Nach dem Feuer in Delmenhorst Viele Brandopfer suchen weiter nach neuen Wohnungen

Delmenhorst. In der Nacht zum Sonnabend hat sich vieles schwarz gefärbt im Leben von Nadine Schröder und ihrer Familie. Sie hat bei dem Großbrand fast ihr gesamtes Hab und Gut verloren, ist nun vorläufig im Hotel "Zur Riede" untergekommen.
15.06.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Viele Brandopfer suchen weiter nach neuen Wohnungen
Von Christoph Bähr

Delmenhorst. In der Nacht zum Sonnabend hat sich vieles schwarz gefärbt im Leben von Nadine Schröder und ihrer Familie. Die Rückseite der Verpackung, aus der die vierfache Mutter Milch in die Trinkflasche ihrer dreijährigen Tochter Janell füllt, ist pechschwarz. Sie stammt aus der ausgebrannten Wohnung der 29-Jährigen an der Bremer Straße. Das einstmals weiße Fell des Hamsters der Familie ist ebenfalls dunkler geworden. Und auch die Zukunft stellt sich für Nadine Schröder zurzeit düster dar. Sie hat bei dem Großbrand fast ihr gesamtes Hab und Gut verloren, ist nun vorläufig im Hotel "Zur Riede" untergekommen.

Etwa 40 Betroffene des Feuers, das in fünf Mehrfamilienhäusern wütete, wohnen zurzeit noch in dem Hotel, wie der Sozialpädagoge Ahmet Kurku von "Plan A" gestern berichtete. Am Brandort suchen unterdessen weiter Spezialisten der Polizei nach der Ursache des Feuers, das in zwei verschiedenen Bereichen ausgebrochen war. "Es gibt noch kein Ergebnis. Vorsätzliche Brandstiftung können wir weiterhin nicht ausschließen", sagte Polizei-Sprecherin Jennifer Koch gestern auf Anfrage.

Ebenso wie die Ermittlungen läuft die Suche nach Wohnungen für die vom Brand Betroffenen auf Hochtouren. "Bis zum kommenden Montag wollen wir alle untergebracht haben", sagt Kurku. Die Wohnungssuche gestaltet sich jedoch in manchen Fällen schwierig. "Uns wurde eine Drei-Zimmer-Wohnung angeboten", sagt Nadine Schröder. Zu klein für sie, ihren Freund Albert Nachtigall und die vier Kinder John (11), Julia (9), Jasmin (7) und Janell (3).

Mitbewerber sollen helfen

Von diesen Problemen weiß auch Bettina Benner, Sprecherin der Immobiliengesellschaft Gagfah, der die ausgebrannten Wohnungen gehören. "Es hat sich gezeigt, dass von unseren rund 30 leer stehenden Wohnungen in Delmenhorst nicht alle für die Betroffenen infrage kommen. Viele benötigen Vier-Zimmer-Wohnungen." Daher habe die Gagfah nun ihre Mitbewerber am Wohnungsmarkt um Mithilfe gebeten. "Wir wollen schnellstmöglich alle unterbringen", verspricht Benner. Fünf Mietparteien habe man bereits eine neue Bleibe vermitteln können. Von den 51 vom Brand betroffenen Wohnungen seien 30 künftig nicht mehr bewohnbar.

Dazu gehört wohl auch die von Nadine Schröder. "Ich durfte nur sieben Minuten nach dem Nötigsten suchen. Wegen der Einsturzgefahr hat ein Polizist die ganze Zeit aufgepasst", sagt die 29-Jährige. Viel sei nicht mehr zu gebrauchen. "Ein ganzes Metallbett ist komplett weggeschmolzen." Immerhin habe das Feuer einige Dokumente und Fotos verschont. Besonders hart für die Familie: Sie war erst vor drei Monaten in die Wohnung an der Bremer Straße eingezogen, hatte viele Möbel neu gekauft. "Davon ist nichts mehr übrig. Kürzlich habe ich für meine Töchter ein buntes Bild an die Kinderzimmerwand gemalt. Alles weg", sagt Nadine Schröder traurig.

Zu der Traurigkeit kommen finanzielle Sorgen. Die Familie muss einen Kredit abbezahlen. Eine Hausratversicherung hatte sie nicht abgeschlossen. "Ich habe erstmal nur eine Haftpflicht-Versicherung beantragt, damit wir abgesichert sind, falls die Kinder aus Versehen mal etwas kaputt machen", sagt Nadine Schröder. "Mit solch einem Feuer rechnet doch niemand." Die Versicherung der Immobiliengesellschaft jedenfalls ist nur für die Schäden am Gebäude zuständig, für die Einrichtung müssen Hausratversicherungen abgeschlossen werden, sagt Gagfah-Sprecherin Benner. "Ich weiß, dass mehrere betroffene Familien eine Hausratversicherung haben. Für diejenigen, bei denen dies nicht der Fall ist, sprechen wir gerade mit karitativen Einrichtungen darüber, wie ihnen geholfen werden könnte", so Benner weiter.

Geholfen wird den Brandopfern auch im DRK-Haus an der Schulstraße, wo Sachspenden für sie gesammelt werden. Dort ging es gestern rund: Kaum haben Geschäftsführerin Helga Kattinger und Mitarbeiterin Birgit Siemers an einer der beiden Spenden-Hotlines aufgelegt, klingelt es schon wieder. "Wir listen die Sachspenden erstmal auf und rufen die Leute dann später zurück", erklärt Kattinger und lobt die enorme Hilfsbereitschaft der Menschen, die den Betroffenen helfen wollen. Abgegeben wird jedoch zunächst nichts direkt, denn man warte erstmal ab, was überhaupt gebraucht werde. "Die Leute müssen zunächst eine Wohnung haben. Dann ermitteln wir, was für ein Bedarf besteht, schauen auf unsere Liste und organisieren nach Rücksprache mit der Stadt dann den Transport der benötigten Gegenstände", erläutert Geschäftsführerin Kattinger das Prozedere. Alle Spenden im DRK-Gebäude zu lagern, würde außerdem platztechnisch den Rahmen sprengen.

Über 2000 Kleidungsstücke

Auf der Liste sind im Verlauf des gestrigen Tages bereits weit über hundert Angebote vermerkt worden: "Kinderbetten, normale Betten, Couchtisch, Wohnzimmerschrank, Fernseher, Waschmaschine....", zählt DRK-Mitarbeiterin Birgit Siemers auf. "Ein Kleiderschrank wurde uns sogar aus Hannover angeboten."

Von einer "wahnsinnig großen Spendenbereitschaft" spricht auch Erika Funk. Sie leitet die DRK-Kleiderkammer, wo Pullover, Jacken, Hosen und Co. direkt angenommen und in diesen Tagen dringend benötigt werden. Funk schiebt gemeinsam mit vier Helferinnen schon den vierten Tag hintereinander ganztägig Dienst - auf ehrenamtlicher Basis. Über 2000 Kleidungsstücke wurden in der Kleiderkammer bereits seit Sonnabend an die Brandopfer ausgegeben. Die Familien wurden nacheinander dorthin gebracht und konnten sich einkleiden. "Eine Frau kam mit drei kleinen Kindern an der Hand und hatte nur einen dünnen Morgenmantel an", erzählt Erika Funk. "Und eine andere Dame mit einem zehn Monate alten Säugling hatte noch nicht einmal eine Flasche." Einer hochschwangeren Frau hingegen habe Umstandsmode gefehlt. Da die in der Kleiderkammer aber leider Mangelware ist, "haben wir ihr ein überweites T-Shirt und eine Hose mit Gummizug ausgegeben", erzählt Funk, die noch viele weitere Schicksale dieser Art mitbekommen hat. "Die Leute wussten gar nicht, was sie wollten. Sie standen unter Schock." Besonders gerührt hat die Kleiderkammer-Leiterin die Hilfsbereitschaft von zwei Geschwisterkindern, die mit zwei großen Spielzeugen - darunter ein gut erhaltenes Plüsch-Einhorn auf Rädern - vorbeikamen. "Sie haben gesagt, dass ihre Mama lange gebraucht hätte, um sie zu überzeugen. Aber nun hätten sie sich entschlossen, die Sachen, denen sie schon ein wenig entwachsen sind, zu spenden."

Mehrere Spenden haben Nadine Schröder und Albert Nachtigall bereits erreicht. Sie sitzen in ihrem kleinen Hotelzimmer und spielen mit den vier Kindern "Monopoly". Das Spiel haben sie vom DRK bekommen, und während sie die bunten Spielfiguren über das Feld schieben, können sie ihre Sorgen kurzzeitig vergessen. Es sind diese kleinen Lichtblicke, die der Familie Kraft geben. Auch der Hamster, der in einer Ecke des Zimmers durch seinen Käfig rennt, ist solch ein Lichtblick. "Nach drei Stunden brachte ihn eine Feuerwehrfrau aus dem brennenden Haus", erinnert sich Nadine Schröder. "Vorher wurden bereits mehrere tote Katzen rausgetragen. Da hätte ich nie gedacht, dass unser Hamster noch lebt." Doch das kleine Tier hat das Feuer unbeschadet überstanden, nur sein Fell hat etwas unter dem Ruß gelitten. Besonders der elfjährige John freut sich, dass sein Haustier noch lebt. "Mit dem Hamster spiele ich am liebsten. Ich brauche ihm nur den Finger hinzuhalten und er kommt zu mir", erzählt der Junge, als er das Tier auf den Arm nimmt. An einigen Stellen ist das Fell des Hamsters bereits wieder weiß. Die Spuren des verheerenden Feuers verwischen - aber nur ganz langsam.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+