Für die Neuansiedlung der Harries-Mühle ist in knapp zwei Wochen das Silo-Gebäude emporgewachsen

Turmbau an der Haferflockenabfahrt

Groß Ippener. Rund 1000 Betonmischer werden am Ende voll in die Robert-Bosch-Straße hineingefahren und leer wieder herausgekommen sein. „Ich finde das auch relativ viel“, sagt Florian Harries, Chef des Mühlenwerks, das derzeit im Gewerbe- und Industriegebiet Groß Ippener entsteht.
03.12.2016, 00:00
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Von Ute Winsemann
Turmbau an der Haferflockenabfahrt

Mühlen-Chef Florian Harries und Betriebsleiter Stefan Hopmann vor dem Rohbau des Siloturms im Gewerbegebiet Groß Ippener. In 32 Metern Höhe ist die Gleitschalung zu sehen.

INGO MOELLERS

Groß Ippener. Rund 1000 Betonmischer werden am Ende voll in die Robert-Bosch-Straße hineingefahren und leer wieder herausgekommen sein. „Ich finde das auch relativ viel“, sagt Florian Harries, Chef des Mühlenwerks, das derzeit im Gewerbe- und Industriegebiet Groß Ippener entsteht. Aber solche Mengen kommen bei einem Projekt dieser Größenordnung schnell zusammen. Allein im Fundament stecken 2000 Kubikmeter Beton und 400 Tonnen Bewehrungsstahl, wie Harries am gestrigen Freitag bei einer Baustellenbesichtigung vor Vertretern der Gemeinde Groß Ippener, der Samtgemeinde Harpstedt und der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises (WLO) sowie der Presse berichtete. Unter dem Silo sei die Platte 2,5 Meter dick, ergänzte Betriebsleiter Stefan Hopmann.

Noch bis vor zwei Wochen war auf dem knapp 9000 Quadratmeter großen Grundstück neben einem Geschäftsgebäude und einer etwa 1000 Quadratmeter großen Halle, die Harries beide vom Vorbesitzer übernommen hat, nicht viel mehr zu sehen als eben diese Bodenplatte. Doch nun ragt der Silo-Turm schon 32 Meter hoch in den Himmel. Er sei innerhalb von nur 13 Tagen mithilfe einer sogenannten Gleitschalung buchstäblich hochgezogen worden, schilderte Harries: Die Verschalung fungierte als riesige Gussform, die von oben nach und nach mit Beton gefüllt wurde. Da besonders schnell härtendes Material verwendet wurde, war der unterste Teil schon trocken, wenn sich die Füllung oben allmählich dem Rand näherte. So konnte das etwa zwei Meter hohe Profil immer weiter nach oben gehievt werden, und die Wände wuchsen pro Tag um bis zu drei Meter. Die letzte Schicht sei am Donnerstag fertig geworden, sagte Harries, bei dem Ortstermin war die Verschalung noch am oberen Rand zu sehen.

Die volle Höhe ist damit aber noch nicht erreicht. Insgesamt werde das Mühlengebäude 37 Meter hoch, kündigte Harries an. Und dazu kämen noch weitere fünf Meter für Kamine und Schornsteine.

Diese Maße seien auch einer der ausschlaggebenden Gründe für die Standortentscheidung gewesen, erklärte Harries. Denn für die Fläche stehen keinerlei Höhenbegrenzungen im Bebauungsplan. Darüber hinaus stimmten auch die Maße in der Ebene: Das Eckgrundstück sei groß genug, eine Umfahrt einzurichten, Lastwagen könnten das Werk über die Robert-Bosch-Straße ansteuern und über die Straße Am Gewerbegebiet wieder verlassen. „Da muss kein Anlieferer oder Abholer drehen, wenden oder rangieren“, sagte Harries. Auch nicht, wenn die Mühle, wie erhofft, künftig noch wachsen sollte. Denn auch Erweiterungspotenzial sei ausreichend vorhanden.

Noch wichtiger als diese Voraussetzungen war aber wohl eine weitere: „Da es sich um ein Industriegebiet handelt, können wir hier rund um die Uhr produzieren.“ Von Anfang an solle in drei Schichten gearbeitet werden, sagte Harries. Erst einmal in einer Fünf-Tage-Woche, die von Montagmittag bis Sonnabendmittag dauern werde. Aber bei Bedarf habe auch ein Antrag auf eine Sieben-Tage-Woche gute Genehmigungs-Chancen, meinte Harries. Er habe ihn nur noch nicht gestellt, weil es vorerst nicht nötig sei und die Bearbeitung wohl recht lange dauern solle. Da sei es ihm wichtiger gewesen, all das, was es für den Start brauche, rechtzeitig vorliegen zu haben.

In dem Zusammenhang zeigte sich der Mühlen-Chef „überaus beeindruckt“ von der Unterstützung durch die Gemeinde, die Samtgemeinde, den Landkreis und die WLO. Anträge, Gutachten und ähnliches seien „total unproblematisch“ gewesen, lobte Harries. Und die Baugenehmigung hätte er theoretisch innerhalb von drei Monaten bekommen können – wenn die statischen Berechnungen nicht länger gedauert hätten.

Darüber hinaus hätten Bürgermeister und WLO ihn überhaupt erst auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, eine „einzelbetriebliche Investitionsförderung“ des Landes in Anspruch zu nehmen. An der Gesamtinvestition, die „zehn Millionen Euro übersteigt“, beteiligt sich die öffentliche Hand mit zwei Millionen Euro. „Wir haben den Standort aber nicht deswegen ausgewählt“, betonte Harries. Wenn die anderen Bedingungen gepasst hätten, hätten sie die neue Mühle beispielsweise auch in der – außerhalb des Fördergebiets liegenden – Gemeinde Stuhr errichtet.

In deren Ortsteil Moordeich steht noch die alte, nicht einmal halb so hohe Harries-Mühle, der die „Haferflockenkreuzung“ ihren volkstümlichen Namen verdankt. Florian Harries legt allerdings Wert auf eine klare Abgrenzung: Das künftige „Harries Schälmühlenwerk“ in Groß Ippener sei seine Sache, der bestehende Betrieb dagegen die seines Vaters Heinz-Dieter Harries. Was den Junior, der auch Prokurist der alten Firma ist, allerdings nicht daran hindert, den Rufnamen „Harries-Mühle“ zu übernehmen und auch im neuen Logo die etablierte Werbung „natürlich Vollkorn-Qualität“ mit dem Zusatz „seit 1912“ zu versehen.

Konkurrenz machen werden sich die beiden Unternehmen ohnehin nicht: Der Betrieb in Stuhr werde „liquidiert“, kündigte Florian Harries an, näher wollte er sich dazu nicht äußern. Allen 27 Vollzeit-Beschäftigten werde er Übernahmeangebote machen. 20 Vollzeit-Arbeitsplätze muss er ohnehin mindestens auf die nächsten 20 Jahre vorhalten, das war die wichtigste Förder-Bedingung. Das werde aber wahrscheinlich nicht reichen, meinte der Müllermeister, Müllereitechniker und Kaufmann. Von Beginn an rechnet er mit einem Bedarf bis zu 30 Köpfen und setzt darauf, den Personalbestand später noch ausweiten zu können.

Insbesondere wolle er auch die Ausbildung forcieren: „Wir haben hier Super-Möglichkeiten, verschiedene Bereiche abzudecken“, sagte Florian Harries. Bei ihm sollen Müller ebenso in die Lehre gehen können wie Groß- und Außenhandelskaufleute und Fachkräfte für Lagerlogistik, letztere eventuell auch in Form eines dualen Studiengangs. Nur die Schlosserei lasse sich vorerst nicht einbinden, weil dafür kein Meister zur Verfügung stehe, meinte Harries, aber vielleicht lasse sich da etwas in Richtung Maschinen- und Anlagenführer hinbekommen. Bislang bilden nach seinen Angaben allerdings nur er selbst und Betriebsleiter Hopmann die Belegschaft.

Denn die meisten Arbeitskräfte werden erst mit Anlaufen der Produktion gebraucht. Im nächsten August oder September soll es soweit sein – jedenfalls, wenn der Winter keine Bau-Pause nötig macht. Zu 80 Prozent werde das Werk Hafer verarbeiten, sagte Florian Harries. Daneben sollen auch Gerste, Roggen, Weizen, Triticale, Dinkel und „alles, was man flockieren kann,“ durch die Mühlen laufen. Mit Abstand das wichtigste Produkt seien Haferflocken, ob kernig oder zart, vorwiegend für die Lebensmittelindustrie. „Was uns für die Region auszeichnet,“ sei darüber hinaus die Hafergrütze, etwa für Knipp oder Pinkel, die aber nur rund fünf Prozent des Umsatzes ausmachen werde.

Der Bürgermeister von Groß Ippener, Georg Drube, freute sich über die Ansiedlung, die an die Tradition der einstigen Gralheerschen Mühle anknüpfe. Sie war in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts abgebrannt. Drubes Stellvertreter Stefan Pleus hob hervor, dass es ein Familienunternehmen sei, das so viel Geld in die Hand nehme, „da sagt man nicht morgen, ich geh' mal wieder“. Und Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse bezeichnete die Mühle als „Leuchtturm“, der nicht zuletzt von der Autobahn auf das Gewerbegebiet aufmerksam mache. „Vielleicht spricht man ja bald von der ,Haferflockenabfahrt'.“

„Wir können hier rund um die Uhr produzieren.“ Florian Harries
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