Vortrag in Delmenhorst „Wir verlieren alles andere aus dem Blick“

Eine Transformation der Gesellschaft ist nötig, meint der Theologe und Philosoph Jürgen Manemann. Wie die Herausforderungen der Corona-Krise dafür genutzt werden können, erläutert er in einem Online-Vortrag.
12.04.2021, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir verlieren alles andere aus dem Blick“
Von Annika Lütje

Es ist das eine Thema – das Thema, das alles andere überlagert, das den Alltag dominiert und das Leben zurzeit mehr oder weniger strukturiert. Das Thema heißt Corona. Die Pandemie lässt die Gesellschaft mit all ihren Herausforderungen mehr im Hier und Jetzt verweilen, als es die Vergangenheit je getan hätte. Und doch lohnt sich ein Blick auf die Zukunft, denn diese bietet gerade nach der Krise große Chancen für die Gesellschaft und ihr Wirken. So sieht es Jürgen Manemann, der auf Einladung der Delmenhorster Universitäts-Gesellschaft an diesem Montag, 12. April, einen Vortrag zu dem Thema „Corona. Antworten auf eine kulturelle Herausforderung“ halten wird. Die Veranstaltung wird – wegen eben jener Pandemie – nicht wie gewohnt im Hanse-Wissenschaftskolleg stattfinden, sondern über eine Online-Plattform. Dennoch „freue ich mich sehr, dass die Universitäts-Gesellschaft endlich wieder einen Vortrag anbieten kann; wir sehen es als kleinen Schritt in Richtung Normalität“, teilt Hans-Christian Schröder, Vorsitzender der Gesellschaft, mit.

Jürgen Manemann ist wissenschaftlich in der katholischen Theologie und Philosophie zu Hause. Der 57-Jährige ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Er lehrt zudem an der Leibniz Universität Hannover, der Universität Erfurt sowie der Universität Hildesheim. Des Weiteren ist er Mitglied im Niedersächsischen Ethikrat und im Klimaweisenrat der Stadt und Region Hannover. Es liegt in der Natur der Philosophie, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und den Blick zu weiten. Und genau das möchte Manemann in seinem Vortrag: seinen und den Blick seiner Zuhörer weiten, wie er selbst sagt.

„In dieser Pandemie liegt der Fokus ständig auf den Infektionszahlen. Wir verlieren dabei alles andere aus dem Blick“, erklärt er. Deshalb möchte er einmal über andere Aspekte der Krise sprechen. Zum Beispiel über die damit einhergehenden Ängste. „Manche Menschen haben Angst vor Ansteckung, manche haben Angst vor der Gefährdung unserer Demokratie. Einige haben Angst, dass unsere Gesellschaft und das politische System die Krise nicht aushalten. Und ich denke, viele haben Angst, dass sich in der Zeit nach Corona womöglich die Erkenntnis zeigen wird, dass sich in der Gesellschaft nichts verändert hat – dass wir die Chance auf Veränderung unserer Gesellschaft verpasst haben“, führt Manemann aus.

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Über derlei Ängste zu sprechen, sei für ihn wesentlich, denn dies bedeute auch, über Schicksale zu reden. „Es gibt kaum etwas Schlimmeres für Menschen, als das Gefühl zu haben, dass sich niemand für ihr Schicksal interessiert“, sagt er. Dabei müsse jedes Schicksal Beachtung finden – als Voraussetzung für eine Transformation unserer jetzigen Gesellschaft in eine sorgende Gesellschaft, deren Fundament eine sorgende Solidarität ist. In der sich jeder um denjenigen kümmere, der verwundbarer ist als er selbst. „Wir sprechen viel von Risikogruppen. Dabei betrachten wir aber hauptsächlich Indikatoren wie Alter, Vorerkrankungen und ähnliches. Aber wir ignorieren die sozio-ökonomisch inszenierten Verwundbarkeiten von Menschen“, so Manemann. „Jemand, der es sich leisten kann, im Homeoffice zu arbeiten und sich im eigenen Auto fortzubewegen, ist nicht so gefährdet, sich mit Corona anzustecken, wie jemand, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren muss“, ergänzt er. Es sei wichtig, den verwundbareren Menschen zuzuhören und deren Perspektive zu verstehen, um gemeinsam eine andere Gesellschaft zu gestalten.

Manemann möchte die Herausforderungen der Corona-Krise nutzen, um die Gesellschaft zu transformieren. „Denn man darf ja nicht vergessen, dass wir auch in einer Klimakrise stecken. Wenn wir uns jetzt nicht transformieren, haben wir die Bedeutung dieser Corona-Krise nicht erkannt“, sagt er und denkt dabei auch an die jüngeren Generationen, die jetzigen Kinder und Jugendlichen. „Diese jungen Generationen haben während der Pandemie so viel Rücksicht auf die Älteren genommen und so viel zurückgesteckt. Und wir Älteren brechen ständig den Generationenvertrag. Das betrifft auch das Klima – da lassen wir die jungen Generationen im Stich“, erläutert er.

Schließlich sei Corona nach bisherigem Kenntnisstand ein Produkt des immer tieferen Eindringens in natürliche Lebensräume und der tief greifenden Zerstörung der Natur durch den Menschen. Manemanns Kollegen aus der Umweltwissenschaft prophezeiten ihm, dass den Menschen noch zwischen fünf und zehn Jahren Zeit bleibe, um sich und ihr Verhalten radikal zu ändern. Dann würden die Kipppunkte erreicht, an denen nichts mehr zu tun sei. Die jetzigen Kinder würden dann spätestens 2030 mit Wucht die Klimakatastrophe zu spüren bekommen. „Bei einer Erderwärmung von zwei Grad werden wir Hitzewellen von 55 Grad erleben. Wer hält das aus?“, fragt Manemann.

Doch er zeigt sich zuversichtlich: „Ich bin in der Corona-Krise immer wieder positiv überrascht von unserer Gesellschaft. Viele Menschen setzen sich intensiv mit Corona auseinander, eignen sich Wissen an, und ein Großteil der Menschen hält sich an die Regeln“, sagt er und weiter: „Wir haben als Gesellschaft die Entdeckung gemacht, dass wir mehr schaffen können als wir uns zugetraut hätten.“ Möglichkeiten entdecken; sehen, was in einem steckt und was noch gehen könnte; sich selbst und andere mobilisieren: Für all das sei Glück – jenes Glück, das die alltägliche, komfortable Zufriedenheit durchbricht – der Motor. „Aber viele Menschen in unserer Gesellschaft sind nicht glücklich“, sagt Manemann und kommt wieder zum Ausgangspunkt: zum Zuhören und zur sorgenden Solidarität.

Info

Zur Sache

Seinen Vortrag „Corona. Antworten auf eine kulturelle Herausforderung“ hält Jürgen Manemann an diesem Montag, 12. April, um 19.30 Uhr virtuell via Zoom. Anmeldungen nimmt die Delmenhorster Universitäts-Gesellschaft unter der Mail-Adresse uni.del@t-online.de entgegen. Kurz vor Beginn der Veranstaltung werden den Teilnehmern die Zugangsdaten für den Online-Vortrag übermittelt. Die Konferenz wird dann um 19.20 Uhr freigeschaltet. Über die Chat-Funktion haben die Teilnehmer bereits während des Vortrags die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die anschließend beantwortet werden.

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