Harfenistin Mirjam Schröder und Schlagwerkerin Rie Watanabe gestalteten den Auftakt der neuen Saison der Rathauskonzerte

Von den Reizen eines neuen Klanggewands

Ganderkesee. Bearbeitungen hatten lange einen schlechten Ruf. Dabei war das in der Barockzeit ein gängiges Mittel, sich Musik für eigenes Musizieren verfügbar zu machen.
16.11.2015, 00:00
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Von Günter Matysiak

Bearbeitungen hatten lange einen schlechten Ruf. Dabei war das in der Barockzeit ein gängiges Mittel, sich Musik für eigenes Musizieren verfügbar zu machen. Aber dann kam Charles Gounod und verkitschte Bachs C-Dur-Präludium zum Ave-Maria-Schlager, und der Ruf des Bearbeitens war dahin. Was für einen Reiz es aber haben kann, eine bereits existierende Musik in ein neues „Klanggewand“ zu kleiden, war am Sonnabend im ersten „Rathauskonzert“ dieser Saison zu erleben. Stefan Lindemann, Vorsitzender des Rathauskonzerte-Vereins, freute sich wieder über ein großes Publikum. Das erlebte einen anregenden Abend mit dem Ensemble „Mi-Ri“, dem Duo Mirjam Schröder (Harfe) und Rie Watanabe (Vibraphon und Marimbaphon) mit Musik zwischen Barock und Moderne unter der Überschrift „Sketches“.

Wer sich im Vorhinein Vorstellungen über den Klang von Harfe und Vibraphon oder Marimbaphon gemacht und sich vermischende Klangwolken erwartet hatte, lag falsch. Schon die beiden Sätze aus Claude Debussys ursprünglich für Klavier zu vier Händen komponierte „Petite Suite“ waren gar nicht so sanft schwelgend, sondern mit knackigen Klangfarben von der Klarheit, die den musikalischen Impressionismus auszeichnet. Dabei gab es im „En Bateau“ etwas wie einen Rollentausch: Das Schlagwerk vertrat die schwebende Sanftheit, die Harfe die perkussive Seite. Im „Ballet“ führten Klangbrillanz und raffinierte Mischungen zu strahlender Ausgelassenheit.

Sowohl Steve Reichs für zwei Marimbaphone komponiertes „Nagoya Marimba“ als auch „A Room“ von John Cage arbeiten mit den Mitteln der „Minimal Music“. Das ist in etwa so, als würde man einen kurzen Kanon in einer Endlosschleife wiederholen. Dem Reichschen Stück gab das Duo eine gute Portion „Swing“ auf seinen Weg durch ostinate Wiederholungen, Erweiterungen, Verkettungen und Verschlingungen. Wiederholungsmuster mit minimalen Veränderungen herrschten auch im Cage-Stück, und auch hier hatte die Musik deutlich meditativen Charakter.

Eric Satie (1866-1925) komponierte keine Stücke in Sonatenform, sondern in „Birnenform“. Dem musikalischen Sonderling gehörten zwei Programmblöcke. Das „Prélude en Patisserie“, die „Gnossienne“, der „Grand Cancan Mondien“ und auch die „Sonatine Bureaucratique“ mit ihrem skurrilen Text sind eigentlich Klaviermusik. Die neue Farbe, die Klangsensibilität und die sprühende Spielfreude des Duos ließen die Bearbeitung des in Detmold lebenden Yasutaki Inamori eine sehr reizvolle Erweiterung des Originals sein. Die übrigen Bearbeitungen stammten von „Mi-Ri“ selbst.

Die beiden mit vielerlei Preisen ausgezeichneten Musikerinnen wechselten sich in der persönlich gefärbten, lebendigen Moderation ab. Yujii Takahashis „Like a Water-Buffalo“, Variationen über ein vietnamesisches Volkslied für Vibraphon und Harfe (original für Akkordeon), war eine tiefsinnige, gestaltenreiche Neue Musik, die sich, wie ja auch Reich und Cage, dem spontanen Verständnis nicht verweigert.

Dann wurde Johann Sebastian Bachs „Italienisches Konzert“ klanglich neu eingekleidet. Die Verwandlung – eine differenzierte Orchestrierung – analysierte und verstärkte die Concerto-Struktur, ließ Harfe und Marimbaphon miteinander „wett-eifern“ – was „konzertieren“ ja auch bedeutet – gab den Tutti-Teilen vielfältige Farbigkeit und war so eine kraftvolle neue Version dieses berühmten Klavierwerks.

Als Zugabe gab es dann eine Rarität: Wer kennt schon Maria Theresia von Paradies? Die zu Lebzeiten (1759-1824) hoch geschätzte Komponistin, Pianistin, Sängerin und Pädagogin war mit Mozart und Haydn bekannt. Ihre „Sicilienne“ war hier das sanfte Schlummerlied für den Nachhauseweg oder die Begleitung zur abschließenden Plauderei bei Wein und Häppchen.

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