Übung & Meister

„Man kann alle Techniken auf engstem Raum üben“

Rolf Haferkorn leitet die Karate-Abteilung des Delmenhorster TV. Der 71-Jährige ist dem Sport seit vielen Jahrzehnten verbunden. Was ihm besonders gefällt und was sein Antrieb ist, erzählt er im Interview.
09.05.2021, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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„Man kann alle Techniken auf engstem Raum üben“
Von Justus Seebade
„Man kann alle Techniken auf engstem Raum üben“

Dem Delmenhorster Rolf Haferkorn gefällt am Karate die "ganzheitliche körperliche Auseinandersetzung".

INGO MÖLLERS
Herr Haferkorn, Sie widmen sich seit mehreren Jahrzehnten in vielfältiger Weise dem Karate. Wie sind Sie zu diesem Sport gekommen?

Rolf Haferkorn: Das ist eine ganz komische Geschichte. Ich habe im Februar 1971 geheiratet und hatte im März 1971 einen schweren Unfall mit Beckenbruch. Dadurch war ich ein Jahr außer Gefecht gesetzt. Ich habe vorher geboxt und habe nach einem Jahr wieder angefangen, aber Boxen hat mir keinen Spaß gemacht. 1973 habe ich meinen ersten Karatelehrer kennengelernt. Ich habe immer etwas gesucht, womit ich wieder körperlich fit werde. Diese Sportart hat mich gereizt. Dann habe ich damit angefangen und bin bis heute dabeigeblieben.

Was zeichnet Karate in Ihren Augen besonders aus?

Das ist diese ganzheitliche körperliche Auseinandersetzung. Beim Karate setze ich alles ein, was ich am Körper habe. Hinzu kommt die Beweglichkeit. Ich konnte ja nicht mehr laufen und musste einfach beweglicher werden. Karate hat mich so fasziniert, dass ich immer weitergemacht habe.

Sie haben im Laufe der Jahre verschiedene Prüfungen bestanden, besitzen mittlerweile den 6. Dan. Hatten Sie immer den Ehrgeiz, diese Grade zu erreichen?

Nein, eigentlich gar nicht so. Mein Ziel war der Blaugurt, aber dann habe ich gemerkt, dass es da noch mehr gibt. Die Prüfung zum 1. Dan habe ich 1983 abgelegt, danach habe ich die bis zum 5. Dan gemacht. 2018 hatte ich einen Herzinfarkt. Da wurde mir gesagt, dass ich nicht so doll trainieren und ein bisschen den Ball flach halten solle. Im Februar 2020 hat mir der Deutsche Karate-Verband aufgrund meiner Leistungen den 6. Dan verliehen.

Ihre Stilrichtung ist Shotokan. Haben Sie sich bewusst dafür entschieden?

Es gibt viele Stile. Wenn man mit Karate anfängt, hat man davon überhaupt keine Ahnung. Wenn ich woanders gelandet wäre, dann wäre es das gewesen, aber hier gab es nur Shotokan. Ich gucke natürlich auch über den Tellerrand hinaus. Ich habe beim Deutschen Karate-Verband die Ausbildung zum Diplom-Karatelehrer mitgemacht. Da muss man sich auch mit anderen Stilrichtungen auseinandersetzen. Zudem bin ich Kampfrichter und muss die Kata der anderen Stilrichtungen beurteilen können. Das heißt also: lernen, lernen, lernen.

Sind Sie selbst immer noch aktiv?

Ja. Im Moment ist das natürlich alles sehr eingeschränkt, weil wir nur Individualsport oder Online-Training machen können.

Lässt sich das denn relativ gut umsetzen?

Man kann alle Techniken auf engstem Raum üben. Ein alter Meister hat mal zu mir gesagt: Du brauchst maximal zwei Quadratmeter. Im Moment geht ja alles nur ohne Partner. Aber man kann alle Techniken üben. Ein Schritt vorwärts, rückwärts, zur Seite und so weiter und so fort. Wenn man eine Kata laufen muss und mehrere Schritte in verschiedene Richtungen hat, muss man eben einen Beinwechsel machen. Das geht dann auch. Da muss man durch.

Was waren Ihre größten persönlichen Erfolge?

Ich habe ja erst mit 23 angefangen. Meine größten Erfolge sind auf Pokalturniere und Landesmeisterschaften beschränkt. Auf einem internationalen Shotokan-Cup habe ich 1989 und 1990 im Seniorenbereich, also über 35 Jahre, zweimal den dritten Platz erreicht.

Sie sind selbst aktiv, aber auch Trainer, Funktionär und Kampfrichter. Was macht Ihnen am meisten Spaß?

Alles. Es ist natürlich immer sehr schön zu sehen, wenn die eigenen Schüler weiterkommen. Und ganz ehrlich: Ich bin mittlerweile 71 und immer noch fit, denn man hört einfach nicht auf. Die Auseinandersetzung mit den Menschen beim Training hält einen körperlich und auch geistig fit.

Was geben Sie Ihren Schützlingen bei den Einheiten mit?

Natürlich die Technik, aber wir machen auch Unterricht, um den Weg des Karate ein bisschen zu beleuchten. Außerdem haben wir viele Freizeitaktivitäten. Es gibt nicht nur Training, sondern auch mal was anderes, ob mit der Kindergruppe, der Erwachsenengruppe oder mit allen zusammen. Die Geselligkeit gehört dazu. Gerade geht das natürlich alles nicht.

Als Prüfer dürfen Sie Prüfungen bis zum 5. Dan abnehmen.

Ja, mit einem Prüfer zusammen. Wenn ich eine zum 6. Dan abnehmen will, muss ich einen dabei haben, der den 7. Dan hat. Dann müssen wir drei Prüfer sein.

Nehmen wir das Beispiel 5. Dan. Was müssen Anwärter leisten, um diesen zu bekommen?

So eine Prüfung dauert pro Person eine Stunde oder länger. Die Grundschule ist Kihon, da müssen sie bestimmte Techniken laufen, die vorgegeben sind. Das sind meist zwischen acht und zehn verschiedene Sachen, die sie pro Bahn laufen müssen. Dazu müssen sie Partnerübungen machen, zum Beispiel eine Abwehr mit einem Gegenangriff. Je nach Dan-Grad sind da immer mehrere gefordert. Dann müssen sie Kata laufen. Eine freie Kata können sie sich aussuchen. Dazu müssen sie das Bunkai entwickeln. Das bedeutet die realistische Anwendung aus dieser Kata. Die müssen sie auch mit einem Partner vorführen.

Klingt nach ganz schön viel Aufwand.

Ja, und dann folgt noch eine Pflicht-Kata. Die Prüfer suchen eine oder zwei Kata aus, die die Prüflinge laufen müssen. Dann kommt der Ein-Punkt-Kampf. Da werden verschiedene Techniken vorgegeben. Man muss selber einmal angreifen – rechts, links – und das Gleiche auch abwehren. Hier sind fünf, sechs verschiedene Formen gefordert. Zusätzlich folgt noch der freie Kampf, also wie bei einem Turnier. Und dann ist man platt. Kondition gehört dazu, sonst muss man da nicht hingehen. Die ganzen Prüfungen, die ich gemacht habe, dauerten immer locker über eine Stunde – ohne Pause.

Gibt es aus Ihrer Sicht ein ideales Einstiegsalter für Karate?

Wir fangen mit den Kindern ab dem schulpflichtigen Alter an. Man kann es bis zum Lebensende ausüben. Wir hatten früher mal eine Oldie-Gruppe, da haben jedoch leider alle aufgehört. Aber sobald wir wieder frei trainieren können, wird wieder eine Oldie-Gruppe aufgebaut. Wir haben viele Anfragen von Leuten, die schon mal Karate gemacht haben, aber auch von welchen, die es lernen wollen. Da liegt das Hauptaugenmerk natürlich nicht darauf, dass sie bis zur totalen Erschöpfung trainieren. Da geht es mehr um ein bisschen Selbstverteidigung und so was. Grundsätzlich ist Karate für jedes Alter geeignet.

Sie sind auch viel im organisatorischen Bereich tätig. Beispielsweise waren Sie bei der Europameisterschaft der Senioren im Mai 2003 in Bremen als Wettkampfleiter tätig. Bei der WM 2014 in Bremen waren Sie mit dem gleichen Team im Einsatz. Das hört sich nach viel Arbeit an.

Wir sind ein 13-köpfiges Organisationsteam gewesen und hatten um die 300 Helfer zu betreuen. Alleine bei mir im Wettkampfbereich waren es 151. Ich hatte mehrere Aufgaben: Akkreditierung, Registrierung, Wiegen, die Betreuung des Aufwärmraumes, den Eingang in die Halle, die Besetzung der Tische, und dann war ich auch noch für die Siegerehrung zuständig.

Warum engagieren Sie sich gerne organisatorisch?

Ich habe Kfz-Mechaniker, Hydraulikmechaniker, Schweißer und Waffenmechaniker gelernt. Nachdem mein erstes Lehrjahr beendet war, kam mein Meister zu mir und meinte, dass ich gut mit Leuten umgehen könne und ob ich die Ausbildung der neuen Lehrlinge übernehmen wolle. Das habe ich gemacht. Dann war ich lange Zeit bei der Bundeswehr, unter anderem Waffenmechaniker und nachher für das gesamte technische Material verantwortlich. Da habe ich das Organisieren gelernt. Das hat mir Spaß gemacht.

Sie haben es auch geschafft, japanische Großmeister für Lehrgänge in Delmenhorst zu gewinnen.

Wir hatten zweimal die größten Karatelehrer der Welt hier. Das war natürlich auch eine Bereicherung für unsere Leute. Dafür muss man Beziehungen haben. Das erste Mal war Zufall. Da hat man mich gefragt, ob ich das nicht machen könne, ich wurde vom Deutschen Karate-Verband damit beauftragt. Dadurch, dass ich den mittlerweile verstorbenen Meister Tetsuhiko Asai und seinen Schüler kennengelernt habe, hatte ich den Zugang zu anderen Meistern. Großmeister Shihan Ishikawa, Tadashi war zweimal hier. Ich selbst habe bei zwölf japanischen Meistern trainiert. Das hilft unwahrscheinlich.

Haben Sie sich persönlich noch Ziele für die Zukunft gesetzt?

Eine Prüfung werde ich nicht mehr machen. Das geht nicht mehr. Für mich ist es wichtig, dass meine Schüler weiterkommen. Einer wird nächstes Jahr an der Landessportschule in Hannover zum Trainer ausgebildet. Eine andere Trainerin bei mir wird auch weiter ausgebildet. Irgendwann werde ich ja mal aufhören. Alle Trainer, die in unserem Dojo sind, habe ich aus unseren Reihen rekrutiert. Das ist für mich ganz wichtig, dass wir eine durchgängige Linie haben. Deswegen arbeiten wir auch eng mit den Landes- und Bundestrainern zusammen.

Wie lange werden Sie die Karate-Abteilung des Delmenhorster TV noch leiten?

Am 7. Mai ist das Dojo 40 Jahre alt geworden. Eigentlich war geplant, dass wir eine Mitgliederversammlung machen. Ich hätte dann den Posten des Abteilungsleiters abgegeben, hätte nur noch als Trainer weitergemacht und ein paar andere Aufgaben übernommen. Aufgrund der Situation ist ja keine Versammlung möglich, also haben wir das erst mal um ein Jahr verschoben. Am 8. Mai hätten wir auch einen Jubiläumslehrgang mit großer Feier gehabt. Nun findet alles nächstes Jahr statt. Sobald sich die Lage bessert, wird auch der japanische Meister wieder herkommen.

Das Interview führte Justus Seebade.

Info

Zur Person

Rolf Haferkorn (71)

leitet die Karate-Abteilung des Delmenhorster TV. Diese gründete er im Mai 1981, seitdem ­engagiert er sich dort auch als Trainer. Spartenleiter war er zunächst von 1982 bis 2011, seit September 2015 hat er das Amt erneut inne. Im Bremer Karate-Verband fungierte Haferkorn von 1986 bis 1989 als Sportdirektor. Bei der Europameisterschaft der Senioren 2003 in ­Bremen war er als Wettkampfleiter tätig, ebenso bei der Weltmeisterschaft der Senioren 2014. Im Februar 2020 verlieh ihm der Deutsche Karate-Verband den 6. Dan.

Info

Zur Sache

Mehr als ein Kampfsport

Karate ist ein Kampfsport, dessen Ursprünge bis etwa zum Jahr 500 n. Chr. zurückreichen. Chinesische Mönche, die keine Waffen tragen durften, entwickelten aus gymnastischen Übungen im Laufe der Zeit eine spezielle Kampfkunst zur Selbstverteidigung. Diese Kampfkunst galt auch als Weg der Selbstfindung und Selbsterfahrung. Als Sport ist Karate relativ jung: Erst Anfang des vergangenen Jahrhunderts entstand in Japan aus der traditionellen Kampfkunst ein Kampfsport mit eigenem Regelwerk.

Im Training und im Wettkampf wird der hohe ethische Anspruch konkret: Nicht Sieg oder Niederlage sind das eigentliche Ziel, sondern die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit durch Selbstbeherrschung und äußerste Konzentration. Die Achtung vor dem Gegner steht an oberster Stelle. (Quelle: Internetseite des Deutschen Karate-Verbandes)

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