Konzert in Wildeshausen

Virtuoses Spiel auf der Kniegeige

Mit einem Konzert von Gambistin Johanna Rose verabschiedete sich der Kulturkreis Wildeshausen aus der Saison. Die Musikerin begeisterte dabei mit leidenschaftlich zärtlichem Spiel.
25.03.2018, 19:23
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Von Günter Matysiak
Virtuoses Spiel auf der Kniegeige

Gambistin Johanna Rose hatte für den Abend den spanischen Cembalisten Javier Núnez als Begleiter mitgebracht.

INGO MÖLLERS

Wildeshausen. "Viola da Gamba ... eine mittlere Geige, die man zwischen den Knien spielt. Sie hat sechs Saiten und ist von ausnehmender Anmut. Die Nachtstücke lassen sich herrlich darauf vortragen; überhaupt alles, was Anmut und Zärtlichkeit atmet. Dieses Instrument fordert viel Gefühl, und nur wenige können es so spielen, wie es seiner Natur nach behandelt werden muß." Liebevoller, als es Christian Friedrich Daniel Schubart, ein ausgewiesener zeitgenössischer Kenner der Musik des 18. Jahrhunderts es tat, kann man von einem Instrument wohl nicht sprechen. Und unser Gewährsmann hätte auch seine Freude gehabt am Spiel der Gambistin Johanna Rose, die am Sonnabend vor großem Publikum ein Konzert im Musikschulsaal in Wildeshausen gab. Sie gab ihrem Instrument nun allerdings mehr als Anmut und Zärtlichkeit, ließ es auch hitzig funkeln, in leidenschaftlich virtuoser Spielfreude vibrieren.

Gudrun Michler vom veranstaltenden Kulturkreis Wildeshausen stellte die Künstlerin vor, wusste sachkundig von einem fast vergessenen Instrument zu berichten, das im Zuge der historischen Ausrichtung der Alte-Musik-Interpreten seit fast 50 Jahren wieder zu neuem Leben erweckt wurde. Die junge Johanna Rose, eine der heutigen „Erweckerinnen“, ist in Wildeshausen aufgewachsen und lernte mit 17 Jahren als Schulkameradin einer auch Gambe spielenden Tochter der berühmten, in Winkelsett lebenden Meistergambistin Hille Perl die Viola da Gamba als ihr Instrument kennen. Ihre Studienjahre führten sie zu den namhaften Lehrern dieses fast vergessenen Instruments. Heute gehört sie, die in Sevilla lebt, zu den führenden Gambenvirtuosinnen ihrer Zunft und spielt in den großen Konzerthäusern der Welt. Aber eben auch in Wildeshausen. Für ihr Programm mit Werken von Karl Friedrich Abel (1723-1787), Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) und Johann Sebastian Bach (1685-1750), hatte sie ihren Begleiter, den spanischen Cembalisten Javier Núnez mitgebracht, der an diesem Abend auch als Solist zu hören war.

Das Programm begann mit einem Stück für Viola da Gamba solo von Karl Friedrich Abel. Abel war angesehener Gambist am Hofe zu Köthen zu der Zeit als Johann Sebastian Bach dort Hofkapellmeister war. Später ging er nach London, wo er mit Johann Christian Bach, jüngster Bach-Sohn, die sogenannten „Bach-Abel-Concerts“ gründete, die als Vorläufer der „Proms“ gelten. Abels „Arpeggio“ war in Johanna Roses Interpretation ein farbig flimmerndes Präludieren, in dessen mit wilder Expressivität gebrochenen Dreiklängen eine große melodische Linie hervorklang. Das alles war in einen durch alle Lagen unerschöpflichen Klangfarbereichtum getaucht. Aber auch die von Schubart genannte Zärtlichkeit war hier zugegen. Das führte pausenlos direkt in die Sonate D-Dur für Viola da Gamba und Basso continuo von Carl Philipp Emanuel Bach, dem zweiten der Bach-Söhne. Das geschmeidig fließende Adagio-Tempo des ersten Satzes war erfüllt vom Ausdruck melodischer Empfindsamkeit. Hohe melodische Anteile besaß hier auch das Continuo Spiel Javier Núnez', das über bloßes akkordisches Begleiten weit hinausging und manchmal auch dramatische Akzente setzte. Fast rauschhaft-virtuose Skalen und Dreiklangsbrechungen der Gambe gingen einher mit absoluter rhythmischer Klarheit im Spiel Johanna Roses. Es gab zauberhafte dynamische Beleuchtungen, spannende Temporückungen feinster Art. Und wenn im ansonsten vibratolosen Spiel einmal ein Ton eine „Schwebung“ erhält, wird das zum Ausdrucksereignis. Im schwelgerischen Arioso-Satz herrschten atmend-kantable Spannung und eine fürwahr „sprechende“ Artikulation. Und das Cembalo hatte alle „Mitspracherechte.“

Ihr Begleiter Javier Núnez spielte dann die „Chromatische Phantasie und Fuge“ d-Moll BWV 903 von Johann Sebastian Bach. So muss es geklungen haben, wenn Bach sich ans Cembalo gesetzt hat und improvisierte. Ebenso frei schweifend wie zielgerichtet, mit brillanter Spielfreude, perlendem Anschlag. Und in die Strenge der Fuge mischte sich auch immer ein Ton von improvisierender Freiheit und Spontaneität. Statt in die angekündigte Pause ging es dann in die Sonate C-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach: Hier trafen sich wiederum im virtuos-elegantem Spiel der hier maßgebliche „galante Stil“ und eine musikalisch in allen Feinheiten der Tonbildung, der Stricharten, des Klanges sich zeigende „Empfindsamkeit“.

So wie hier muss es auch geklungen haben, wenn Karl Friedrich Abel sein „Solo a Viola da gamba“ gespielt hat: Ausgesungen mit berückend ausschwingenden Phrasenenden, Dissonanzen in akkordischer Mehrstimmigkeit auskostend, frei und doch streng geformt in Johanna Roses Spiel. Mit Johann Sebastian Bachs Sonate für Viola da Gambe und Cembalo g-Moll BWV 1029 betraten die beiden Musiker eine andere Bühne, nämlich die der klassischen Duo-Sonate, die Bach quasi erfunden hat. Man hat es hier mit zwei gleichwertigen Partnern zu tun, die sich die thematischen Bälle zuspielen, miteinander in dichte Dialoge treten oder im bewegten Fugenstil wetteifern. Die Adagio-Aria geriet mit schwärmerischer Entrücktheit, das Schlussallegro war von einer tänzerischen Beschwingtheit, die den großen Schlussapplaus förmlich „herbeitanzte“. Der Applaus wurde belohnt mit Variationen über das berühmte „La Follia“-Thema. Diese waren vom Viola da gamba-Kenner Marin Marais und ließen noch einmal sensibelste Nuancierungskunst und rasante Leidenschaftlichkeit hören.

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