Vorlesetag in Delmenhorst Von Antriebsarten und Supercomputern

Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter hat am Freitag im Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst von realen und fiktiven Weltraumgeschichten erzählt.
17.11.2019, 18:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Ilias Subjanto

Einiges zu bieten hatte die Stadt Delmenhorst am Freitag zum bundesweiten Vorlesetag 2019. Unter anderem das Haus Coburg, die Stadtbücherei und auch die Redaktion des DELMENHORSTER KURIER beteiligten sich an der Aktion. Das Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) bot abends dann einen besonders prominenten Rezitator: Der einstige Astronaut Thomas Reiter las aus Douglas Adams' satirischem Science-Fiction-Kultwerk „Per Anhalter durch die Galaxis“.

Die Lesung im fast vollbesetzten Konferenzsaal des HWK erschöpfte sich nicht darin, dass Reiter aus insgesamt sieben Abschnitten der Romanreihe vortrug – zu jeder Passage stellte der frühere Astronaut und heutige Koordinator der Europäischen Weltraumorganisation ESA Bezüge zur Realität und zur Raumfahrt der Gegenwart her. Zur fiktiven Vernichtung der Erde durch die außerirdische Spezies der Vogonen, die im Roman nur zwei Minuten andauert, zeigte Reiter per Videoprojektor Satellitenaufnahmen der Rodungsflächen im Amazonasgebiet. Nicht Außerirdische zerstören die Heimat Erde, sondern der Mensch selber durch den von ihm erzeugten Klimawandel, lautete Reiters Aussage.

Mit sichtlichem Vergnügen las der Weltraumforscher den Abschnitt über den „Unendlichen Unwahrscheinlichkeitsantrieb“ vor, eines der zentralen Themen des Romans. Dabei handelt es sich um einen Raumschiffantrieb, der die Bewältigung von gewaltigen Distanzen ohne Zeitverlust erlaubt. „Von der Entwicklung eines solchen Antriebs sind wir noch ein bisschen entfernt“, sagte Reiter schmunzelnd. Die Technik des Raketentriebwerks der Trägerrakete Ariane 5 stamme noch aus den 1960er-Jahren, als Treibstoffe werden flüssiger Sauerstoff und Wasserstoff verwendet.

Eine zukunftsweisende Antriebsmethode für Raumfahrzeuge ist für Reiter der Ionen-Antrieb. Dieser soll auch beim „Orion-Programm“ verwendet werden, einem interplanetaren Raumschiff, mit dem Astronauten zum Mond oder auch zum Mars fliegen sollen. Ein zentraler Teil der Orion-Raumschiffe ist das Europäische Servicemodul ESM, das sogar einen regionalen Bezug hat: Es wird bei Airbus in Bremen gefertigt.

Den „Pangalaktischen Donnergurgler“, im Roman der angeblich stärkste Drink der Galaxis, nahm Reiter zum Anlass, ein wenig über seinen Alltag auf der Raumstation ISS zu plaudern, auf der er 2006 über ein halbes Jahr verbracht hatte. Er berichtete von aus Kondenswasser und Urin regeneriertem Wasser, Suppen aus Plastikbeuteln und Gerichten aus Konservendosen.

Bei der Lesung wurde selbstverständlich auch „Deep Thought“ erwähnt, bei „Per Anhalter durch die Galaxis“ der zweitgrößte Computer im Universum. Er fand nach siebeneinhalb Millionen Jahren Rechenzeit die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und allem. Die – weithin bekannte – Antwort: 42. Er war allerdings nicht imstande, die dazu passende Frage zu formulieren, weshalb die Antwort unverständlich ist.

Hier fand Reiter einen interessanten Bezug zum neu entwickelten Quantencomputer „Sycamore“ von Google. Dieser lieferte die Lösung zu der ihm gestellten Aufgabe innerhalb von 200 Sekunden. Der schnellste Supercomputer der Welt hätte dafür rund 10 000 Jahre benötigt. Reiter berichtete allerdings auch, dass die Problemstellung so gewählt worden sei, dass sie für den Sycamore bestmöglich und für klassische Computer besonders schwierig zu bewältigen war. Während heutige Computer äußerst flexible Maschinen seien, die viele verschiedene Aufgaben bewältigen könnten, tauge der Quantencomputer zunächst nur zum Bearbeiten einer einzigen Aufgabe. Und die habe für praktische Aufgaben nicht einmal irgendeine Relevanz.

Geradezu anachronistisch mutet da die technische Ausrüstung der ISS an: Viele der Rechner auf der internationalen Raumstation sind bis heute noch mit Intel-80386-Prozessoren ausgestattet, die 1985 auf den Markt kamen. „Die sind nicht so anfällig für die kosmische Strahlung und haben sich bewährt“, erklärte der ESA-Koordinator.

Ebenso interessant wie die Lesung war auch die Fragerunde mit dem Astronauten danach. Angesprochen auf eine Besiedelung des Planeten Mars ab 2025, die der US-amerikanische Unternehmer Elon Musk vollmundig angekündigt hatte, äußerte sich Reiter verhalten. „Auch für einen Elon Musk gelten die Gesetze der Physik“, sagte er. Noch immer seien wichtige technische Fragen nicht gelöst, beispielsweise das Problem der kosmischen Strahlung für die Weltraumfahrer und deren Versorgung mit Nahrung und Wasser bei einer Missionsdauer von zweieinhalb Jahren. „Bis hier Antworten gefunden sind, wird es noch zwei Jahrzehnte dauern“, prognostizierte der ESA-Koordinator.

Ebenfalls äußerte sich Reiter zum Weltraumschrott, der sich im Raum um die Erde befindet und eine Gefahr für die Raumfahrt darstellt. „Es gibt immer mehr Schrottteile, die kleiner als fünf Zentimeter groß sind“, warnte er. Diese Kleinstteile seien besonders gefährlich, da sie nicht beobachtet werden könnten. Derzeit würden 8000 Satelliten die Erde umkreisen, davon seien 1800 aktiv. „Private Weltraumunternehmen wollen in den nächsten fünf Jahren über 50 000 Satelliten in die Erdumlaufbahn schicken“, sagte Reiter. Er sprach sich für die Entwicklung eines internationalen Verfahrens zum Umgang mit Weltraumschrott und eines Ausweichmanövers der Satelliten aus.

Am Ende des Abends kündigte Bijan Kafi, Pressesprecher des HWK, an, dass künftig öfters Veranstaltungen dieser Art stattfinden. „Das HWK will sich öffnen und Wissenschaftsthemen noch stärker in die Stadt und in die Öffentlichkeit hineintragen“, versprach er.

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