Interview mit Iris Stahlke Von der Tendenz, sich selbst abzuwerten

Psychologin Iris Stahlke referiert am 18. März in Delmenhorst. Im Interview vorab spricht sie über Vorurteile und das Image-Problem der Stadt.
04.03.2019, 21:48
Lesedauer: 4 Min
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Von der Tendenz, sich selbst abzuwerten
Von Esther Nöggerath
Delmenhorst ist eine Stadt, über die es viele Vorurteile gibt. Zum Beispiel ist die Stadt nach wie vor verpönt als Kriminalitätshochburg, dabei sieht das schon seit Jahren anders aus. Wie kommt es denn, dass sich Vorurteile so hartnäckig halten?

Iris Stahlke: Es ist so, dass Vorurteile zumeist schon von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden. Da gibt es also so eine Art von Tradition. Und da Vorurteile eben auch immer mit Emotionen verbunden sind, kommt es dazu, dass nicht einfach rein informativ am Abendbrottisch über Delmenhorst gesprochen wird, sondern eben immer eine Emotion mittransportiert wird. Das macht es so schwierig, Vorurteile wieder aufzulösen, weil sich diese Emotionen eben sehr langwierig und hartnäckig halten. Es gibt da immer eine gewisse Unsicherheit – auch, wie mit neuen Informationen umzugehen ist.

Positive Entwicklungen scheinen dagegen nur wenig wahrgenommen zu werden. Wie kommt das?

Neue Informationen werden von Menschen dann häufig als Ausnahmen bewertet. Dann heißt es: „Naja, die Statistik mag ja jetzt mal ganz gut sein, aber generell haben wir da eigentlich ein Problem.“ Informationen helfen dann schwerlich, weil es bei Vorurteilen ja häufig um Meinungen geht und nicht um Erfahrungen. Außerdem gibt es natürlich auch eine Kriminalitätsfurcht, die ist in der Gesellschaft häufig verbreitet, weil es derzeit so viele Umbrüche gibt. Auf Dinge wie Digitalisierung, Globalisierung oder veränderte Geschlechterrollen reagieren viele Menschen auch mit Furcht. Und diese Ängste lenken sie dann auch gerne auf die Kriminalität hin.

Wie kann man gegen solche Vorurteile angehen?

Die Erzählungen über Delmenhorst müssen sich verändern. Die Stadt hat ja auch schon tolle Sachen gemacht und Projekte unterstützt – wie etwa diesen Rap-Song, in dem sich Jugendliche und junge Erwachsene mit dem Thema beschäftigt haben und sagen, dass die Stadt ganz viel Herz hat. Ich denke, das ist etwas, was noch mehr werden müsste. Es kann nur etwas verändert werden, indem die Menschen positiv erzählen. Das können auch Initiativen tun. Da gibt es ja auch schon gute Initiativen. Das kann aber auch jeder und jede für sich selbst tun.

Es gibt auch viele Delmenhorster, die selbst über ihre Stadt schimpfen, die Vorurteile kommen nicht nur von außerhalb. Wieso empfinden denn auch die Bewohner selbst ihre Stadt teilweise als negativ?

Es ist in der Sozialpsychologie natürlich auch immer so, dass man einen sozialen Vergleich zwischen Gruppen hat. Eigentlich versucht man sich immer auch in seiner Gruppe positiv zu bewerten. Bei den Delmenhorstern kann man aber fast schon sagen, dass es eine autoaggressive Selbstabwertungstendenz gibt. Dabei sollten sie auch mal selbstbewusster damit umgehen und sich nicht nur selbst so entwerten. Oft wird auch immer Bremen als Vergleich herangezogen, dann heißt es: "Bremen ist die tolle Stadt in der Nachbarschaft", "Leider sind wir nicht in Bremen" oder "Bremen hat dies und das und jenes. Ich glaube, Bremer sind auch nicht immer so zufrieden, aber sie müssen sich nicht selbst immer permanent in diese Abwertungsschleife begeben. Und da sind, finde ich, viele Delmenhorster drin, die sich eigentlich auch mal mehr auf die positiven Seiten beziehen und einfach selbstbewusster mit ihrer Stadt und dem Stadtbild umgehen müssten.

Ist das ein rein spezielles Delmenhorster Problem?

Nein, es gibt da auch andere Beispiele. Eine Stadt, die das genauso gut kann, ist etwa Kassel. Kassel hat auch diese Selbstentwertungstendenzen, die sich dort zeigen. Auf den Punkt der Kriminalität bezogen ist auch Bochum vergleichbar. Dort gibt es das Phänomen, dass viele Bürger eine ganz hohe Anzahl an Kriminalität befürchten. Es gibt aber Untersuchungen dort, die zeigen, dass die Befürchtungen 65 mal höher sind, als es in der Stadt wirklich kriminelle Straftaten gibt. Das gibt es also schon auch in anderen Städten.

Bei einer Imageanalyse für das Standortmarketingkonzept in Delmenhorst kam unter anderem heraus, dass viele außenstehende Menschen gar nicht unbedingt ein negatives Bild von der Stadt im Kopf haben, sondern gar keines. Wie, denken Sie, kann man diese Lücken füllen?

Ich denke, es müssten vermehrt von der Stadt oder den verschiedenen Initiativen immer wieder die positiven Aspekte hervorgehoben werden. Delmenhorst hat ja viele positive Aspekte. Zum Beispiel wird ja der Tiergarten von vielen Delmenhorstern als sehr positiv bewertet. Das habe ich jedenfalls sehr häufig gehört. Durchaus werden auch die Schulen positiv bewertet. Damit muss dann aber auch noch mehr geworben werden. Diese Potenziale müssen ausführlicher genutzt werden, um Delmenhorst ein anderes Label zu geben, wie eine Marke, die sich dann verändert.

Und dann kommt zu den ohnehin schon bestehenden Vorurteilen noch die Mordserie von Niels Högel dazu, die durch ihre Aufarbeitung derzeit wieder permanent in der Öffentlichkeit präsent ist. Oftmals haftet ein solcher Fall sehr lange an einer Stadt, Winnenden etwa scheint man automatisch immer mit dem Amoklauf dort zu verbinden. Kann man solch eine negative Konnotation überhaupt wieder wegbekommen?

Davon gehe ich aus. Man hat natürlich immer die Tendenz, den Fokus auf das zu richten, was nicht so gut ist. Auch in der Psychologie gibt es da entsprechende Konzepte, bei denen man sich nur das anguckt, was negativ ist und das Drumherum gar nicht wahrnimmt. Wichtig ist da eben immer, auch zu differenzieren. Es gibt ja nicht nur Niels Högel in dem Krankenhaus, sondern auch viele positive Berichte über die Einrichtung. Ich glaube, dass es eine Zeit dauern wird, bis eine solche Assoziation weggeht, weil Menschen so etwas immer lange beibehalten und es eben auch mit Emotionen verbunden sein kann. Aber wenn neben der negativen Konnotation gleichzeitig auch immer die positiven Aspekte der krankenhausärztlichen Versorgung genannt werden, ist das auch durchaus veränderbar.

Das Interview führte Esther Nöggerath.

Info

Zur Person

Iris Stahlke (52)

ist Psychologin und Professorin im Bereich der Psychologie an der Universität Bremen. Sie kommt aus der Stadt Verden, wo sie unter anderem zehn Jahre lang im Frauenhaus gearbeitet hat. An der Universität Bremen war Stahlke von 1994 bis 2000 tätig und ist dort nun seit 2010 wieder beschäftigt.

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