VHS Delmenhorst

Deutschunterricht per Videokonferenz

Die Delmenhorster VHS ist gut durch den Corona-Lockdown gekommen. Gerade bei den Deutschkursen hat sich der virtuelle Unterricht als Ersatz für den Präsenzunterricht bewährt.
22.06.2020, 05:23
Lesedauer: 5 Min
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Von Aylin Olcay

„Begegnung, Vielfalt, Offenheit“ – das ist das Motto der Volkshochschule Delmenhorst. Doch vor allem mit der Begegnung war nach dem Lockdown Mitte März erst einmal Schluss. „Alle Schulen wurden von einem Tag auf den anderen geschlossen,“ erinnert sich Jürgen Beckstette, Geschäftsführer der VHS. „Hier bei uns in Delmenhorst hingen 4000 Kursteilnehmer plötzlich in der Luft“, fügt er hinzu. Und so musste sich das Kollegium die Frage stellen: Ist ein VHS-Angebot ohne Begegnung überhaupt möglich? „Die kurze Antwort laute: Ja, ist es“, sagt Beckstette voller Überzeugung. Dies sei natürlich nur unter dem großen Einsatz von Lehrkräften und Schülern möglich gewesen.

„Wir haben zunächst versucht, den Unterricht über E-Mail weiterzuführen“, erzählt Ute Alker. Sie unterrichtet Berufssprachkurse für Wissbegierige, die bereits Deutsch können und aus Berufsgründen ein höheres Sprachniveau anstreben. „Beim Schreiben und der Textbearbeitung hat das gut funktioniert, aber das Sprechen ist so hinten runtergefallen“, berichtet sie. Um dieses Problem zu umgehen, wurde eine Webinar-Lösung entwickelt. Über die Plattform Zoom können die Kursteilnehmer per Videokonferenz am Unterricht teilnehmen.

„Deutsch ist meine Lieblingssprache“, sagt Emma. Sie ist einer Videokonferenz mit Kursleiterin Alker zugeschaltet. Neben ihr sitzt ihr Mann Paul. Beide kommen aus Russland und sind seit eineinhalb Jahren hier in Deutschland, wo sie sich ein neues Leben und vor allem eine solide berufliche Karriere aufbauen wollen. Umso motivierter sind beide, ihr Deutsch zu perfektionieren. „Paul ist unser Grammatikspezialist“, erzählt Alker. Täglich stelle sie ihm anspruchsvolle Grammatikübungen via Whatsapp, die er voller Begeisterung löse. Auch der gebürtige Moldauer Anatolie, der dem Videogespräch zugeschaltet ist, brennt für die deutsche Sprache – trotz Vollzeitjob und Nachtschichten in einem Fleischereibetrieb . Ziel des gelernten Labortechnikers ist es, sein Zeugnis in Deutschland anerkennen zu lassen. „Meine Chancen stehen besser mit einem B2-Niveau“, erklärt er. Die Zeit des Lockdowns haben sie produktiv genutzt und aktiv an ihrem Deutsch gearbeitet, auch wenn der Kontakt zu den anderen Kursteilnehmern fehle. Profitiert hätte die VHS bei diesem Vorgang von ihrer frühen Auseinandersetzung mit dem Thema Digitalisierung, weiß Bettina Pinzon-Assis, Beauftragte für Digitalisierung an der VHS. „Wenn man sich die EDV-Historie der VHS anschaut, merkt man, dass wir uns schon sehr früh mit diesem Thema auseinandergesetzt haben“, erzählt sie. So seien die ersten PC-Kurse bereits vor über 20 Jahren an der Schule angeboten worden. Die Lehrangebote im EDV-Bereich hätten sich dann mit dem Zeitgeist weiterentwickelt. „Heute bieten wir beispielsweise auch Smartphone- oder Tabletkurse für Senioren an“, sagt Pinzon-Assis.

Man versuche aber, kursübergreifend Medienkompetenzen zu vermitteln, betont sie. „Auch in unseren Deutschkursen ist das sehr wichtig. Wir wollen unsere Teilnehmer fit für ihre berufliche Zukunft machen. Da ist ein grundlegendes Know-how, zum Beispiel für die Bewerbung per Mail, Voraussetzung“, weiß Pinzon-Assis. Die VHS verfügt über vier mit PCs ausgestattete Räumen, drei multifunktionale Smartboards und raumübergreifend über Beamer. Natürlich investiere man aber nicht lediglich in Hardware, sondern achte darauf, die Dozenten regelmäßig zu schulen. „Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass wir recht gute Voraussetzungen hatten und uns der Corona-Lockdown nicht ganz so kalt erwischt hat, wie vielleicht manch anderen“, findet die Digitalisierungsbeauftragte. Das kam vor allem den Kursteilnehmern, die die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Auftrag gegeben Integrations- und Alphabetisierungskurse absolvieren, zugute. „Ende März kam die Rückmeldung von unserem Auftraggeber, das der virtuelle Unterricht als Ersatz für den Präsenzunterricht akzeptiert wird“, berichtet Pinzon-Assis. Dabei hätten nur wenige an das „Experiment“ EDV, wie Radosveta Hofmann, Lehrkraft im Alphabetisierungsbereich, es nennt, geglaubt „Wir haben uns früh mit dem Thema Digitalisierung im Unterricht beschäftigt, obwohl es anfangs sehr viel Skepsis außerhalb des Alphabetisierungsbereichs gab“, erinnert sich die Lehrkraft. Aus dem Experiment sei schon vor Beginn der Pandemie mit Bundesmitteln ein digitales Lehrwerk entstanden und ein EDV-Tag in den regulären Lehrplan eingebaut worden. „Es ist in den Integrationskursen als reguläres Lehrwerk zugelassen und kann auch auf dem Smartphone bedient werden“, berichtet Hofmann. Das sei ein überaus wichtiger Faktor, da die meisten Kursteilnehmer – nicht selten Geflüchtete – oft keinen PC oder Tablet, in den meisten Fällen aber ein Smartphone besitzen.

Das virtuelle Lehrprojekt war zur Freude aller von großem Erfolg gekrönt. „Die Zahlen sind sehr überzeugend“, freut sich Beckstette. Die Vorgaben des BAMF haben die Kursteilnehmer bei Weitem übertroffen: „Vorgegeben war eine Teilnehmerzahl von mindestens 48 Personen. Wir haben 85 Teilnehmer, von denen 73 auch aktiv mitgemacht haben. Das heißt, wir haben die Erwartungen um 77 Prozent übertroffen“, erläutert Hofmann. Faszinierend wäre dabei die Selbstständigkeit und das Engagement der Lernenden gewesen. „Laut BAMF-Vorgaben mussten rund 2000 Übungen gelöst werden, unsere Teilnehmer haben circa 12 000 Übungen abgearbeitet und das sind nur die Ergebnisse von vier Wochen“, erklärt sie mit einem freudigen Lächeln.

Mittlerweile sind fünf von sechs Kursen wieder in den Präsenzunterricht zurückgekehrt. „Aus den vergangenen Wochen nehmen wir vieles für uns mit. Außerdem konnten wie einige der Vorurteile gegen virtuellen Unterricht, die die bildungspolitische Debatte bestimmen, widerlegen“, findet Beckstette. So hätten die Erfolge der letzten Wochen bewiesen, dass keine großen Anschaffungskosten von Hardware nötig seien oder bildungsfernere Schichten online schneller abgehängt würden. „Corona war in diesem Sinne eine Chance für uns, denn wir werden auch in Zukunft vieles des neu Erlernten beibehalten. Unser nächster Schritt wird sein, unser gesamtes Lehrangebot um eine digitale Komponente zu erweitern“, sagt der Geschäftsführer. Dabei sei der Online-Unterricht eine tolle Ergänzung, in keinem Fall aber ein Ersatz für Präsenzunterricht, wie Hofmann betont. Es brauche ein Paket voll unterschiedlicher Unterrichtformate. Die Kurse an der Delmenhorster VHS bleiben also bunt.

Für die Zukunft wünscht sich Hofmann trotz zahlreicher Erfolge mehr Unterstützung für den Integrations-und Alphabetisierungsbereich. „Manche Kursteilnehmer haben noch nie eine Schule besucht, wir lernen nicht nur das lateinische Alphabet, wir lernen zu lernen“, erklärt die Kursleiterin. Daher sei es wenig erträglich, dass der Integrationskurs auf 900 und der Alphabetisierungskurs auf 1200 Stunden begrenzt seien. „Diese Stunden reichen einfach nicht aus, um die fehlende Schulbildung nachzuholen. Es wäre schön, wenn wir hier einen größeren zeitlichen Rahmen hätten“, merkt sie an.

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