Umstrittene Grundstücksgrenze Vom Streit um einen Zaun

Er fühlt sich um sein Recht betrogen: Alirza Abatu hat einen provisorischen Zaun auf dem Gehweg aufgestellt, um sein reelles Grundstück zu markieren. Doch damit scheint der Streit mit der Stadt nicht beendet.
16.08.2022, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Lutzebäck

Einen Streit vom Zaun brechen – das möchte Alirza Abatu ganz und gar nicht. Der Besitzer eines Einfamilienhauses an der Bremer Straße/Ecke Masurenstraße meint, er kämpfe einfach nur um sein vermeintliches Recht. Und um genau das zu demonstrieren, hat der 49-Jährige am 23. Juni sein Grundstück um eine kleine, dreieckige Fläche erweitert. Das Stück konnte zuvor noch von der Allgemeinheit als öffentlicher Gehweg genutzt werden. Mit Holzpaletten hat der Hausherr kurzerhand eine neue Grundstücksgrenze gezogen.

Ist das Kunst oder kann das weg?, wird sich der eine oder andere angesichts der äußerst dekorativen Gartengestaltung mit einem Sammelsurium unter anderem aus bunten Blumen, Tierfiguren, Putten und einfallsreich umfunktionierten Haushaltsgegenständen vermutlich gefragt haben. Doch die eigenwillig wirkende Zauninstallation, die von Vorbeigehenden womöglich als dreiste Aneignung öffentlichen Grunds eingestuft werden könnte, hat aus Sicht von Alirza Abatu einen ernsten Hintergrund.

Mit dem Zollstock durch den Garten

Zu Beginn der Corona-Pandemie habe es sich der Eigentümer auf dem Dach seines Hauses gemütlich gemacht. Mit Blick auf sein 659 Quadratmeter großes Grundstück sei es ihm plötzlich durch den Kopf geschossen: "Hier stimmt etwas nicht." Gemeint ist die Größe des eigenen Geländes. Mit einem Zollstock ausgerüstet machte sich der Inhaber an die Arbeit und vermaß seinen Grund und Boden: "Ich habe festgestellt, dass mir circa sieben bis acht Quadratmeter fehlen", schildert der Delmenhorster seine Erkenntnis. Eine weitere Überlegung folgte: "Es muss ja irgendwo eine Grenze geben."

Warum soll ich das so hinnehmen?
Alirza Abatu

Aber auf der Suche nach Grenzsteinen sei Alirza Abatu nicht fündig geworden, sodass er sich nötige Auskünfte aus dem Katasteramt erhofft hatte. Die Behörde habe ihm mitgeteilt, "dass in jeder Ecke Grenzsteine sein müssen. Die können aber etwa 30 Zentimeter bis zu einem Meter tief liegen". Um Licht ins Dunkel zu bringen, habe sich der Hausherr mit dem Bauamt in Verbindung gesetzt. "Ich hatte sechs bis sieben Sachbearbeiter innerhalb des Bauamtes an der Strippe, aber niemand fühlte sich zuständig", berichtet er. Ihm sei allerdings vom letzten Gesprächspartner der Behörde zugesichert worden, die Federführung in diesem Fall in Erfahrung bringen zu wollen.

Es fehlen 14 Quadratmeter

Etwa ein bis zwei Wochen später, Anfang August 2020, seien zwei Mitarbeiter eines Vermessungsbüros vorgefahren, "die wohl von der Stadt beauftragt worden waren". Die hätten sich in Bezug auf die Lage der Grenzsteine jedoch nicht äußern wollen. Schließlich bekam Alirza Abatu von der Stabstelle Liegenschaften einen Lageplan über sein Terrain, für den er zwar 56 Euro bezahlen musste, der aber immerhin schwarz auf weiß ein eindeutiges Ergebnis ans Tageslicht beförderte: "Mir fehlen 14 Quadratmeter."

Nachdem sich eine Mitarbeiterin der Stabstelle Liegenschaften vor Ort einen Eindruck verschafft hatte, folgte noch im August 2020 ein erstes Angebot der Behörde, die dem Eigentümer eine einmalige Zahlung in Höhe von 2500 Euro in Aussicht stellte. Mit 3000 Euro folgte im September 2020 eine weitere Offerte. Darauf habe sich Alirza Abatu, der eigenen Angaben zufolge "immer hinter allem herlaufen musste", aber nicht einlassen wollen. Im Dezember vergangenen Jahres flatterte schließlich ein Pachtangebot der Stabstelle Liegenschaften in Höhe von 1800 Euro ins Haus. "Über diese einmalige Zahlung habe ich nur gelacht. Warum soll ich das so hinnehmen? Mit dem Zaun möchte ich zeigen, dass dieser Teil auch zu meinem Grundstück gehört", so Abatu.

Bisher habe es keine Einigung gegeben und von der Stadt Delmenhorst sei noch keine Reaktion erfolgt. Das Echo der Passanten auf die kürzlich installierte Zaunkonstruktion falle laut dem Hausbesitzer sehr unterschiedlich aus. "Manche Leute haben nur mit dem Kopf geschüttelt", schildert er seine Erfahrungen. Andere wiederum hätten Verständnis für seine Protestaktion gezeigt. Auf Nachfrage teilte Stadtsprecher Timo Frers unserer Redaktion mit, dass die Angelegenheit der Verwaltung bekannt sei und derzeit rechtlich geprüft werde.

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