Üben wie im Videospiel Trainingsgerät für Schlüsselloch-Chirurgie

Delmenhorst. Für die anspruchsvolle Schlüsselloch-Chirurgie braucht es besondere Fertigkeiten. Rund 70 Prozent der Operationen am Klinikum werden mit dieser Methode vorgenommen. Darauf reagiert das Krankenhaus jetzt verstärkt in der Ausbildung.
14.08.2014, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Marco Julius

Für die anspruchsvolle Schlüsselloch-Chirurgie, bei der nur noch winzige Schnitte vorgenommen werden, braucht es besondere Fertigkeiten. Rund 70 Prozent der Operationen am Klinikum werden bereits mit dieser Methode vorgenommen. Darauf reagiert das Krankenhaus jetzt auch verstärkt in der Ausbildung.

Sie hat Ähnlichkeit mit einem Videospiel, macht ähnlich viel Spaß – und hat doch einen ernsten Hintergrund: die „Lübecker Toolbox“, eine Trainingsstation für junge Ärzte, die jetzt im Klinikum Delmenhorst den Nachwuchs schulen soll. Die Idee zur Anschaffung der „Lübecker Toolbox“ hatte Professor Dr. Stefan Farke, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, zuständig für alle Bauchorgane der Patienten: „An der Trainingsstation können unsere Assistenzärzte, aber natürlich auch alle anderen Kollegen, ressourcenschonend verschiedene Techniken der minimal invasiven Chirurgie üben. Dies ist ein enormer Gewinn für die in Ausbildung befindlichen Ärzte, aber vor allem auch für die qualitativ hochwertige chirurgische Versorgung unserer Patienten.“

Entwickelt wurde die Toolbox von Ärzten der Uniklinik Lübeck, um anhand eines vorgegebenen Trainings Basisfertigkeiten der sogenannten Schlüsselloch-Chirurgie zu vermitteln. „Statt langer Schnitte, die dementsprechend lange Narben hinterlassen, werden bei diesem Verfahren nur noch minimale Schnitte gemacht“, erläutert Farke. Rund 70 Prozent der Operationen am Klinikum werden bereits so ausgeführt. Schnitte – so klein wie ein Schlüsselloch: Durch sie kann über eine Hülse das filigrane Operationsbesteck eingeführt werden, das für den jeweiligen Eingriff nötig ist. Neben den Instrumenten wird auch eine Mini-Kamera eingeführt, denn im Gegensatz zur herkömmlichen Operation sieht der Chirurg das Operationsfeld bei der Schlüsselloch-Operation nicht unmittelbar vor sich, sondern über einen Bildschirm.

Dieses Verfahren habe sich nicht nur etabliert, sondern werde künftig noch mehr in den Fokus rücken, ist Farke überzeugt. Das fordere von Ärzten ganz andere Fertigkeiten. „Das müssen wir dementsprechend in der Ausbildung berücksichtigen“, sagt der Professor. Die 2000 Euro Anschaffungskosten – „ein bezahlbares System“ – sieht Farke gut angelegt. Gallenblase, Blinddarm, Leistenbruch, Dickdarm, auch Leberoperationen: die Schlüsselloch-Methode ist vielseitig einsetzbar. „Die Schlüsselloch-OP ist dabei kein Zirkuskunststück. Sie ist in den meisten Fällen einfach der bessere Weg“, sagt Farke.

Die Toolbox stelle ein Gesamtkonzept dar, bestehend aus einer Trainingsbox mit integrierter Kamera, vier Modulen mit sechs Übungen, versehen mit strikten Zielvorgaben, der Darstellung eines effektiven Trainingsablaufs und didaktischem Videomaterial. Der spielerische Charakter des Trainings wecke den Ehrgeiz und mache zudem Spaß, sagt Farke. Da man auch Bestzeiten vergleichen könne, entwickle sich durchaus ein Wettbewerb, denn im Gegensatz zur echten OP, wo es nicht auf Temporekorde ankomme, lasse sich das Ergebnis der Toolbox messen und vergleichen.

Wer die sechs Übungen beherrscht, könne zwar noch nicht operieren, hat aber gewisse Fingerfertigkeiten erlernt, die es brauche – etwa für Schneiden und Nähen, aber auch im Umgang mit den Instrumenten allgemein. „Zum Beispiel trainiert die Toolbox die Auge-Hand-Koordination, denn genau wie bei der Schlüsselloch-OP sieht der Assistenzarzt an der Toolbox alles nur über die Kamera und den Bildschirm“, erläutert Farke. Die Experten aus Lübeck gehen davon aus, dass man fünf bis sechs Wochen täglich zwei Stunden üben muss, um alle sechs Module auf Expertenlevel zu beherrschen. Danach erst beginnen dann OP-Kurse, in denen zunächst auch „nur“ simuliert wird. „Wer lernen will, freihändig Fahrrad zu fahren, erlernt ja auch erst einmal das Fahrradfahren an sich.“

Noch ist das Üben mit der Toolbox nicht Pflicht in der Ausbildung. „Früher hat man das Operieren allein durch Zuschauen und Mitmachen erlernt, die Toolbox hilft dabei, die Basis jetzt auch mit praktischen Übungen zu erlernen“, sagt Farke. Die Box beschleunige die Ausbildung, spare dadurch Ressourcen, bringe die Schlüsselloch- Chirurgie weiter voran und könne langfristig einen Beitrag für eine gute chirurgische Versorgung der Patienten leisten. Dass das Üben, wie beim Videospiel, auch noch Spaß mache, erhöhe den Lerneffekt.

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