Eine lange Warteliste

Knapp 800 Kinder ohne Kita-Platz in Delmenhorst

Delmenhorst kann dem Rechtsanspruch vieler Eltern auf einen Betreuungsplatz für ihr Kind nicht gerecht werden. Der Ausbau der Kita-Plätze kommt für den aktuellen Jahrgang zu spät.
01.06.2020, 22:17
Lesedauer: 5 Min
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Knapp 800 Kinder ohne Kita-Platz in Delmenhorst
Von Annika Lütje
Knapp 800 Kinder ohne Kita-Platz in Delmenhorst

Diese Kinder dürfen sich freuen, sie haben einen Kita-Platz. Hunderte Mädchen und Jungen werden in diesem Jahr aber leer ausgehen.

Ingo Möllers

Es gibt Wartelisten, auf die man sich gerne setzen lässt – weil sie Spaß in Aussicht stellen und es kein Beinbruch ist, wenn es dann doch nicht klappt. Und es gibt Wartelisten, bei denen es um sehr viel mehr geht. Die Warteliste für die Krippen- und Kindergartenplätze ist so eine Liste. Und in diesem Jahr ist sie in Delmenhorst besonders lang. Im Krippenbereich stehen zum Stichtag 1. August gleich 213 Kinder mit Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz auf dieser Warteliste. Im Kindergartenbereich sind es 570 Kinder ohne einen Betreuungsplatz. Das ist einer Beschlussvorlage des Jugendhilfeausschusses zu entnehmen, der am Mittwoch, 3. Juni, zu diesem Thema tagen wird.

Es sind also 783 Kinder, die nur hoffen können, dass sie auf der Liste Stück für Stück so weit nach oben rutschen, dass sie doch noch in die Kita dürfen – so, wie es sich ihre Eltern für sie wünschen, damit sie soziale Kompetenzen erlernen und zusammen mit anderen Kindern die Welt entdecken können. Dahinter stehen etliche Elternteile, die mithilfe eines Betreuungsplatzes für ihr Kind in den Beruf zurückkehren möchten. Oft sind dies Frauen. Sie haben gute Gründe: Das Einkommen und ein Leben außerhalb des Mikrokosmos Familie sind nur zwei davon.

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Selbst wenn alle 156 Betreuungsplätze der sogenannten Flexikinder – die zum kommenden Schuljahr angemeldet werden können, aber nicht müssen – frei würden, würde das nur bedingt helfen. Zwar könnten dann mehr Kinder aus der Krippe in den Kindergarten weiterrücken, wodurch wiederum Krippenplätze frei würden, doch es wären einfach nicht genug. Und durch die Corona-Pandemie haben sich die Schuluntersuchungen im Gesundheitsamt verzögert, wodurch sich auch die Entscheidungen der Eltern der Flexikinder für oder gegen den Schulbesuch hinauszögern. Erst dieser Tage wird in den Kitas nachgefragt, wie viele Flexikinder dort bleiben.

„Das war so nicht abzusehen“

Doch woher kommt dieser hohe Bedarf an Betreuungsplätzen? "Wir spüren jetzt die geburtenstarken Jahrgänge. Aber auch sehr viele Flüchtlingsfamilien, die aus ihrer Heimat so ein Betreuungsangebot gar nicht kannten, möchten nun diese Plätze in Anspruch nehmen", erklärt Gerd Galwas, Leiter des Fachdienstes Kindertagesbetreuung. „Das war so nicht abzusehen“, ergänzt er. Aber auch der Fachkräftemangel wirke sich hier aus. So hat die Kindertagesstätte St. Marien vorübergehend aufgrund dessen die Delko-Gruppe geschlossen und eine zusätzliche Nachmittagsgruppe im Waldorf-Kindergarten konnte nicht eröffnet werden. Zurzeit sind 30 Stellen in den Kindertagesstätten unbesetzt.

Wie wird nun verfahren? „Natürlich haben alle diese Kinder einen Rechtsanspruch. Aber wir schauen auch, wie der individuelle Bedarf ist“, erzählt Galwas. Und weiter: „Bei der Platzvergabe fokussieren wir uns zunächst auf berufstätige Eltern, Familien mit Problemlagen und auf Kinder mit Förderbedarf.“ Zudem sei in der Platzbelegung noch bis August eine gewisse Bewegung. Es gebe immer Eltern, die doch wieder absagen, weil sie beispielsweise keinen Platz in ihrer Wunschkita bekommen haben oder ihr Kind doch noch nicht so früh in die Betreuung geben möchten. „Und wir schauen nach alternativen Betreuungmöglichkeiten durch Tagesmütter oder Großeltern“, sagt Galwas. Doch eines steht für ihn fest: „Wir werden im kommenden Kita-Jahr nicht alle Kinder betreuen können.“

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Deshalb hat der Fachbereich Kindertagesbetreuung auch ein Ideenpapier vorgelegt, wie der Kita-Ausbau weiter vorangetrieben werden könnte – sofern es der städtische Haushalt und die vorhandene Zahl der Mitarbeiter zulassen. In der Bedarfsplanung für die Jahre 2020 bis 2026 ist für den Krippenbereich sowieso die Schaffung von 16 Krippengruppen und 165 Tagespflegeplätzen vorgesehen. Und auch für die Drei- bis Sechsjährigen sind für die Jahre ab 2021 jährliche Neubauten und Neuinbetriebnahmen von Kindertagesstätten mit jeweils 68 oder 65 Kindergartenplätzen eingeplant.

Stadt investiert Millionen

Doch das reicht nicht, es muss mehr passieren. „Neben den geplanten Kindertagesstätten Moorkamp und Schreberstraße sollten weitere Ein­richtungen kurzfristig geplant und erbaut werden“, heißt es in der Beschlussvorlage. So soll in Stickgras ein serielles Bauen erwogen werden. Die Investitionskosten werden pro Kita mit rund 4.500.000 Euro veranschlagt, die jährlichen Betriebskosten mit etwa 750.000 Euro. Zudem wird der Bau einer Kindertagesstätte an der Westfalenstraße durch einen Investor vorgeschlagen, der mit geschätzten 950.000 Euro an jährlichen Betriebskosten inklusive Mietkosten zu Buche schlagen würde. Des Weiteren soll über den Bau zusätzlicher Kitas – ebenfalls möglichst durch Investoren – an alternativen Standorten nachgedacht werden. Hier würden pro Kita ebenfalls rund 950.000 Euro an Betriebskosten einschließlich Miete anfallen.

„Das Problem mit dem Ausbau ist, dass damit vieles verbunden ist. Wir müssen dafür auch die Mitarbeiter haben, die das planen, und die ausführenden Firmen, die das bauen. Und schließlich brauchen wir in den Kitas auch die nötigen Fachkräfte, die die Kinder betreuen. Und das ist ein Problem“, sagt Galwas. Laut der Beschlussvorlage werden für neu zu schaffende Kindertagesstätten jährlich etwa 20 zusätzliche pädagogische Mitarbeiter benötigt. Hinsichtlich der Ausbauplanung bis 2026 entspricht das rund 105 pädagogischen Fachkräften. Hinzu kommt der Bedarf an Mitarbeitern, die Kollegen ersetzen müssen, die aus Altersgründen aus dem Berufsleben ausscheiden.

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Darum müssen laut Galwas unbedingt die Bedingungen der angehenden und bereits tätigen Erzieher verbessert werden. Anreize sollen geschaffen werden, damit sie auch in Delmenhorster Einrich­tungen tätig werden oder sein wollen. Laut der Beschlussvorlage können wegen der tariflichen Bindung lediglich die Rahmenbedin­gungen verbessert werden. So könne man Möglichkeiten für Supervisionen schaffen, was pro Einrichtung jährlich 2500 Euro kosten würde (zusätzliche Kosten pro Jahr: 65.000 Euro). Zudem soll über eine Aufstockung der Mittel für Fortbildungen von derzeit jährlich 100 Euro auf 200 Euro pro Mitarbeiter nachgedacht werden (zusätzliche Kosten pro Jahr: rund 34 000 Euro).

Weitere Möglichkeiten wären eine Erhöhung der Vor- und Nachbereitungszeiten für alle pädagogischen Fach­kräfte von derzeit siebeneinhalb Wochenstunden pro Gruppe auf neun Wochen­stun­den (Kosten: etwa 230.000 Euro), gesundheitsfördernde Maßnahmen wie zum Beispiel Fitnessangebote (zusätzliche Kosten pro Jahr: rund 20.000 Euro) und der Einsatz zusätzlicher Fachkräfte in allen Einrichtungen, beispielsweise von Heilpädagogen (zusätzliche Kosten pro zusätzlichem Mitarbeiter etwa 57.000 Euro; bei derzeit 27 Einrichtungen insgesamt rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr).

Auch Kindertagespflege im Aufbau

Auch in der Kindertagespflege müsse über den Aufbau eines erhöhten Angebotes nachgedacht werden. Hier seien die Qualifizierung und Akquise neuer Tagespflegepersonen sowie eine Erhöhung der Stundensätze nötig. Zudem könne die Stadt Räume anmieten und diese interessierten Kindertagespflegepersonen ohne eigene Räumlichkeiten anbieten. Im Rahmen des Neubaus des Krankenhauses könnten Räume für eine betriebliche Großtagespflegestelle zur Betreuung von Kindern der Krankenhausmitarbeiter eingeplant werden. Das gleiche gilt für die Bundeswehr. Und die Grundschule Hasbergen soll dahingehend überprüft werden, ob dort eine ländlich gelegene Großtagespflegestelle eingerichtet werden kann. Und schließlich sollte bei jedem geplanten Erweiterungsbau einer Grundschule die Einrichtung einer Großtagespflegestelle geprüft werden.

Letztlich sind all das sinnvolle Pläne. Doch in diesem Kita-Jahr bringen sie keinem Kind auf der Warteliste etwas. Und dabei ist zu beachten, dass für die Kinderbetreuung unter sechs Jahren ein Rechtsanspruch besteht. Alle Eltern, die keinen Betreuungsplatz bekommen, haben die Möglichkeit, gegen die Stadt Delmenhorst zu klagen und für finanzielle Einkommensverluste Ersatzansprüche geltend zu machen.

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