zu einem bereichernden Vergnügen führte.

„Schweigend“ mit einer vielsagenden Geste präsentierte Besser zu Beginn die Pianistin Claudia Janet Birkholz, die mit einem kleinen Ausschnitt aus den Variations sérieuses op. 54 von Felix Mendelssohn-Bartholdy das erste musikalische „Häppchen“ des Abends am Flügel zu Gehör brachte. Dieses Intro bediente nur kurz klassische Hörgewohnheiten, um sie gleich im Anschluss mit einer Variation der Variation zu durchbrechen und erstmals, wie es in der Ankündigung hieß, die Anwesenden „mit ihren Erwartungen zu konfrontieren“ und zu überraschen.

Begleitend zu den von Birkholz vorgetragenen Musikbeispielen klassischer und moderner Komponisten erläuterte Ben Godde von der Jacobs University Bremen die Vorgänge im Gehirn. So führte der Professor für Neurowissenschaften aus, dass beim Musikhören das Gehirn als Ganzes aktiv ist, da kein spezialisiertes Hirnareal für Musik existiert. Allerdings: „Das Gehirn kann nur wahrnehmen, was es kennt.“ Unbekannte Eindrücke rufen die analytische linke Hirnhälfte auf den Plan. Und die bekam bei den Anwesenden im Hörsaal noch einiges zu tun, denn die Abkehr von den herkömmlichen Hörgewohnheiten nahm im Laufe des Abends erfreulich zu und führte über Chopin und Schönberg zu zeitgenössischen Komponisten wie György Ligeti und Christoph Herndler. Chick Coreas Children's Song Nr. 4 sowie Brahms Händel-Variationen op. 24 kommentierten die theoretischen Zusammenhänge musikalisch, um sie für die Zuhörer nachvollziehbar und erfahrbar zu machen. Im Trialog mit Moderator und Musik verdeutlichte Godde mit visuellen Beispielen anhand der Gestaltgesetze der Wahrnehmung, wie unser Gehirn versucht, Muster zu ergänzen, ähnliche Strukturen zusammenzufassen oder als Einheit wahrzunehmen. „Man sieht, was gar nicht da ist.“ Dabei hilft unser sogenanntes Arbeitsgedächtnis, Strukturen wahrzunehmen und zu analysieren. Da das Gehirn gelernt hat, Kontinuität in der Natur wahrzunehmen, überträgt es dieses Wissen in alle Bereiche. Das heißt schlicht: „Musikhören ist Arbeit.“ Und erst recht, wenn – wie in der Neuen Musik – diese erwartete Kontinuität grundsätzlich durchbrochen, keine Muster, kein Wiederholungseffekt geboten wird, während wir als Hörer oft vergeblich versuchen, Muster zu finden und zu analysieren, „neue Naturgesetze in Klangbildern finden wollen“, wie Godde es ausdrückte. Moderator und Hirnforscher betonen aber einmütig: "Wir sind einfach nur wenig gewohnt, solche Musik zu hören, können es aber lernen, indem wir uns auf andere Ebenen des Hörens einlassen."

Als besonderer Höhepunkt des Abends darf in dieser Hinsicht die Präsentation von Birkholz eigener Komposition „Printmusic für Präpariertes Klavier und Zuspiel“ von 2011 gelten. Dabei verwandelte sich mit wenigen technischen Manipulationen der vor aller Augen unveränderte Flügel akustisch in ein völlig anderes Instrument, fungierte als Saitenspiel, tönte plötzlich als Gong oder mittels einer angeknoteten Schnur wie Donnergrollen. Im Zuspiel erklangen alltagsmusikalische Töne eines Fahrkartenautomaten, eines Druckers und einer Kaffeemaschine. Mit Ligetis „L'escalier du diable“, also der Teufelstreppe, endete in furiosen Tönen ein Abend, der auch noch im Anschluss für reichlich Diskussionsstoff zwischen Zuhörern und Vortragenden sorgte, während draußen am Lehmkuhlenbusch fast unbemerkt ein Hase über den Rasen hoppelte – unbekümmert, unbeeindruckt und nahezu klanglos.

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