Grotelüschen neue Landwirtschaftsministerin Von Null auf Ministerin in Rekordzeit

Delmenhorst·Landkreis Oldenburg. Am Montag gab Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff bekannt, dass Astrid Grotelüschen seine neue Landwirtschaftsministerin wird. Zur Pressekonferenz kam die 45-Jährige nicht mit dem Flugzeug aus Italien, sondern mit dem Auto.
21.04.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Andreas D. Becker

Delmenhorst·Landkreis Oldenburg. Es wurde stressig für Astrid Grotelüschen, das Flugverbot bremste auch die CDU-Bundestagsabgeordnete aus Großenkneten. Und das ausgerechnet an dem Tag, als ihre eigentlich noch recht kurze Karriere so richtig Fahrt aufnahm: Am Montag gab Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff bekannt, dass sie seine neue Landwirtschaftsministerin wird (wir berichteten). Zur Pressekonferenz schaffte es die 45-Jährige gerade noch, auch wenn ihr Flieger aus Norditalien am Boden bleiben musste.

20 Stunden Autofahrt nahm sie auf sich, um dabei zu sein. Einen Termin im Kindergarten vormittags in Delmenhorst musste sie allerdings verschieben, aber sie holte ihn nach, gleich gestern. Sie wollte den Kindern Spaß aufs Lesen machen, am Freitag ist Welttag des Buches. Sie nimmt sich also weiterhin Zeit für ihren Wahlkreis, auch wenn ihr Leben in Zukunft wahrscheinlich noch etwas weniger Luft für Freizeit und Familie und die Heimat lässt. Wie das mit Blitzkarrieren eben so ist. Erst im vergangenen September hatte Grotelüschen überraschend den Wahlkreis Oldenburg-Land, Delmenhorst und Wesermarsch gewonnen, gegen den SPD-Veteranen und Direktmandatsinhaber Holger Ortel. Und nun hat sie, immer noch als politischer Neuling auf der ganz großen Bühne, den großen Wurf geschafft: quasi von null zur Ministerin in Rekordzeit.

S chwierige Entscheidung

'Die Entscheidung war nicht einfach', gibt sie zu. Lange hat sie überlegt. Soll sie ihr frisch gewonnenes Mandat in Berlin einfach wieder abgeben? Kann sie diese Mammutaufgabe bewältigen? Aber warum nicht? Politik ist Politik ist Politik, könnte man sagen, egal ob nun in der Kommune, im Reichstag oder eben in Hannover. Außerdem hat sie natürlich das Ressort gereizt, die studierte Ernährungswissenschaftlerin und Chefin eines Putenmastbetriebes sieht sich bei den Themen Landwirtschaft, Ernährung, Verbraucherschutz natürlich bestens aufgehoben. 'Das ist einfache eine tolle Herausforderung. Und ich denke, dass ich auch durch meine Regierungsarbeit viel für meinen Wahlkreis erreichen kann', sagt sie.

Inhaltliche Schwerpunkte ihrer zukünftigen Arbeit wollte sie gestern aber noch nicht festzurren. Erst mal offiziell Ministerin werden, dann ihre Mitarbeiter im Ministerium kennenlernen, die Arbeit des Vorgängers Heiner Ehlen aufgreifen, um schließlich selbst anzufangen, Akzente zu setzen und zu gestalten. So sieht der Fahrplan für die kommenden Wochen aus. Dass sie ohne große Erfahrung nun einen so großen Laden wie ein Ministerium leiten soll, beeindruckt sie dabei anscheinend kaum. Jedenfalls wirkt sie gelassen. 'Ich kann auf ein tolles Team zurückgreifen, außerdem habe ich mit Friedrich-Otto Ripke einen tollen Staatssekretär. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit allen.'

Viele Glückwünsche gab es natürlich aus den eigenen Reihen für die neue Ministerin. 'Ich freue mich auf die nun noch engere Zusammenarbeit mit Astrid Grotelüschen', meinte die Delmenhorster Landtagsabgeordnete Swantje Hartmann. Und offenbar ist es Wulff und seiner neuen Crew gelungen, tatsächlich still zu halten, bis Montagmittag die Nachricht durchs Land ging. 'Wir waren alle sehr überrascht, niemand hat mit dieser Entscheidung gerechnet', teilte Ansgar Focke, Vorsitzender der Landkreis-Union mit. Der Delmenhorster CDU-Boss, Heinz Gerd Lenssen, gratulierte nicht nur Astrid Grotelüschen, sondern auch der gebürtigen Delmenhorsterin Christine Harwighorst, die bisher Staatssekretärin im niedersächsischen Sozialministerium war und nun in gleicher Funktion ins Kultusministerium zu Neu-Minister Bernd Althusmann wechselt. Und auch Landrat Frank Eger (SPD) beglückwünschte Astrid Grotelüschen, wünschte sich sogar ausdrücklich, dass sie weiterhin als Abgeordnete im Kreistag bleibe - auch wenn das wegen der Terminsituation sicherlich nicht einfach sei.

Auch Kritik an Berufung

Auf der anderen Seite wurde auch schon Kritik an der Berufung von Astrid Grotelüschen laut. Stefan Wenzel, Fraktionschef der Grünen im Landtag, sagte: 'Die geplante Einstellung einer ausgewiesenen Massentierhaltungsexpertin sei eine niederschmetternde Bestätigung der Lobbypolitik für Großagrarier und Hühnerbarone.' Und auch aus Landesverband Niedersachsen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft kam scharfe Kritik an der Personalie Grotelüschen. Pressesprecher Eckehard Niemann wertete die 'Ernennung der Puten-Agrarindustriellen als deutliche Absage der Regierung Wulff an eine bäuerliche Landwirtschaft und als Signal für die verstärkte Durchsetzung von agrarindustriellen Konzern-Strukturen'. Viele Bauern würden diese Nominierung als Affront begreifen.

Astrid Grotelüschen wird sich an diese Vorwürfe gewöhnen müssen, weist sie aber zurück. 'Wer mich kennt, weiß, dass das haltlos ist.' Sie verstehe sich als Politikerin, die immer nach rechts und links und auch über den Tellerrand hinaus blicke. 'Wenn ich so denken würde, wie es mir vorgeworfen wird, hätte ich diese Aufgabe nicht angenommen', sagt sie. Und statt ebenfalls schwere Geschütze aufzufahren, reagiert Astrid Grotelüschen gelassen: 'Ich freue mich schon auf ein erstes Gespräch mit Herrn Wenzel.'

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