Vortrag über Demokratie und Bibliotheken

"Im analogen Raum kann sich niemand hinter Katzenfotos verstecken"

"Nicht bloß Bücherverwahranstalten: Warum Bibliotheken für unsere Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind" heißt ein Vortrag des Historikers und Germanisten Hassan Soilihi Mzé im HWK.
05.08.2021, 12:57
Lesedauer: 3 Min
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Von ALW
"Im analogen Raum kann sich niemand hinter Katzenfotos verstecken"

Eine Bibliothek – wie hier die Stadtbücherei Delmenhorst – übernimmt für Hassan Soilihi Mzé in einer Demokratie eine wichtige Rolle: "Sie ist ein nicht-kommerzieller Ort der Begegnung."

TAMMO ERNST

Bijan Kafi und Hassan Soilihi Mzé können sich streiten, unterschiedlicher Meinung sein und hinterher einen Kaffee trinken gehen. "Das sollte eigentlich normal sein, ist aber nicht selbstverständlich", sagt Soilihi Mzé. Der Historiker hält am Montag, 9. August, einen digitalen Fachvortrag mit dem Titel "Nicht bloß Bücherverwahranstalten: Warum Bibliotheken für unsere Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind". Organisiert hat ihn Bijan Kafi, Pressesprecher des Hanse-Wissenschaftskollegs (HWK) in Delmenhorst.

Gute Frage: Warum sind Bibliotheken für unsere Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt so wichtig? "Wir müssen alle Institutionen und Räume nutzen, um gegen Polarisierung vorzugehen", gibt Soilihi Mzé einen Vorgeschmack auf seinen Vortrag. "Polarisierung entsteht durch die Anonymität, die der digitale Raum bietet. Anders als im Internet kann ich im analogen Raum unmittelbar Fragen stellen, und keiner kann sich hinter Katzenfotos verstecken." Dass gerade diese Anonymität Meinungsfreiheit verhindert, glaubt er nicht. Aber was, wenn sich jemand mit einer vermeintlich unpopulären Meinung zurückhält, obwohl seine Ansicht einen anderen Menschen bereichern könnte und ihm eine neue Sichtweise auf eine Problematik schenkt. "Dass Holocaust-Leugner nicht dazu gehören, steht außer Frage. Das heißt aber nicht, dass wir in einer Gesinnungsdiktatur leben", lautet die Überzeugung des 38-Jährigen. "Denn, ob ich für das Impfen bin oder dagegen, ob ich der Meinung bin, dass Merkel die Grenzen für alle geöffnet hat oder ob ich glaube, dass es Corona nicht gibt – das alles sind Meinungen, die eine Demokratie aushält. Aber ich sollte halt mit meinem Namen und meinem Gesicht zu meiner Ansicht stehen. Allerdings: Haltung zu zeigen und zu wahren, ist nicht immer bequem."

Hassan Soilihi Mzé wurde als Sohn einer deutschen Mutter und eines komorischen Vaters in Zwickau geboren und ist im nahe gelegenen Wilkau-Haßlau aufgewachsen – hat also die erste Zeit seines Lebens in der DDR verbracht. "Ich war sieben Jahre alt, als das System kollabierte", sagt er. Haben diese ersten sieben Jahre seines Lebens ihn so geprägt, dass ihm deswegen das Thema Demokratie so wichtig ist? "Ich habe mich schon ein paar Mal gefragt, ob ich angepasster gewesen wäre, wenn ich kein DDR-Kind gewesen wäre", antwortet er. "Auch wenn meine Familie weder renitent noch angepasst war, so hat das Regime meiner Mutter schon das Leben schwer gemacht, weil sie einen Mann aus dem nicht-sozialistischen Ausland geheiratet hatte." Zum Studieren zog er schließlich nach Leipzig. Die Sprengung der Paulinerkirche, die Friedensgebete in der Nikolaikirche, also die Untaten des DDR-Regimes und die friedliche Revolution dagegen – das war alles vor seinem Magisterstudium. "Aber die Stadt atmet das noch", betont er. "All diese historischen Orte sind so dicht beieinander, dass man von einem zum anderen bequem zu Fuß gehen kann." 

In seinem Vortrag wirft Soilihi Mzé auch einen Blick auf die Geschichte der Bibliotheken, wie sie missbraucht wurden beispielsweise. "Ich will aber auch aufzeigen, welche Chancen sie haben, zu Orten der Kommunikation zu werden. Ich will aus einer Bibliothek mehr mitnehmen als nur ein Buch. Die Menschen wollen sich über das, was sie gelesen haben, austauschen. In der Bibliothek laufen mir Leute über den Weg, eben weil Bibliotheken keine reinen Bücherverwahranstalten sind", sagt er. "Bibliotheken sind Meinungsorte, Orte der Begegnung, anlasslose Orte. Anlasslose Orte heißt: Ich kann dort einfach so hingehen, um Musik zu hören, kann träumen, spielen und mich mit jemandem unterhalten, wenn ich niemanden störe. Das kann ich auch im Café, im Kino und beim Friseur. Aber im Café muss ich etwas bestellen, im Kino einen Film sehen und beim Friseur muss ich mir die Haare schneiden lassen. Eine Bibliothek kann ich aber auch besuchen, ohne mir ein Buch auszuleihen. Sie ist ein nicht-kommerzieller Ort der Begegnung." 

Ursprünglich hätte Soilihi Mzé den Vortrag auch schon früher halten sollen, jedoch fiel die Veranstaltung Corona zum Opfer. "Dann eben digital. Ansonsten hätte ich meinen Vortrag zum Anlass genommen, mal Delmenhorst kennenzulernen", sagt der Wahl-Leipziger. "Aber wenn mich mein Reisegeschäft mal wieder in den Norden führt, werde ich sicherlich einen Schlenker über Delmenhorst fahren."

Zur Sache

Die Fachveranstaltung "Nicht bloß Bücherverwahranstalten: Warum Bibliotheken für unsere Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind" mit Hassan Soilihi Mzé findet am Montag, 9. August, in der Zeit von 19.30 bis 21 Uhr statt. An dieser Online-Veranstaltung des Hanse-Wissenschaftskollegs kann jeder ohne vorherige Anmeldung unter https://hanse-ias.de/digital teilnehmen.

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