Orgel sorgt für direktes Spielgefühl

Erfüllt von konzertanter Fröhlichkeit

Orgel der Lutherkirche in Delmenhorst-Stickgras überzeugt mit ihrer mechanischen Traktur.
11.04.2021, 17:54
Lesedauer: 7 Min
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Von Günter Matysiak
Erfüllt von konzertanter Fröhlichkeit

Sabine Wottke-Pries ist seit 1989 Organistin der Luther-Kirche und nennt die Orgel, die sie in der langen Zeit spürbar liebgewonnen hat, gerade wegen ihrer Vielseitigkeit „meine Lieblingsorgel“.

Ingo Möllers

. „…, die orgl ist doch in meinen augen und ohren der könig aller instrumenten.“ schreibt Mozart in einem Brief an seinen Vater Leopold vom „18.octob: 1777“ über die Orgel, die wir „Königin der Instrumente“ nennen. Mozart, der übrigens drei kleine Meisterwerke „für ein Orgelwerk in einer Uhr“ komponiert hat, hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Orgel. Einige Briefzeilen später schreibt er nämlich, sie sei seine „passion“, weiß gleich darauf aber zu berichten, dass der Klang der Orgel ohne „effect“ sei, „ keine douceur, keine Expreßion, kein piano, noch forte statt- findet, sondern immer alles gleich fortgehet…“

Da möchte man doch glatt den Sprung wagen aus Mozarts Salzburger Kirche zur Stickgraser Lutherkirche und einwenden, er kenne eben Lutherkirchen-Organistin Sabine Wottke-Pries und ihre Orgel nicht. Sie würden ihn eines Besseren belehren.

Von der Lutherkirchen- Orgel soll hier zuerst die Rede sein. Sie wurde 1969 gebaut und stammt aus der Werkstatt des Göttinger Orgelbauers Paul Ott. Die Firma existierte bis 2010 und war eine der führenden Orgelwerkstätten Deutschlands. Ott übernahm früh die Ideen der sogenannten „Orgelbewegung“ der zwanziger Jahre mit ihrer Abkehr vom „singenden“ romantischen Orgelklang hin zu einem „sprechenden“ Klang, wie ihn die barocken Orgeln besaßen. Auch wandte er sich ab von der elektropneumatischen Traktur hin zur rein mechanischen Traktur. Die rein mechanische Verbindung der Tasten zum Öffnungs-und Schließvorgang der Pfeifen sorgt für einen direkten Kontakt des Fingers zur Tonerzeugung und für ein sehr direktes Spielgefühl. Der elektrifizierte Spielapparat hingegen schafft hingegen sogar eine minimale zeitliche Distanz zwischen Tastenanschlag und Tonentstehung. Im Laufe der Jahre gab es in der Werkstatt Ott aber einen Gegenentwurf zur puristischen Orgel hin zu einer Orgel, die auch dem „singenden“ Klangideal nahe war. Eine solche Orgel, „eine Orgel, die alles kann“ ist die Ott-Orgel in der Luther-Kirche. Sie besitzt zwei Manuale und Pedal für Hauptwerk, Brustwerk und Pedalwerk, ihre 21 Register verfügen über 1942 Pfeifen. Ein zuerst geplantes drittes Manual, wurde dann wegen der hohen Kosten nicht gebaut. Die drei Orgelwerke sind in einem Gehäuse untergebracht , das nicht, wie meistens der Fall, im Rücken der Gemeinde auf einer Empore , sondern rechts an der Altarwand steht. So ist der Organist als Musiker gegenwärtig, was der Nähe der Gemeinde zur Musik im Gottesdienst und im Orgelkonzert nutzt.

Sabine Wottke-Pries ist seit 1989 Organistin der Luther-Kirche und nennt die Orgel, die sie in der langen Zeit spürbar liebgewonnen hat, gerade wegen ihrer Vielseitigkeit „meine Lieblingsorgel“. Einen Lieblingsklang hat sie anscheinend auch, lässt sie doch ganz spielerisch ein Fagottregister mit Tremulant vibrierend durch den Raum schallen. Wenn Mozart bei der Orgel „effect“ und „expreßion“ vermisste , dann hat Sabine Wottke-Pries , wenn sie von ihren liebsten Orgelwerken spricht, für sich die Fröhlichkeit als überraschende „Expression“ entdeckt. Sind doch Fröhlichkeit und Orgelmusik nicht unbedingt ein geläufiges Begriffspaar. Und die Romantik, die die Organistin als ihr bevorzugtes Terrain nennt, tendiert ja auch gerne zu Schuberts Ausspruch „er wisse von keiner fröhlichen Musik.“ Auch Johann Sebastian Bach wird wohl nicht spontan mit Fröhlichkeit in Verbindung gebracht. Aber Sabine Wottke-Pries gelingt es wirklich, Bachs großes „Präludium und Fuge Es-Dur“ mit konzertanter Fröhlichkeit zu erfüllen. Auch die monumentale F-Dur Toccata und Fuge gehört zu ihren Lieblingstücken, wie überhaupt die großen Orgelwerke des Barockmeisters. Für Bachs komplexen Orgelsatz vermisst sie aber doch oft das dritte Manual. Das, was vor Bach für die Orgel komponiert wurde, interessiert sie nicht besonders. Anders ist das bei der Französischen Romantik. Da ist die Musik eines Louis Lefébure-Wely, etwa sein „Bolero“ zweifellos per se heiter und fröhlich und erklingt oft an der Lutherkirchen-Orgel. Auch Léon Boellmanns berühmte „Suite gothique“, die manchmal gar eine Jahrmarkts-Orgel-Fröhlichkeit ausstrahlen kann, gehört in Sabine Wottke-Pries‘ Repertoire, wie natürlich auch Charles-Marie Widors mitreißend-virtuose „Toccata“ aus der 5. Sinfonie unter der Überschrift „Fröhliche Musik“ laufen kann. Wobei die deutsche Moderne mit dem Kreis um Hindemith nicht zu den Favoriten der Organistin gehört.

Sie kommt her vom Akkordeon, was der Orgel ja gar nicht so fern liegt, folgt man dem derben Volksmund, der das Akkordeon auch schon mal „Schweineorgel“ nennt. Ihr Orgel-Erweckungserlebnis hatte sie mit zwölf Jahren, als sie im Weihnachtsgottesdienst „Oh du fröhliche“ auf der Orgel spielen durfte. Ihr erster Orgellehrer war Dirk Sonnenberg, der als Gymnasiallehrer die alte Tradition des Dorfschulmeisters, der sonntags die Orgel spielt, fortsetzte. Er war dann ihr Vorgänger an der Lutherkirchen-Orgel. Ihr zweiter Lehrer wurde für zehn Jahre Professor Gebhard Kaiser, Kantor an der Bremer St. Ansgarii-Kirche und Leiter der Kirchenmusikabteilung an der Bremer Hochschule. Bei ihm lernte sie die großen Bach-Werke kennen und lieben. Mit siebzehn Jahren legte Sabine Wottke-Pries in Oldenburg die C-Prüfung (Orgelspiel, Chorleitung, Liturgik, Klavier) für nebenamtliche Organisten ab. Zwar stand eine hauptamtliche Organisten-Ausbildung durchaus zur Debatte, aber dann entschied sie sich, „etwas Ordentliches“ zu lernen und wurde hauptamtliche Bankkauffrau. Dazu kann Fröhlichkeit als „Expreßion“ ja auch nicht schaden.

Günter Matysiak

Delmenhorst. „…, die orgl ist doch in meinen augen und ohren der könig aller instrumenten.“ schreibt Mozart in einem Brief an seinen Vater Leopold vom „18.octob: 1777“ über die Orgel, die wir „Königin der Instrumente“ nennen. Mozart, der übrigens drei kleine Meisterwerke „für ein Orgelwerk in einer Uhr“ komponiert hat, hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Orgel. Einige Briefzeilen später schreibt er nämlich, sie sei seine „passion“, weiß gleich darauf aber zu berichten, dass der Klang der Orgel ohne „effect“ sei, „ keine douceur, keine Expreßion, kein piano, noch forte statt- findet, sondern immer alles gleich fortgehet…“

Da möchte man doch glatt den Sprung wagen aus Mozarts Salzburger Kirche zur Stickgraser Lutherkirche und einwenden, er kenne eben Lutherkirchen-Organistin Sabine Wottke-Pries und ihre Orgel nicht. Sie würden ihn eines Besseren belehren.

Von der Lutherkirchen- Orgel soll hier zuerst die Rede sein. Sie wurde 1969 gebaut und stammt aus der Werkstatt des Göttinger Orgelbauers Paul Ott. Die Firma existierte bis 2010 und war eine der führenden Orgelwerkstätten Deutschlands. Ott übernahm früh die Ideen der sogenannten „Orgelbewegung“ der zwanziger Jahre mit ihrer Abkehr vom „singenden“ romantischen Orgelklang hin zu einem „sprechenden“ Klang, wie ihn die barocken Orgeln besaßen. Auch wandte er sich ab von der elektropneumatischen Traktur hin zur rein mechanischen Traktur. Die rein mechanische Verbindung der Tasten zum Öffnungs-und Schließvorgang der Pfeifen sorgt für einen direkten Kontakt des Fingers zur Tonerzeugung und für ein sehr direktes Spielgefühl. Der elektrifizierte Spielapparat hingegen schafft hingegen sogar eine minimale zeitliche Distanz zwischen Tastenanschlag und Tonentstehung. Im Laufe der Jahre gab es in der Werkstatt Ott aber einen Gegenentwurf zur puristischen Orgel hin zu einer Orgel, die auch dem „singenden“ Klangideal nahe war. Eine solche Orgel, „eine Orgel, die alles kann“ ist die Ott-Orgel in der Luther-Kirche. Sie besitzt zwei Manuale und Pedal für Hauptwerk, Brustwerk und Pedalwerk, ihre 21 Register verfügen über 1942 Pfeifen. Ein zuerst geplantes drittes Manual, wurde dann wegen der hohen Kosten nicht gebaut. Die drei Orgelwerke sind in einem Gehäuse untergebracht , das nicht, wie meistens der Fall, im Rücken der Gemeinde auf einer Empore , sondern rechts an der Altarwand steht. So ist der Organist als Musiker gegenwärtig, was der Nähe der Gemeinde zur Musik im Gottesdienst und im Orgelkonzert nutzt.

Sabine Wottke-Pries ist seit 1989 Organistin der Luther-Kirche und nennt die Orgel, die sie in der langen Zeit spürbar liebgewonnen hat, gerade wegen ihrer Vielseitigkeit „meine Lieblingsorgel“. Einen Lieblingsklang hat sie anscheinend auch, lässt sie doch ganz spielerisch ein Fagottregister mit Tremulant vibrierend durch den Raum schallen. Wenn Mozart bei der Orgel „effect“ und „expreßion“ vermisste , dann hat Sabine Wottke-Pries , wenn sie von ihren liebsten Orgelwerken spricht, für sich die Fröhlichkeit als überraschende „Expression“ entdeckt. Sind doch Fröhlichkeit und Orgelmusik nicht unbedingt ein geläufiges Begriffspaar. Und die Romantik, die die Organistin als ihr bevorzugtes Terrain nennt, tendiert ja auch gerne zu Schuberts Ausspruch „er wisse von keiner fröhlichen Musik.“ Auch Johann Sebastian Bach wird wohl nicht spontan mit Fröhlichkeit in Verbindung gebracht. Aber Sabine Wottke-Pries gelingt es wirklich, Bachs großes „Präludium und Fuge Es-Dur“ mit konzertanter Fröhlichkeit zu erfüllen. Auch die monumentale F-Dur Toccata und Fuge gehört zu ihren Lieblingstücken, wie überhaupt die großen Orgelwerke des Barockmeisters. Für Bachs komplexen Orgelsatz vermisst sie aber doch oft das dritte Manual. Das, was vor Bach für die Orgel komponiert wurde, interessiert sie nicht besonders. Anders ist das bei der Französischen Romantik. Da ist die Musik eines Louis Lefébure-Wely, etwa sein „Bolero“ zweifellos per se heiter und fröhlich und erklingt oft an der Lutherkirchen-Orgel. Auch Léon Boellmanns berühmte „Suite gothique“, die manchmal gar eine Jahrmarkts-Orgel-Fröhlichkeit ausstrahlen kann, gehört in Sabine Wottke-Pries‘ Repertoire, wie natürlich auch Charles-Marie Widors mitreißend-virtuose „Toccata“ aus der 5. Sinfonie unter der Überschrift „Fröhliche Musik“ laufen kann. Wobei die deutsche Moderne mit dem Kreis um Hindemith nicht zu den Favoriten der Organistin gehört.

Sie kommt her vom Akkordeon, was der Orgel ja gar nicht so fern liegt, folgt man dem derben Volksmund, der das Akkordeon auch schon mal „Schweineorgel“ nennt. Ihr Orgel-Erweckungserlebnis hatte sie mit zwölf Jahren, als sie im Weihnachtsgottesdienst „Oh du fröhliche“ auf der Orgel spielen durfte. Ihr erster Orgellehrer war Dirk Sonnenberg, der als Gymnasiallehrer die alte Tradition des Dorfschulmeisters, der sonntags die Orgel spielt, fortsetzte. Er war dann ihr Vorgänger an der Lutherkirchen-Orgel. Ihr zweiter Lehrer wurde für zehn Jahre Professor Gebhard Kaiser, Kantor an der Bremer St. Ansgarii-Kirche und Leiter der Kirchenmusikabteilung an der Bremer Hochschule. Bei ihm lernte sie die großen Bach-Werke kennen und lieben. Mit siebzehn Jahren legte Sabine Wottke-Pries in Oldenburg die C-Prüfung (Orgelspiel, Chorleitung, Liturgik, Klavier) für nebenamtliche Organisten ab. Zwar stand eine hauptamtliche Organisten-Ausbildung durchaus zur Debatte, aber dann entschied sie sich, „etwas Ordentliches“ zu lernen und wurde hauptamtliche Bankkauffrau. Dazu kann Fröhlichkeit als „Expreßion“ ja auch nicht schaden.

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