Von der Party zur Prothese

Ganz langsam schiebt Sascha Rind seinen Fuß ein Stück vor. Erst einmal antesten.
09.05.2017, 00:00
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Von der Party zur Prothese
Von Esther Nöggerath
Von der Party zur Prothese

Die Schüler testeten unter anderem aus, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen.

Janina Rahn

Ganz langsam schiebt Sascha Rind seinen Fuß ein Stück vor. Erst einmal antesten. Dann zieht er die Prothese nach, die an seinem anderen Bein befestigt ist. Er strauchelt, hält sich an den Krücken fest. Nach ein paar Versuchen wird der 17-Jährige etwas sicherer mit dem Beinersatz und läuft ein paar Schritte den Flur auf und ab. Immer noch etwas holprig, aber immerhin kommt er voran. „Wahnsinn, ist das schwer“, sagt der Jugendliche. „Man fühlt nicht, wo der Fuß ist, deswegen kann man sehr leicht stolpern.“ Außerdem tut das Ganze irgendwann auch am anderen Fuß und an den Händen weh, die all das ausgleichen müssen, was durch das zweite Bein fehlt.

Sascha ist einer von rund 40 Gymnasiasten aus Ganderkesee, die an diesem Vormittag im Josef-Hospital Delmenhorst (JHD) alle Stationen durchleben, die ein Schwerverletzter nach einem Unfall passiert. Das Ganze ist Teil des Präventionsprojekts „Prevent Alkohol and Risk Related Trauma in Youth“ (Party), das nun auch in Delmenhorst angeboten wird. Nach den ersten Stopps im Rettungswagen, der Notaufnahme und der Intensivstation sind die Schüler inzwischen in der Physiotherapie angekommen, in der sie die Einschränkungen durch eine Prothese oder einen eingegipsten Arm am eigenen Leib erleben. Die 17-jährige Andrea Klobetanz testet einen der Rollstühle und fährt damit den Flur entlang. „Inzwischen habe ich den Dreh raus“, sagt sie. „So schwer ist es eigentlich nicht. Aber es geht nach einer Weile ganz schön in die Arme.“

Ziel des Projektes ist es, jungen Menschen die Auswirkungen von fahrlässigem Verhalten im Verkehr nahezubringen. „Es geht darum, die Schüler dafür zu sensibilisieren, nicht mit Handy in der Hand zu fahren oder sich alkoholisiert ans Steuer zu setzen“, nennt der Kontaktbeamte Torsten Blume, der das Projekt von Polizeiseite aus begleitet, Beispiele. „Die Kinder sollen von risikoreichem Verhalten abgehalten werden.“ Etwas, was offenbar fruchtet: „Bei mir funktioniert's auf jeden Fall. Auf Dauer habe ich sicherlich keinen Bock darauf“, sagt Sascha mit Blick auf seine Prothese. Dennoch nimmt er die Hilfe nicht gleich wieder ab, sondern kämpft sich wacker damit zum Mittagessen. Die Treppe ist die erste große Hürde, die er dabei zu meistern hat, während vier seiner Mitschüler mit ihren ausgeliehenen Rollstühlen den Fahrstuhl nehmen müssen.

Nach dem Essen kommen dann auch noch ehemalige Trauma-Patienten ins JHD, um den Jugendlichen von ihren Erfahrungen zu schildern. Wie etwa von einem verheerenden Motorradunfall mit gerade 20 Jahren, bei dem der Fahrer ein Bein verlor. Oder über die lange Zeit danach in Behandlung, als immer weniger Freunde zu Besuch kamen. Sogar über aufkommende Selbstmordgedanken berichten die Gäste. Etwas, das Eindruck hinterlässt. Genauso wie der Besuch auf der Intensivstation. „Wir haben dort einen Raum gesehen, wo zwei Koma-Patienten lagen. Das ist ein Anblick, der einen nicht kalt lässt“, erzählt Schüler Wilke Stubben.

Und Einprägen soll sich der Tag schließlich auch. „Die Jugendlichen sollen dann auch als Multiplikator fungieren und das ganze an Freunde und Mitschüler weitertragen“, erzählt Jörg Retzlaff, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, der die Aktion auf den Weg gebracht hat und begleitet. Er will das Projekt „Party“ viermal im Jahr anbieten und so weiteren Schulklassen die Möglichkeit bieten, daran teilzunehmen. Retzlaff selbst wurde auf das Projekt bei einem Kongress aufmerksam und hat sich an einer anderen Klinik ein Bild davon machen können. „Ich fand das einfach eine spannende und sinnvolle Aktion und habe überlegt, wie wir das auch bei uns umsetzen können“, berichtet der Chefarzt.

Insgesamt rund 20 Mitarbeiter des Krankenhauses beteiligten sich an der Aktion an den unterschiedlichen Stationen. „Die Intensivstation war eindeutig am Einprägsamsten“, findet Wilke. „Aber der ganze Tag war sehr aufschlussreich. Es ist schon beeindruckend, was für ein enormer Aufwand das ist, nach einem Unfall wieder auf die Beine zu kommen.“

Auf dem Weg zum Mittagessen muss Sascha mit seiner geliehenen Prothese mehrere Male anhalten. Ab und zu strauchelt er, sichert mit dem zweiten Bein das Hilfsmittel, um nicht umzukippen. „Das ist wahnsinnig anstrengend. Als würde man den ganzen Tag ohne Bein laufen“, bemerkt der Jugendliche. Als es eine kleine Anhöhe hinauf geht, ist der 17-Jährige kurz davor aufzugeben. Aber der Ehrgeiz hat ihn gepackt und auch das Angebot seiner Mitschülerin, ihm für den Rest des Weges ihren Rollstuhl auszuleihen, lehnt er ab. „Wenn er beim Essen ist, hat er sich das auf jeden Fall auch redlich verdient“, bemerkt Retzlaff anerkennend. Dann hat es Sascha schließlich geschafft. Und am Ende des Projektes ist er heilfroh, dass er die Prothese einfach abnehmen und mit zwei gesunden Beinen wieder nach Hause gehen kann.

„Die Intensivstation war eindeutig am Einprägsamsten.“ Wilke Stubben, Schüler
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