Prostitution im Landkreis Oldenburg Vertrauliche Erreichbarkeit

Seit fast drei Monaten kümmert sich der Landkreis Oldenburg um das Prostituiertenschutzgesetz. Bislang wurde mit 41 Prostituierten ein Beratungsgespräch durchgeführt und eine Anmeldung erteilt.
16.01.2018, 15:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Kerstin Bendix-Karsten

Landkreis Oldenburg. Sie gehören zu Großstädten wie Frankfurt, Hamburg oder Bremen: die Rotlichtviertel, die leichten Mädchen und die käufliche Liebe. Doch auch abseits der Metropolen gibt es Prostitution. Täglich nehmen schätzungsweise rund eine Millionen Kunden die Dienste von 400 000 in Deutschland lebenden Prostituierten in Anspruch. Einige von ihnen gehen diesem Gewerbe auch im Landkreis Oldenburg nach. Dem Ordnungsamt sind 150 Prostituierte bekannt.

Noch bis zur Jahrtausendwende galt das älteste Gewerbe der Welt als sittenwidrig. Erst seit 2002 wurde die freiwillig ausgeübte Prostitution erlaubt und damit die Möglichkeit geschaffen, einer Krankenkasse beizutreten. Um die Situation der Frauen im Milieu weiter zu verbessern, erarbeitete der Bundestag ein Prostituiertenschutzgesetz, das unter anderem eine Kondompflicht und Beratungsgespräche vorsieht. Außerdem gilt eine Anmeldepflicht für Bordellbetreiber und Prostituierte.

Im Juli 2017 trat das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. In Niedersachsen sind seit 24. Oktober die Landkreise und kreisfreien Städte für den Vollzug zuständig. „Im November haben wir angefangen, die ersten persönlichen Beratungsgespräche mit Prostituierten zu führen“, erklärt Gerold Gierse, der beim Ordnungsamt im Landkreis Oldenburg dafür zuständig ist. Inzwischen habe er mit 41 Frauen gesprochen. Noch gut 100 solcher Gespräche liegen vor ihm. Sein Ziel: Bis Mai 2018 sollen alle im Kreisgebiet tätigen Prostituierten erreicht worden sein.

In seinen Gesprächen will Gierse vor allem Grundinformationen zur Rechtslage der Prostituierten, zur Absicherung im Krankheitsfall, zu Beratungsangeboten, zu Hilfe in Notsituationen und zur Frage der bestehenden Steuerpflicht übermitteln. Auch auf die Kondompflicht werde hingewiesen. Da dieses „Schutzgesetz“ unter den Prostituierten und in Fachkreisen sehr umstritten ist, richten die zuständigen Mitarbeiter im Ordnungsamt ihr Hauptaugenmerk zunächst auf die vertrauliche Erreichbarkeit dieser Personen. „Das Wichtigste ist, Kontakt herzustellen. Viele haben Angst vor dem ersten Gespräch. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir ihnen nur helfen wollen“, erläutert Gierse. Allerdings mache er auch klar, dass es bestimmte Spielregeln gibt, an die man sich zu halten habe.

Für zwei Jahre angemeldet

Am Ende des Gesprächs beim Ordnungsamt bekommen die Prostituierten ihre Anmeldebescheinigung, die sie für die Ausübung bezahlter sexueller Dienstleistungen benötigen. Dieser spezielle Ausweis ist zwei Jahre gültig, bei unter 21-Jährigen ein Jahr. Nach Ablauf muss jede Prostituierte erneut ein Gespräch beim Ordnungsamt führen. Nur dann gibt es einen neuen Ausweis. Auf Wunsch werde zusätzlich eine anonymisierte Aliasbescheinigung ausgestellt.

Neben dem persönlichen Gespräch beim Ordnungsamt schreibt das neue Prostituiertenschutzgesetz eine gesundheitliche Beratung vor. Diese Aufgabe übernimmt im Landkreis Oldenburg das Gesundheitsamt. Hierbei geht es insbesondere um Fragen der Krankheitsverhütung, der Empfängnisregelung und der Schwangerschaft sowie Risiken des Alkohol- und Drogenmissbrauchs. Die gesundheitliche Beratung ist jährlich zu wiederholen. Bei unter 21-Jährigen muss dies halbjährlich erfolgen.

Blutjung sind die wenigsten der Prostituierten im Landkreis Oldenburg. „Es sind überwiegend reife Frauen“, sagt Gierse. Der Altersdurchschnitt liege bei 42 Jahren. Außerdem stamme der Großteil – 86 Prozent – aus Osteuropa. „Viele können die deutsche Sprache nicht. Deshalb haben wir bei unseren Gesprächen immer Sprachmittler dabei“, erläutert Gierse. In den meisten Fällen seien es wirtschaftliche Gründe, die die Frauen aus Osteuropa nach Deutschland führten, um für ein bis zwei Wochen dieser Tätigkeit nachzugehen. Danach gehe es zurück ins Heimatland zur Familie, um nach einem Monat wieder in Deutschland der Prostitution nachzugehen. „Das muss man respektieren. 50 Euro sind für sie viel Geld. Sie befinden sich in einer wirtschaftlichen Notlage“, merkt Gierse an.

Ein Fall der illegalen Prostitution

Bislang musste das Ordnungsamt nur einmal wegen illegaler Prostitution eingreifen. Es handelte sich bei besagtem Fall um eine Wohnung, in der wöchentlich wechselnd Frauen, die nicht der deutschen Sprache mächtig waren, jeweils allein waren und ihre Dienste anboten. Beworben wurde das Zimmer im Internet. „Es hätten Hinz und Kunz dort hingehen können“, erläutert Gierse. „Wenn etwas passiert wäre, hätte die Frau keine Hilfe gehabt“, fügt er hinzu. Zwei-, dreimal sei das Ordnungsamt im Dezember mit der Polizei vor Ort gewesen, um dagegen vorzugehen. „Dann waren sie auf einmal weg“, erinnert sich Gierse.

Wenn die Gespräche mit den Prostituierten abgeschlossen sind, wird sich das Ordnungsamt dem Erlaubnisverfahren für Prostitutionsstätten widmen. Darunter fallen auch Wohnwagen, von denen es im Landkreis Oldenburg 18 Stück gibt und mit denen laut Gierse gute Erfahrungen gemacht wurden. Die dort arbeitenden Prostituierten seien gemeldet und können Deutsch. Neben Wohnwagen müssen auch Wohnungsbordelle, die anderen Personen zur Ausübung der Prostitution zur Verfügung gestellt werden, ein Erlaubnisverfahren durchlaufen. Zahlreiche Mindestanforderungen aus dem Sicherheits- und Hygienebereich seien zu erfüllen. Die Betreiber der Stätten müssen laut Gierse ihre Zuverlässigkeit nachweisen: „Wer zum Beispiel innerhalb der letzten fünf Jahre vor der Antragstellung rechtskräftig wegen eines Verbrechens verurteilt worden ist, besitzt in der Regel die erforderliche Zuverlässigkeit nicht und darf kein Prostitutionsgewerbe betreiben.“ Der Prostitution dürfe die Person jedoch nachgehen.

„Dieses Gewerbe wird es immer geben – und muss es auch geben“, meint Gierse. Der Bedarf sei da. Durch das neue Schutzgesetz hofft er, dass sich die persönliche Situation der betroffenen Frauen verbessert.

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