Gelungenes Pilotprojekt Überzeugende Inszenierung von 'Mien Fründ Harvey'

Delmenhorst. Das Pilotprojekt ist gelungen. Ein homogenes Ensemble aus je sechs plattdeutschen Amateurschauspielern des Niederdeutschen Theaters Delmenhorst (NTD) und aus Osterholz-Scharmbeck feierte am Sonnabend im Kleinen Haus eine gelungene Premiere der Komödie 'Mien Fründ Harvey'.
08.03.2010, 06:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Heide Rethschulte

Delmenhorst. Das Pilotprojekt ist gelungen. Ein homogenes Ensemble aus je sechs plattdeutschen Amateurschauspielern des Niederdeutschen Theaters Delmenhorst (NTD) und aus Osterholz-Scharmbeck feierte am Sonnabend im Kleinen Haus eine gelungene Premiere der Komödie 'Mien Fründ Harvey'. Dieter Ehlers, der vor seinem Tod auch an der Delme Stücke inszenierte, hat den Klassiker von Mary Chase mit Witz und Charme ins Plattdeutsche übersetzt.

Berufsregisseur Thomas Willberger stellte in 50 Proben eine Inszenierung auf die Beine, in der alle Charaktere sehr detailliert herausgearbeitet worden sind. Das ausdrucksstarke Spiel litt aber an manchen Stellen unter sprachlichen Problemen. Vor allem Kerstin Schulze als Wilma Siebels und Rieke Behnken als Lisa-Lina sprachen so schnell, dass die Verständlichkeit so manches Mal zu kurz kam. Vor allem der Einstieg geriet für das Publikum zu einem Härtetest. Im Haus der Siebels fand eine Veranstaltung statt, auf der eine Sopranistin ihr Können zum Besten gab. Wilma und Lisa-Lina waren im Salon. Die Hintergrundmusik und das schnelle Sprechen vertrugen sich nur schlecht.

Ansonsten überzeugte die Inszenierung auf der ganzen Linie. Tammo Albers gab den liebenswerten Ewald P. Daun, der sich zusammen mit seinem imaginären Freund Harvey, einem weißen Hasen mit Gardemaß von 1,80 Meter, in seinem Leben eingerichtet hat, mit herrlichem Augenzwinkern. Er hat den Weg zum Glück gefunden: '40 Jahre hab? ich mich mit der Wirklichkeit abgeplagt, jetzt habe ich sie im Griff.' Immer mit einem Grinsen auf den Lippen und niemals aus der Ruhe zu bringen, gelang es Albers, die vermeintlich Normalen so manches Mal an den Rand des Wahnsinns zu treiben und somit die Intention des Stückes sehr gut rüberzubringen.

Ella Senda glänzte mit einem Kurzauftritt als Ewalds mondäne Tante Fro Schovogel. Elke Severs überzeugte als Oberschwester Etta Keller ebenso wie Dirk Bauer als Dr. Janssen, der mit seinen schnellen Diagnosen einigen Wirbel auslöste. Die Lacher auf seiner Seite hatte wieder einmal Dirk Wieting als handfest-tatkräftiger Pfleger Anton Willers, der die langen Klinikwege mit einem Roller zurücklegte. Rieke Behnken war, abgesehen von den Verständnisproblemen, die ideale junge Deern, die vor keinem Flirt zurückschreckte. Ebenso wie die Delmenhorster Akteure überzeugten auch die sechs Osterholzer durch große Spielfreude.

Thomas Willbergers Vorhaben war es gewesen, mit dem Klassiker die Götter in Weiß von ihrem Podium herunterzuholen. Das gelang eindrucksvoll. Während Dr. Janssen nach Schema F behandelte, geriet der über allem schwebende Klinikleiter Professor Scharmbeck (Volker Oldag auf seinem Segway als Karikatur eines Chefarztes) gewaltig aus dem Tritt. Sah er doch plötzlich auch den Riesenhasen Harvey.

Auch Gesellschaftskritik geäußert

Die Gesellschaftskritik kam ebenfalls nicht zu kurz. Wilma Siebels, Ewalds Schwester (Kerstin Schulze als überkandidelte Gesellschaftsdame), schämt sich ihres Bruders, steht er doch ihren gesellschaftlichen Ambitionen im Weg. Sie versucht ihn in eine Klinik abzuschieben, wo sie ob ihres übernervösen Auftretens erst einmal selbst landet.

Thomas Willberger gelang es dank der sehr guten spielerischen Leistungen aller Akteure auf der einen Seite und dank interessanter und witziger Regieideen auf der anderen Seite, ein interessantes Stück Gesellschaftskritik auf die Bühne zu bringen. Erfreulich dabei auch, dass mit Rieke Benken vonseiten des NTD sowie Franziska Fürst (als patziges Hausmädchen Maike) und Mirco Schulze (als plietscher Taxifahrer Harry Eilers) aus Osterholz drei hoffnungsvolle junge Talente integriert wurden. Komplettiert wurde das Ensemble von Jens Wendelken, der den Rechtsanwalt Dr. Geffken mit Gereiztheit gegenüber den Turbulenzen gab, und Beate Stellfeld, die Professor Scharmbecks Frau verkörperte.

Sehr gut wurde auch das Problem der Szenenwechsel gelöst. Die Handlung pendelte zwischen dem Salon der Siebels und dem Empfangsraum der psychiatrischen Klinik. Mittels mehrerer Drehelemente veränderte sich die Kulisse vor den Augen des Publikums. So wurden die Zuschauer auch in den Umbauphasen mit einbezogen. Ein weiteres Detail einer Inszenierung, die ein sehr gut gelungener Beginn der Zusammenarbeit der beiden niederdeutschen Bühnen ist.

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